Privatschulen: Kann man gute Bildung kaufen?

Die deutschen Privatschulen verzeichnen einen Boom, ihre Wartelisten werden länger. Das Pisa-Fiasko und Gewalt unter Schülern lassen Eltern nach Alternativen suchen. Privatschul-Gegner warnen vor einer Spaltung der Gesellschaft.

Die private Konkurrenz der staatlichen Schulen schläft nicht. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Privatschulen (VDP) wächst die Zahl der Privatschulen zwar schon seit den neunziger Jahren. Einen wahren Ansturm habe man allerdings nach dem schlechten Abschneiden Deutschlands bei den Pisa-Untersuchungen erlebt. Die neueste Pisa-Sonderstudie, die vergangene Woche in Berlin vorgestellt wurde, bestätigt diesen Negativtrend: Sie zeigt, dass ein Drittel der Schüler zwischen der neunten und zehnten Klasse in Mathematik und den Naturwissenschaften nichts hinzu lernt.

Erstklässler (in Magdeburg): Trend zu privaten Schulen
DDP

Erstklässler (in Magdeburg): Trend zu privaten Schulen

Inzwischen büffeln laut VDP 670.000 Schüler in rund 2700 nicht-staatlichen Lehranstalten, knapp sieben Prozent aller deutschen Schüler. 1992 waren es erst 445.000 Schüler. Mehr als die Hälfte der Privatschulen werde von den christlichen Kirchen getragen, ein Fünftel unterrichte nach der Waldorf-Pädagogik. In Berlin wurde jetzt sogar ein Unternehmen gegründet, das mit privater Bildung Profit erwirtschaften will.

Es gebe einen "wahren Boom auf den Wartelisten", sagt VDP-Sprecher Martin Kunze. Für den Verband steht daher fest: Das private Angebot müsse deutlich ausgeweitet werden. Gerne verweist die Lobby der Privatschulen auf die Situation im Ausland: In Frankreich besucht jeder fünfte Schüler eine private Institution, in den Niederlanden sind es sogar rund 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen.

Für eine Halbtagsbetreuung müssen Eltern laut Kunze etwa 150 Euro pro Monat bezahlen, für einen Ganztagesplatz 300 Euro. Doch die Gebühren schwanken stark. Viele katholische Schulen erheben gar kein Schulgeld, nur wenige über 50 Euro, so der Arbeitskreis katholischer Schulen. Bei internationalen Schulen und Internaten mit eher elitärer Ausrichtung können die Beträge auch auf mehr als tausend Euro monatlich steigen.

"Privatschulen nicht grundsätzlich besser"

Gute Bildung einfach kaufen - aus Sicht von Experten geht diese Gleichung nicht auf. Bei Stichproben in staatlichen und privaten Schulen habe es keinen Leistungsvorsprung für die Privaten gegeben, sagt Manfred Weiß vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Dies gilt zumindest dann, wenn Schüler mit dem gleichen sozialen Hintergrund verglichen werden. So beschreibt es auch Marianne Demmer, Vize-Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Sie empfiehlt Eltern, sich lieber am Ort in den Regelschulen zu engagieren, als Kinder in eine oft weit entfernte Privatschule zu schicken: "So kann man die Kinder in der gewohnten Umgebung lassen, sie können dann auch den Schulweg allein bewältigen", sagt Demmer.

Manfred Weiß sieht auch Vorteile in der privaten Ausbildung: Die Schüler fühlten sich von den Lehrern besser unterstützt, es gebe zumindest Hinweise darauf, dass es an Privatschulen eine wirksamere Förderkultur gebe. "Sie treffen viel eher die Eigentümlichkeit des Kindes". lobt Erziehungswissenschaftler Peter Struck. Der Hamburger Professor sieht gerade in der Vielfalt des Schulsystems eine Chance. Nach seiner Auffassung arbeiten "Privatschulen oft viel integrativer" als die staatlichen Schulen mit ihrer klassischen Trias aus Gymnasien, Haupt- und Realschulen.

GEW-Vize Demmer dagegen warnt vor einer Überschätzung von Privatschulen. Eltern sollten sich nicht die Illusion machen, dass diese grundsätzlich viel besser seien: Wenn es überhaupt Unterschiede gebe, liege das an der besonderen Schülerschaft. Privatschulen zögen "bildungsinteressiertere und finanzstärkere Eltern" an. Aus diesem Grund lehnt Demmer einen weiteren Ausbau auch ab, der die "ohnehin extreme Spaltung in Deutschland vermutlich noch weiter vergrößern" würde. Für die GEW gebe es nur eine Lösung: Das staatliche System müsse so gut sein, "dass Eltern ihre Kinder unbesorgt zur nächsten staatlichen Schule schicken können".

agö/jol/AFP/gms

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