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Politisch korrekte Bibel: "Vater und Mutter im Himmel"

Gott heißt nicht mehr "Herr", sondern "die Ewige" oder einfach "Du". Eine neue Übersetzung macht die Bibel weiblicher und jüdischer: Stoff für einen zünftigen Theologenstreit. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Claudia Janssen, wieso sie plötzlich von "Jüngerinnen und Jüngern" spricht.

Fünf Jahre lang haben 42 Frauen und 10 Männer an einer neuen Übersetzung der Bibel gearbeitet. Das Projekt wurde mit 400.000 Euro aus Spenden finanziert. Soeben ist die "Bibel in gerechter Sprache" als Buch erschienen. Zu den Übersetzern und Herausgebern zählt die Privatdozentin Claudia Janssen, theologische Referentin der Evangelischen Frauenarbeit in Frankfurt.

SPIEGEL ONLINE: Warum muss die Bibel nach Jahrhunderten plötzlich gerecht werden?

Claudia Janssen: Das Thema Gerechtigkeit ist der rote Faden in der Bibel. Diesem Tenor widersprechen juden- und frauenfeindliche Tendenzen, die im Laufe der Jahrhunderte immer stärker hinzugekommen sind.

Theologin Janssen: "Wir wollen die Luther-Bibel nicht ersetzen"

Theologin Janssen: "Wir wollen die Luther-Bibel nicht ersetzen"

SPIEGEL ONLINE: Aber die Bibel ist doch auch ein historisches Werk. Wenn Sie durchgängig von Jüngern und Jüngerinnen, Prophetinnen, Handwerkerinnen und Richterinnen sprechen, verfälschen Sie damit nicht die Geschichte? Das alte Rom war schließlich eine patriarchale Gesellschaft.

Janssen: Wir haben die historische Beweislast umgekehrt. Wir schreiben nur an den Stellen die maskuline Form, an denen definitiv beweisbar ist, dass Frauen nicht anwesend waren. Frauen waren damals in allen Bereichen der Gesellschaft vertreten, wie sozialgeschichtliche Zeugnisse zeigen. In alten Kaufverträgen zum Beispiel tauchen immer wieder Handwerkerinnen auf. 95 Prozent der Gesellschaft waren schlichtweg zu arm, um eine Rollenverteilung zu leben, in der die Frau aufs Private reduziert wurde. Wir dürfen uns da nicht von Cicero und anderer Literatur der antiken Oberschicht täuschen lassen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Übersetzung des Paulus-Briefes an die Römer haben Sie das Wort "Brüder" durch "Geschwister" ersetzt. Gerade der strenge Paulus ist nicht unbedingt als Feminist bekannt. Schließlich wird das Verbot von Priesterinnen in der katholischen Kirche auf seine Lehren zurückgeführt.

Janssen: Der Apostel benutzt die Wendung "adelphoi", und diese muss laut Wörterbuch mit "Geschwister" übersetzt werden, wenn davon auszugehen ist, dass eine Gruppe von Männern und Frauen angesprochen wird. Paulus liefert sogar höchstpersönlich den Beweis, dass es weibliche Gemeindemitglieder gab. So folgt dem Brief eine Liste mit Grüßen, in denen viele Frauen namentlich berücksichtigt werden. Der frauenfeindliche Paulus ist meiner Meinung nach kein historischer Fakt, sondern ein Ergebnis der Wirkungsgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen Gott "die Lebendige". Wäre das Paulus nicht vielleicht doch etwas zu viel Frauenpower gewesen?

Janssen: Ich denke, Paulus als jüdischer Gelehrter hat Gott nicht als Mann gedacht, wohl aber männlich angesprochen. Ich begreife aber seine Worte: "Schwimmt nicht mit dem Strom…erneuert euer Denken" als Herausforderung für eine erneuerte Theologie. Die Idee, dass Gott Männlichkeit und Weiblichkeit übersteigt, ist tief in der Bibel verwurzelt. Es gibt auch eine Stelle, wo es explizit heißt: "Denn Gott bin ich und nicht ein Mann."

SPIEGEL ONLINE: Das im Deutschen übliche "Herr" taucht in der "gerechten Bibel" überhaupt nicht mehr auf.

Janssen: Im Hebräischen wurde anstelle des Gottesnamens "Adonaj" gesprochen. Diese Anrede ist allein Gott vorbehalten. Von Luther wurde sie mit "Herr" übertragen. Das deutsche Wort Herr kann aber auch einen Mann auf der Straße bezeichnen. Die Anrede sollte jedoch die Besonderheit Gottes ausdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Die 52 beteiligten Übersetzer haben sich für eine Vielzahl von Umschreibungen entschieden, unter anderem: "Die Ewige", "Gott", "Adonaj", "Sie", "Er", "Du", "der Heilige".

Janssen: Gott hat einen Eigennamen, der nicht ausgesprochen werden kann, weil er nur aus vier Konsonanten besteht: JHWH. Daher heißt es im "Vater unser" auch: "Geheiligt werde dein Name". Wir haben uns in die jüdische Tradition eingereiht, indem wir mehrere Ersatzworte aufgenommen haben. Zu erfahren, wie sich mein Gespräch mit Gott allein durch die Anrede plötzlich veränderte, war für mich das faszinierendste Erlebnis in fünf Jahren Übersetzungsarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Ein weiteres Ziel war die Tilgung antijüdischer Äußerungen. Auch hier: Haben Sie übersetzt oder die Bibel umgeschrieben?

Janssen: Jede Übersetzung ist eine Interpretation. Jesus gegen die Juden - diese übliche Gegenüberstellung ist historisch so nicht zu halten. Wir arbeiten die Wurzeln in der hebräischen Tradition wieder deutlicher heraus. Jesus ist schließlich bis an sein Lebensende Jude geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Gerade an der Übersetzung der Bergpredigt reiben sich einige Theologen. Sie schreiben nicht mehr wie Luther: "Ich aber sage euch", sondern viel harmonischer: "Ich lege euch das heute so aus", als hätte sich Jesus gar nicht von der jüdischen Tradition distanzieren wollen.

Janssen: Das griechische Wort "de" hat nicht dieselbe Bedeutung wie das deutsche "aber", es kommt als Verbindung in fast in jedem Satz vor. Bei Luther klingt es nun so, als ob Jesus frühere Thora-Interpretationen ablösen will. Wir sehen Jesus aber als Gelehrten, der mit anderen gestritten und diskutiert hat. Heutzutage können sich Christen doch nicht mehr allein über Abgrenzung zum Judentum, sondern vor allem über den Dialog definieren.

SPIEGEL ONLINE: Wer politisch korrekt glauben will, sollte die Luther-Bibel folglich aus seinem Bücherschrank verbannen?

Janssen: Wir wollen Luther nicht ersetzen, seine Bibelübersetzung bleibt kulturprägend. Wir haben in Deutschland leider keine Tradition, Vielfalt als Bereicherung zu verstehen. Für amerikanische Theologie-Studierende ist es zum Beispiel ganz normal, mit drei oder vier Übersetzungen gleichzeitig zu arbeiten. Die unterschiedlichen Interpretationen werfen neue Fragen auf, lösen eine Diskussion aus. Auch Luther hat versucht, den Inhalt der griechischen und hebräischen Schriften sprachlich an seine Zeit anzupassen. So schreibt er nicht "Sklaven", sondern "Mägde" und "Knechte", da diese Menschen damals die neuen Leibeigenen waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben wieder "Sklaven" und "Sklavinnen".

Janssen: Weil die soziale Ungerechtigkeit, die die Bibel aufzeigt, mit veralteten Begriffen wie "Magd" und "Knecht" heute gar nicht mehr zu fassen ist. Aber Arbeitssklaven oder Sexsklavinnen? Da wissen wir gleich, was gemeint ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Beginn der Sündenfallgeschichte lautet in der Neufassung: "Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes." Haben Sie die Bibel mit ihrer Übersetzung entzaubert?

Janssen: Die meisten Texte sind auch in unserer Übersetzung sehr poetisch, aber es gibt auch nüchterne Bauanleitungen und Stellen in der Bibel, die gar nicht von Muttersprachlern aufgeschrieben wurden. Sie ist kein Werk aus einem Guss, sondern eine Bibliothek, die über Jahrhunderte in unterschiedlichen Kulturkreisen entstanden ist. Sie enthält praktische Gesetze des Zusammenlebens und philosophische Auseinandersetzungen mit dem Glauben. Der Zauber der "Bibel in gerechter Sprache" liegt darin, dass Vertrautes fremd wird und Fremdes vertraut werden kann.

Das Interview führte Antonia Götsch


Vater-Mutter unser:

"So also betet. Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt. Deine gerechte Welt komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde." Mehr...


Paulus Brief an die Gemeinde in Rom:

"Die Rache liegt in meinen Händen, ich werde alles Unrecht vergelten, spricht die Lebendige. Wenn dein Gegner hungert, gib ihm etwas zu essen. Wenn deine Feindin Durst leidet, gib ihr zu trinken." Mehr...


Schöpfungsgeschichte, modern formuliert:

"Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes, die 'Adonaj', also Gott, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: "Also wirklich – hat Gott etwa gesagt: 'Ihr dürft von allen Bäumen des Gartens nichts essen'?" Mehr...

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