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Portugals Krisenkinder: "Studiert, um Sklave zu sein"

Aus Lissabon berichtet Raphael Thelen

Sie sind bestens ausgebildet, Jobs finden sie trotzdem kaum: Portugals Studenten plagt eine ungekannte Zukunftsangst. Nach dem Abschluss absolvieren sie Praktika oder schlagen sich als Scheinselbständige durch. Im Frühjahr haben Zehntausende protestiert, jetzt macht sich Resignation breit.

Studentenproteste in Portugal: "Wie blöd wir sind" Fotos
REUTERS

"Was ist das für ein Land, in dem man studiert haben muss, um Sklave zu sein", klagt die Sängerin Ana Bacalhau mit ihrer Band Deolinda in einem Lied, das fast jeder portugiesische Student kennt. Es heißt "Parva Que Sou" - "wie blöd ich bin" - und wurde zur Hymne einer Generation in Not. "Noch während wir spielten, standen die Leute auf und klatschten. Viele hatten Tränen in den Augen", erinnert sich Ana Bacalhau an die Konzerte vor einigen Monaten. Unglaublich, sei es gewesen, sagt ihr Gitarrist.

Ana Bacalhau und ihre Band gaben jenen eine Stimme, die zwar bestens ausgebildet sind, aber keinen Job finden. Eine Generation im Wartestand, die noch bei den Eltern wohnt und hofft, für Praktika wenigstens ein bisschen Geld zu bekommen. 27 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. "Ich glaube, zum ersten Mal haben die jungen Menschen realisiert, wie viele von ihnen in prekären Verhältnissen leben", sagt Bacalhau.

Und plötzlich formierte sich eine Bewegung, die etwas ändern wollte. Allein in Lissabon gingen im Frühjahr rund 300.000 Menschen auf die Straße. Die größten Proteste seit der portugiesischen Revolution von 1974, die die Diktatur beendete.

Wie die Jugend in vielen Städten Europas, begehrten nun auch die jungen Portugiesen auf, gebeutelt von der Krise ihres Landes. Auch wenn die Proteste im Sommer erstmal abebbten, die Probleme sind geblieben.

"Viele Studenten wohnen mit Ende zwanzig noch zu Hause"

Maria Joao Silva, 24, kennt die Videos vom Deolinda-Auftritt; sie gehört zur besungenen "verlorenen Generation". Sie hockt im Schneidersitz auf einem gepolsterten Stuhl, die Ellenbogen auf dem Designer-Glastisch vor sich. Es sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als hätte sie Anlass, sich zu beschweren. Sie wohnt in einer der teuersten Gegenden des Landes: Cascais, nicht weit entfernt von Lissabon - Luxus-Hotels, ein Casino, ein Yachthafen. Ein paar hundert Meter entfernt räkelt sich in der Sonne, wer es sich leisten kann.

Maria hat dafür weder die Zeit noch das Geld. Sie hat bereits einen Bachelor in Architektur, studiert, will den Master schaffen, arbeitet Vollzeit in einem Start-up für 650 Euro pro Monat und lebt bei ihren Eltern. "Damit ich Studium und Arbeit verbinden kann, bekomme ich zwei Nachmittage die Woche von der Arbeit frei. Gelernt wird am Wochenende." Und was sie verdiene, reiche einfach nicht für ein eigenes Zimmer und ein halbwegs anständiges Leben. In Lissabon koste ein WG-Platz mindestens 300 Euro; Lebensmittel sind teurer als etwa in Deutschland. So ist Marias Situation nicht ungewöhnlich: "Viele Studenten wohnen auch mit Ende zwanzig noch zu Hause", sagt sie. Und sie glaubt nicht, daran so bald etwas ändern zu können.

Das führt dazu, dass viele junge Portugiesen erst spät lernen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Die erzwungen späte Abnabelung produziert ziemlich unselbständige Akademiker, davon jedenfalls ist Pedro Vasconcelos, 39, überzeugt. Der Soziologie-Dozent an der Universität Lissabon ist ein Akademiker der alten Schule und will seine Studenten nicht nur aufs Geldverdienen vorbereiten, sondern sie für freies Denken begeistern. In seinen Seminaren sitzen dann aber Erwachsene, die ihm "infantil" vorkommen, wie er sagt.

Abgehängt, niedergeschlagen, die Träume in weiter Ferne

So viele Portugiesen wie nie zuvor würden ein Studium abschließen, sagt er, und das auch noch schneller als früher, dank der Bologna-Reform. Früher habe es bis zu neun Jahre dauern können bis zum Master und noch einmal acht bis zum Doktortitel. Mittlerweile können die Studenten schon nach drei Jahren mit einem Bachelor die Universität verlassen. Jobs fänden sie trotzdem nicht. Und wenn doch, seien feste Arbeitsverträge selten. Oft arbeiten Absolventen jahrelang als unbezahlte Praktikanten oder auf eigene Rechnung, als Scheinselbständige, ohne Kranken- und Sozialversicherung.

Die Studenten seien zwar fachlich besser ausgebildet, doch lasse ihnen das Studium weniger Raum zur persönlichen Entwicklung, klagt Vasconcelos.

Über dem Eingang seiner Universität prangt ein Bild: Ein abgeworfener Reiter liegt am Boden, zurückgelassen, sein Pferd stürmt davon, sein Blick wirkt sehnsüchtig, richtet sich zum fernen Sternenhimmel. Treffender ließe sich die Lage der Studenten in Portugal kaum darstellen: abgehängt, niedergeschlagen, die Träume in weiter Ferne.

Sie wollen gar nicht das ganze Land verändern wie die Revolutionäre vor fast 40 Jahren, sie wollen nur eine Chance. So wie der Kunststudent Antonio Sousa Lara, 27, der sagt: "Ich weiß, dass ich den Lebensstandard meiner Eltern nicht werde halten können." Auch er lebt noch zu Hause und verdient sein Geld neben dem Studium als Grafikdesigner für Brettspiele und iPhone-Apps.

Ob und wann er seinen nächsten Auftrag bekommt, weiß er nie. Eins weiß er jedoch: Er will ausziehen, unbedingt. "Der Luxus, seine Wäsche gewaschen und Essen gekocht zu bekommen, macht die Scham nicht wett, die viele verspüren weil sie in meinem Alter noch zu Hause wohnen."

Ana Bacalhau und die Band Deolinda touren noch immer durch Portugal. Die Studentenproteste hingegen sind größtenteils vorbei, ergebnislos. Die Band glaubt dennoch: Die Studenten seien sich ihrer Situation jetzt eher bewusst. Sie wollen sich nicht mehr fühlen, als wären sie studierte Sklaven.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 158 Beiträge
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1. aberkannt
pontifactus 27.09.2011
acha ok, bestens ausgebildet. in was? BWL, VWL, JURA? oder doch ingenieurwesen, wissenschaft, medizin? würde mich ehrlich interessieren
2. Wie traurig für ...
47/11 27.09.2011
... Portugal und andere Länder . Aber hier im Land ist es viel schlimmer, hier bekommen unsere Kinder schon garkeinen Studienplatz. Somit sind andere schon mal besser dran . Einen gesicherten Arbeitsplatz mit schickem Einkommen bekommt man nun mal nicht automatisch, wenn man das Glück hatte, einen - vom Steuerzahler finanzierten - Studienplatz zu bekommen .
3. hmm
erbseneintopf, 27.09.2011
Zitat von pontifactusacha ok, bestens ausgebildet. in was? BWL, VWL, JURA? oder doch ingenieurwesen, wissenschaft, medizin? würde mich ehrlich interessieren
im Artikel gefunden : Architekturstudentin Soziologiedozent Kunststudent Wahnsinn...drei Leute ... (aus den Bereichen..naja ..lassen wir das) sollen repräsentativ für die restliche Studentenschaft sein ??
4. ...
Crom 27.09.2011
Durch Protestieren entstehen nun einmal keine Arbeitsplätze.
5. Kein Wunder
Toebbens 27.09.2011
Im Artikel tauchen auf eine Architekturstudentin, ein Kunststudent und ein Dozent der Sozialwissenschaften, der "seine Studenten nicht nur aufs Geldverdienen vorbereiten, sondern sie für freies Denken begeistern" will. Und da wundert man sich über schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt?
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