SPIEGEL ONLINE: Im August 2007 kamen Sie als Präsident nach Witten/Herdecke, Ende 2008 traten Sie schon wieder zurück. Eine ziemlich kurze Amtszeit - was ist schief gelaufen?
Birger Priddat: Ich hatte mir das natürlich auch anders vorgestellt. Mein Rücktritt kurz vor Weihnachten war keine Reaktion auf die Vorwürfe des Ministers und schon gar kein Schuld-Eingeständnis, sondern sollte den Weg freimachen für einen Neuanfang in Witten. Ich wollte sicherstellen, dass nicht ich der Grund dafür bin, dass die 4,5 Millionen Landesmittel für 2008 nicht ausgezahlt werden - jetzt ist das Geld trotzdem nicht gekommen. Das ist mir unerklärlich, aber da wird es wohl irgendwelche guten Gründe geben. Unabhängig davon haben die Wirtschaftsprüfer am Montag erneut unsere Finanzplanung von Anfang Dezember bestätigt.
SPIEGEL ONLINE: Der Vorwurf der nicht ordnungsgemäßen Geschäftsführung steht aber weiter im Raum...
Priddat: Dieser Vorwurf ist nicht haltbar. Die Universität hat ja bereits erklärt, dass sie das juristisch prüfen lässt. Und aus meiner Sicht hat das Land einen deutlichen Anteil an der aktuellen Krise: Wir waren schon Ende 2007 fast in eine Insolvenz geraten, die unter anderem dadurch entstand, dass das Land seine 4,5 Millionen erst ganz spät zahlen wollte - so spät, dass wir zwischendurch schon wieder Kredite auf dieses Geld aufnehmen mussten. Das war natürlich mit erheblichen Zinskosten verbunden. Und es gab einige Berechnungsprobleme: Die 4,5 Millionen wurden in zwei Tranchen Ende Dezember gezahlt, dann wurde festgestellt, dass am 3. Januar noch zwei oder drei Millionen auf dem Konto waren. Und da hat das Land gesagt: Ja, wenn Sie das übrig haben, dann hätten Sie ja gar nicht fordern dürfen! Das ist jetzt dieser Vorwurf der nicht ordnungsgemäßen Geschäftsführung - mehr steckt nicht dahinter.
SPIEGEL ONLINE: Verstehen wir das richtig: Die ganzen Auseinandersetzungen beruhen darauf, dass Sie drei Millionen Euro nicht innerhalb von ein paar Tagen ausgegeben haben?
Priddat: Das ist eben der Unterschied zwischen einer gemeinnützigen GmbH - wir sind ja eine Rechtsform nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch - und der kameralistischen Planungsordnung des Staates. Nach deren Logik muss zum Jahresende gewissermaßen alles, was ausgezahlt wurde, auf Null gefahren werden. Wir hätten das Geld verbrauchen müssen. Das war sicherlich unser Buchungsfehler, aber das Land hätte uns da vielleicht auch besser beraten können. Das ist leider nicht geschehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die potenziellen Geldgeber, die nach Ihrem Rücktritt vom NRW-Wissenschaftsministerium präsentiert wurden? Sind damit die Chancen für eine Rettung von Witten/Herdecke gestiegen?
Priddat: Zu den konkreten Aussichten kann und will ich nichts sagen, ich bin ja nicht mehr Präsident der Universität. Aber ich kann festhalten, dass alle, die jetzt mit der Universität und Minister Andreas Pinkwart verhandeln - außer dem Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke - auch schon vorher mit uns verhandelt haben. Uns fehlte schlicht die Zeit, zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen - und diese Zeit hätten wir mit den Landesgeldern gehabt.
SPIEGEL ONLINE: Kein Grimm bei Ihnen, weil die SRH-Holding wieder mit im Boot ist? Die war von der Uni ja schon einmal zurückgewiesen worden, weil sie zu profitorientiert sei…
Priddat: Ich befürworte den Einstieg neuer Geldgeber, gar keine Frage. Und es wird ein spannendes Experiment für alle Beteiligten, ob der Geist dieser einmaligen Universität erhalten werden kann. Unabhängig von der SRH: Wer allein auf Rendite durch Effizienz, schnellen Durchsatz, hohe Studiengebühren und billige Lehrkräfte setzt, degradiert Witten/Herdecke zu einer Art Fachhochschule mit Promotions- und Habilitationsrecht. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass die Bildungsexzellenz unserer einzigartigen Uni erhalten bleibt.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen denn Ihre persönlichen Pläne nach dem Rücktritt aus?
Priddat: Ich finde diese Universität weiterhin erstklassig, der Laden läuft wunderbar. Wir haben immer noch die besten Mediziner, auch in den Rankings. Unsere Betriebswirte und Wirtschaftswissenschaftler gehören in den Rankings ebenfalls zu den Spitzengruppen - es macht solchen Spaß, hier zu arbeiten, dass ich natürlich als Professor hier bleiben werde. In Witten kann man ja nicht nur als Präsident glücklich werden.
Das Interview führte Armin Himmelrath
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