Privatuni Witten/Herdecke: Abschied vom "weißen Ritter"

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Nun ist es endgültig aus: Mit Getöse getrennt haben sich die Privatuni Witten/Herdecke und ihr Hauptsponsor Droege, der letztes Jahr noch als Retter in höchster Not galt. Es geht um zwölf Millionen Euro, beide Seiten machen ihrem Verdruss lautstark Luft.

Der Hauptsponsor zieht enttäuscht von dannen. Die finanziell angeschlagene Privat-Universität Witten/Herdecke hat mit Droege International ihren derzeit wichtigsten Geldgeber verloren. Es fehle die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, teilte die Unternehmensberatung Droege am Donnerstag mit.

Uni Witten/Herdecke: Vorerst ohne Hauptsponsor

Uni Witten/Herdecke: Vorerst ohne Hauptsponsor

Zur Begründung hieß es, die Universität Witten/Herdecke habe Bedingungen für die weitere Förderung nicht erfüllt. Es gebe keine Informationen darüber, ob die Universität Sparziele erfüllen werde oder neue Sponsoren gefunden habe, sagte ein Sprecher. Außerdem fehle noch immer ein aktueller Finanz- und Businessplan für das Geschäftsjahr 2007/2008.

Bislang hat die Beratungsfirma aus Düsseldorf im Namen ihres Gründers Walter Droege 2,6 Millionen Euro in Witten bereitgestellt, zwölf Millionen über sieben Jahre verteilt waren im Sommer 2007 angekündigt worden. Auch Hedda im Brahm-Droege, Ehefrau von Walter Droege, beendet ihr Engagement an der privaten Hochschule: Sie wirft der Uni-Leitung vor, Aufgaben der Geschäftsführung und des Aufsichtsrats personell zu vermengen und so gegen die Regeln sauberer Unternehmensführung zu verstoßen. Darum lege im Brahm-Droege den Vorsitz des Stiftungskuratoriums mit sofortiger Wirkung nieder.

Besonders verärgert sind die Geldgeber über eine neu an der Universität gegründete Gesellschaft "Allianz für Bildung GmbH", die als Gesellschafter 50 Prozent an der Hochschulstiftung, dem Führungsorgan der Hochschule, übernommen habe. Ein Droege-Sprecher nannte diesen Schritt "dubios".

Uni-Vize: "Droege hatte eine Übernahme geplant"

Gegen die Vorwürfe wehrt sich die Uni entschieden. Ein Aufsichtsrat werde gerade gegründet, das Direktorium, das bis zum vergangenen Jahr die Aufsicht führte, sei erst auf den Wunsch Droeges abgeschafft worden. "Das wollte Droege so", sagte Uni-Vizepräsident Maxim Nohroudi SPIEGEL ONLINE. "Droege hatte ein Take Over geplant, eine klassische Übernahme", so Nohroudi weiter. Droege habe zehn Millionen Euro für eine Bürgschaft angeboten und dafür 50 Prozent der Anteile der Universität übernehmen wollen.

Auch den Vorwurf, die Universität habe keinen Businessplan und tue nicht genug, um Geld einzusparen, wies Nohroudi zurück. Der Businessplan sei bereits Teil der Verhandlungen mit Droege im Sommer 2007 gewesen sei. Witten/Herdecke habe mehrere Studiengänge geschlossen, darunter das Fach Musiktherapie. Die Biowissenschaften seien in die Medizin eingegliedert und 20 Prozent Personal eingespart worden. "Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir hier Däumchen drehen", sagte Nohroudi.

Vor gut einem Jahr hatte sich der Unternehmer Droege als Retter der finanzschwachen Privat-Universität vorgestellt. Er wurde in der private Hochschule begeistert als "weißer Ritter" empfangen - so nennt man im Wirtschaftsleben einen Investor, der uneigennützig zu Hilfe eilt, wenn eine feindliche Übernahme droht.

Soweit soll es in Witten fast gewesen sein: Studentenvertreter witterten im Vorjahr Gefahr und befürchteten einen Ausverkauf für ihre Uni, als der private Klinik- und Fachhochschulbetreiber Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) auf den Plan trat. Droege galt vielen Hochschulmitgliedern als bessere Alternative, sie hofften auf uneigennütziges Mäzenatentum plus vielleicht ein bisschen Entwicklungshilfe durch kluge Beratung.

Elf Freunde müsst ihr sein

"Kein Geld hatten wir schon immer", lautet ein Bonmot des Privatuni-Gründers Konrad Schily über die dauerklamme Universität. Sie verzeichnet aktuell rund 1100 Studenten und bietet als einzige Privathochschule in Deutschland auch ein Medizinstudium an. Je nach Fach kostet das Studium in Witten/Herdecke zwischen 18.000 und 40.000 Euro; die Uni-Leitung um den neuen Präsident Birger Priddat hatte die Studiengebühren kräftig angehoben. Dennoch ist die private Universität in anhaltenden finanziellen Turbulenzen.

Heute wirft die Universität dem Investor "widersprüchliches Verhalten" vor. Droeges Frau habe versprochen, die Unabhängigkeit der Uni Witten/Herdecke zu erhalten. Dann sei versucht worden, "seitens Droege International massiven Einfluss" zu nehmen und Förderzusagen nicht einzuhalten. Ein weiterer Vorwurf: Droege habe versucht "Neu-Förderer nicht zuzulassen" und "Alt-Förderer auszugrenzen", so die Uni-Leitung.

Für die Zukunft will man in Witten jedenfalls vorgesorgt haben. Mehrfach betont die Universität, sie gerate durch die "Rücknahme der Finanzierungszusage in keine finanzielle Schieflage", nennt aber keine konkreten Fakten und Namen. Es gebe ein Konsortium aus "knapp zehn neuen und alten Freunden" der Universität, so Maxim Nohroudi zu SPIEGEL ONLINE.

Feindliche Übernahme verhagelt?

Der Ausstieg von Droege mache ihm keine Sorgen, versichert der Uni-Vize, der auch einer der drei Geschäftsführer der Hochschule ist. Das Konsortium habe die Universität mittels anonymer Spenden weiter mit Geld versorgt, so Nohroudi weiter. Die Uni sei "nie in Gefahr" gewesen. Die ominösen zehn Freunde würden "Ende des Jahres" öffentlich gemacht. Dieses neue Trägerkonsortium werde dann die Anteile übernehmen, auf die es Droege abgesehen habe, sagt Nohroudi.

Hedda im Brahm-Droege sagte zu ihrem Ausstieg aus der Führungsriege der Privatuni, der Schritt tue ihr leid. Dass es in Witten/Herdecke weitergehe, liege ihr "sehr am Herzen". Sie sei nach wie vor überzeugt vom innovativen Konzept der Hochschule, das gleichrangig eine hervorragende fachliche Qualifikation und die Entwickelung der Persönlichkeit der Studenten fördere: "Viele Gespräche mit engagierten Studierenden und Mitarbeitern der Universität haben mir gezeigt, dass dieser Geist gelebt und gefördert wird."

Warme Worte zum Abschied, doch das Verhältnis zwischen Dröge und der Hochschulleitung soll zuletzt ausgesprochen gespannt gewesen sein. "Das Verhalten der Familie Droege war in den letzten Monaten nicht korrekt", sagte August Oetker, Mitglied im Stiftungskuratorium der Universität.

Der Sprecher Droeges, Peter Steinke, sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: "Das Tischtuch ist zerschnitten." Es gebe keine Chance mehr auf eine weitere Kooperation. Die Verstimmung ist so groß, dass der Investor jetzt die Reißleine zog. Entweder, weil er in Witten keine Fortschritte sieht - oder weil die Leitung der privaten Uni ihm die geplante Übernahme verhagelt hat.

mit Material von dpa und ddp

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