Plagiatsvorwürfe: Minister Althusmann darf Doktortitel behalten

Eine Kommission der Universität Potsdam hat die Doktorarbeit des niedersächsischen Kultusministers Althusmann überprüft - und das Verfahren jetzt eingestellt. Der CDU-Mann habe unsauber gearbeitet, aber nicht vorsätzlich getäuscht.

KMK-Präsident Althusmann: Bestritt stets jeden Täuschungsvorsatz Zur Großansicht
dapd

KMK-Präsident Althusmann: Bestritt stets jeden Täuschungsvorsatz

Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), derzeit auch Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), darf seinen Doktortitel behalten. Die Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der Uni Potsdam hat seine Doktorarbeit auf Plagiate überprüft und kam zu dem Ergebnis: Althusmann habe zwar unsauber gearbeitet, aber nicht vorsätzlich getäuscht oder geistiges Eigentum verletzt.

Der Vorsitzende der Kommission, der Juraprofessor Tobias Lettl, sagte, die Arbeit von Althusmann enthalte zwar eine Vielzahl formaler Mängel, durch die gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen worden sei - etwa viele fehlende Anführungszeichen. "Insgesamt handelt es sich um Mängel von erheblichem Gewicht", sagte Lettl. Die Verstöße reichten aber nicht aus, um den Tatbestand wissenschaftlichen Fehlverhaltens zu erfüllen. Damit sind die Voraussetzungen nicht erfüllt, um ihm den Doktortitel zu entziehen. Die Kommission stellte das Verfahren ein.

Auch Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit könne man Althusmann nicht vorwerfen, heißt es in einem Bericht der Untersuchungskommission. Als Beleg dafür sieht die Kommission die "Gutgläubigkeit" Althusmanns, was seine Zitierweise in der Arbeit angeht. Er habe statt korrekter Anführungszeichen und Fußnoten oft den Verweis "Vgl." für "Vergleiche" verwendet. Damit stellt die Kommission den Betreuern der Arbeit ein schlechtes Zeugnis aus: "Die Gutachter haben die Arbeit nicht ausreichend (...) geprüft."

Die Vorgeschichte: Nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Frühjahr, die zuerst die Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte, räumte Althusmann "handwerkliche Fehler" ein. Eine erste Untersuchung hatte ergeben, dass auf 88 von 114 untersuchten Seiten Übernahmen von anderen Autoren nicht eindeutig gekennzeichnet waren, insgesamt hat die Arbeit 290 Seiten. Sogar aus Texten seines eigenen Doktorvaters hatte der Minister falsch zitiert.

Bei einer ersten Untersuchung war bereits der zuständige Dekan zu dem Schluss gekommen, "dass die Verdachtsmomente nicht hinreichend ausgeräumt werden konnten". Er entschied daher, die Dissertation mit dem Titel "Prozessorganisation und Prozesskooperation in der öffentlichen Verwaltung" genauer überprüfen zu lassen. Die Überprüfung dauerte drei Monate. Die Kommission fasste ihren Beschluss nach Angaben des amtierenden Uni-Präsidenten Thomas Grünewald einstimmig.

In einer ersten Stellungnahme hatte Althusmann damals darauf gelassen reagiert. Eine neue Sachlage sei nicht eingetreten, er weise "jede Unterstellung der Täuschung nach wie vor entschieden zurück".

Dass die Doktorarbeit nicht besonders gut ist, wusste die Universität schon, als Althusmann sie 2007 vorlegte. Die Prüfer bewerteten sie mit "rite", ausreichend, der schlechtesten Note - gerade so bestanden.

otr

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1. Thema
ja-sowieso 01.12.2011
Da sieht man mal, wie so etwas geht, wenn keine Medienhatz veranstaltet wird. So sieht ein vernünftiges Verfahren aus, nicht, wie an anderer Stelle, mit falsch besetzten Kommissionen, in denen kein Sachverstand, aber dafür Parteiinteresse vorherrscht.
2. Dr. Plag 2.0 jagt Dr. No vom Klo, oder was?
ZiehblankButzemann 01.12.2011
Na, da sind wir aber alle sehr sehr froh, daß es doch noch ehrliche Menschen unter uns gibt. Fühlte mich schon wie ´ne Jungfrau unter Tütensuppen-Fressenden-Kannibalen. Da schmecken die Ravioli doch gleich wieder viel besser. Der adelige Eierpuderer wird vor Neid erblassen.
3. Naja.
TS_Alien 01.12.2011
Unsauberes Arbeiten ist gleichbedeutend mit unwissenschaftlichem Arbeiten. Wenn es dafür Doktorgrade gibt, dann ist das aus wissenschaftlicher Sicht ebenfalls bedenklich. Echte Promovierte, die jahrelang hart an ihrer Dissertation arbeiten und (!!) zig Fachveröffentlichungen vorzuweisen haben, können solche Pseudo-Promovierte nicht ernst nehmen. Und Fachbereiche, in denen so etwas möglich ist, erst recht nicht.
4. So richtig überzeugt bin ich nicht.
BlakesWort 01.12.2011
Es ist mir schleierhaft, wie diese Leute ihr Studium bestritten haben. Quellenarbeit und richtiges Zitieren sind das A und O einer jeden wissenschaftlichen Arbeit. Wer das in einer so wichtigen Arbeit nicht hinbekommt, hat normalerweise keinen Titel verdient. Deshalb gibt man den Doktoranden normalerweise die Gelegenheit, diese Arbeit zu korrigieren. Ich habe jetzt nicht die Einsicht, wie sich die fehlenden Anführungszeichen auswirken, aber Althusmann sollte eventuell im Schriftverkehr in Zukunft freiwillig auf die Erwähnung seines Titels verzichten.
5. Dr.
braintainment 01.12.2011
Oh Mann, Kultusminister und "rite" in der Diss... Das ist so gut wie durchgefallen! Kann mir schon vorstellen wie das abgegangen ist. Hat sie sicherlich so lange vorgelegt mit der nervigen Frage: "Reicht das jetzt endlich?" Der Doktorvater war dann irgendwann weichgekocht und hat die Arbeit durchgewunken... tolle Promotion!
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