Professor contra Doktorandin: Wer klaut hier bei wem?

Von Hermann Horstkotte

Ist ihr Doktor bald weg? Einer jungen Juristin droht, dass sie ihren Titel verliert, weil in ihrer Dissertation und im Handbuch ihres Doktorvaters 40 Seiten übereinstimmen. Der Vorwurf: Sie soll abgeschrieben haben. Sie sagt aber, es war genau umgekehrt - und hofft nun auf ein Machtwort aus der Uni.

Plagiatsvorwurf: Doktorandin denkt, Doktorvater dankt nicht? Fotos
DPA

Eigentlich lief für die junge Frau alles recht reibungslos: Als Jura-Studentin hatte sie zügig studiert, an zwei deutschen Universitäten und mit einem Auslandsaufenthalt in England. Nach den zwei Staatsexamen bekam sie vor gut vier Jahren eine Stelle als wissenschaftliche Angestellte an der RWTH Aachen am Lehrstuhl für Europarecht.

In der Zeit schrieb sie an ihrer Dissertation über soziale Grundrechte in Europa, dann bescherte ihre Schwangerschaft der jungen Frau vor gut einem Jahren eine Auszeit. Im Juli 2010 reichte die junge Mutter die Dissertation ein, bereit, bald ihren Doktorgrad entgegenzunehmen. Doch dann kam alles anders.

Wie bei Dissertationen üblich, prüfen zwei Gutachter die Arbeit. Allerdings hat Aachen keine eigene juristische Fakultät, darum muss der Lehrstuhl der RWTH bei Doktorarbeiten mit der Uni Bonn kooperieren. Trotzdem hatte der Aachener Chef der Doktorandin, Professor Walter Frenz, der Arbeit in einem Vorgutachten eine sehr gute Bewertung mitgegeben: Magna cum laude, "mit großem Lob", die zweitbeste Note nach "summa cum laude".

Mit dieser Empfehlung kam die Arbeit beim ordentlichen Erstgutachter in Bonn an - und der sah das ganz anders. Er stieß auf eine Passage, die ihm bekannt vorkam. Als vorbildlicher Gutachter fing er an zu graben und fand die Stelle in Band 4 des Wälzers "Handbuch für Europarecht" des Springer-Verlags, erschienen 2009. Autor: der Doktorvater und Chef der jungen Mutter, Walter Frenz, Aachener Professor am Lehrstuhl für Berg-, Umwelt- und Europarecht.

Doch die Frage ist: welcher Text ist Original und welcher nur Kopie? Wer hat hier bei wem geklaut? Und wann? Darüber streiten jetzt Professor und Doktorandin.

Die junge Mutter muss sich wegen des Plagiatsvorwurfs an der Uni Bonn verantworten, teilt die RWTH Aachen mit. Und wegen des zeitlichen Ablaufs hat sie eigentlich schlechte Karten: Sie reichte ihre Dissertation erst ein, als das Handbuch ihres Professors bereits erschienen war. Dem Prüfer genügte ein Griff in die Handbuchsammlung, um zu sehen: 40 Seiten sind identisch, ergo dreistes Plagiat.

War es der Doktorvater? Oder die Doktorandin?

Jura-Professor Walter Frenz sagte SPIEGEL ONLINE, dass aus einer gemeinsamen Veröffentlichung, einem Artikel geschrieben von ihm und der Doktorandin, lediglich drei Seiten in das Handbuch eingeflossen seien. Die Doktorandin unter Plagiatsverdacht hingegen verweist auf rund 40 Seiten aus ihrer Promotion, die ihr Professor für seinen Sammelband verwendet habe.

Ein Mitglied der juristischen Fakultät der Uni Bonn bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass tatsächlich 40 Seiten in Handbuch und Doktorarbeit übereinstimmen. Gutachter Thilo Rensmann - der inzwischen an die TU Dresden gewechselt ist - will sich zu dem schwebenden Verfahren nicht äußern.

Dass Professoren und Nachwuchswissenschaftler gemeinsam forschen, ist nicht ungewöhnlich. Und es gibt im Wissenschaftsbetrieb auch die Unsitte, dass Professoren zuweilen Inhalte von ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern übernehmen. Von solchen Fällen berichtet unter anderem der Münchener Rechtsprofessor Volker Rieble in seinem Buch "Wissenschaftsplagiat". Anders ließe sich das Pensum an Artikeln und Büchern, das manche auf den Markt werfen, wohl kaum erklären.

Auch der Aachener Jurist Walter Frenz hat kundige Kollegen, die von dessen Publikationsliste, gelinde gesagt, beeindruckt sind. Mit fast 9000 Druckseiten Europarecht in sieben Jahren ist Frenz besonders fleißig. Zudem hat der Mann mit Mitte vierzig bereits gut 350 Fachaufsätze geschrieben. Dabei waren immer wieder auch andere, offen genannte Co-Verfasser mit im Boot, auch die Doktorandin aus seinem Institut, die nun unter Plagiatsverdacht steht.

Dass einer viel schreibt, heißt noch nicht, dass er auch stellenweise abkupfert oder gar ganze fremde Texte kapert - und wer im Fall der Doktorandin und des Doktorvaters von wem abgeschrieben hat, muss noch geklärt werden. Darum beschäftigte der Fall nun auch die "Kommission zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens" der RWTH Aachen. Walter Frenz hatte die Hochschule selbst informiert.

Die RWTH hat den Verdacht gegen ihren Jura-Professor untersucht und kommt zu einem sehr sachte formulierten Ergebnis: Man habe nicht zweifelsfrei feststellen können, ob die betreffenden Handbuch-Passagen tatsächlich von der Mitarbeiterin erstellt wurden. Der Professor habe seine Sorgfaltspflicht verletzt, weil ihm bei der Begutachtung der Promotion eine Übereinstimmung mit seinem Handbuch nicht aufgefallen war. Eine Verfehlung, die Frenz auch einräumt.

Die 31-jährige Doktorandin beklagt, Gutachter Thilo Rensmann habe sie nicht kontaktiert, "obwohl ich das vom offiziellen Betreuer erwarten kann". Dann hätte sie laut Promotionsordnung der Uni Bonn die Arbeit zurückziehen können, bis die heikle Frage des Plagiatsvorwurfs geklärt ist. Rensmann indes hat der Bonner Fakultät aber direkt sein Gutachten zugestellt und sogar das lobende Vorgutachten ("Magna cum laude") von Walter Frenz hinzugefügt. Frenz übrigens hat mittlerweile ein weiteres Gutachten nachgereicht, diesmal ein negatives.

Ein Lichtblick für die Doktorandin ist, dass sich die juristische Fakultät der Uni Bonn offenbar über das Erstgutachten, das ein Plagiat feststellt, hinwegsetzen kann. Man wolle "die Kuh vom Eis" bekommen, es habe sich um eine "unglückliche zeitliche Überschneidung" gehandelt, so ein hochrangiges Bonner Fakultätsmitglied. Das soll heißen: Wäre erst die Dissertation erschienen und dann das Handbuch, hätte kein Hahn nach der identischen Passage in Doktorarbeit und Professorenbuch gekräht.

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insgesamt 137 Beiträge
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1. Welche Maßnahmen ...
d-fens 07.08.2011
.... sind eigentlich gegen abkupfernde Lehrkörper vorgesehen? In diesem Fall handelt es sich nicht um eine Arbeit, mit dem ein akademischer Grad erworben wurde, sondern - möglicherweise - lediglich um "einfachen" Diebstahl geistigen Eigentums für eine von zahllosen eigenen Veröffentlichungen zum Erhalt der wiss. Reputation. Gibt es eine Abstufung bei den Sanktionsmaßnahmen oder ist sofort der Professoren- und Doktortitel weg, weil der Prof. ja wohl eine besondere Sorgfaltspflicht gegenüber ihren zu betreuenden Nachwuchswissenschaftlern hat? Das würde ja den Verlust des Jobs bedeuten. Gibt es Präzedenzfälle?
2. Titel:
sosonaja 07.08.2011
Genau meine Erfahrung. Noch nie habe ich soviel Betrug erlebt wie bei unseren profilierungsbedürftigen Politikern und Beamten (Professoren sind ja meistens auch Beamte) Alles nur Wichtigtuer, die nichts Produktives leisten.
3. Archivierte E-Mails
uwe_aus_köln 07.08.2011
Wenn sie Glück hat, dann hat sie die Kommunikation zur Erstellung des Handbuchs aufgehoben. E-Mails, Notizen, etc. Damit ließe sich ja feststellen, wer wo wieviel geschrieben hat.
4. Immer so
Burkhardt1949 07.08.2011
Zitat von sysopIst ihr Doktor bald weg? Eine junge Juristin droht ihren Titel zu verlieren,*weil in ihrer Dissertation und im Handbuch ihres Doktorvaters 40 Seiten übereinstimmen. Der Vorwurf: Sie soll abgeschrieben haben. Sie sagt aber, es war genau umgekehrt - und hofft nun auf ein Machtwort aus der Uni. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,776909,00.html
Es ist doch immer so, dass wenn in einer Arbeit eines Chefs (Professor, Vorgesetzter usw) ein Untergebener als Co-Autor genannt ist, der Untergebene die Arbeit geschrieben hat. Der Chef liest höchstens die Arbeit durch und gibt seinen Namen dazu. Es ist doch naiv zu glauben, dass die Doktorantin 40 Seiten von ihrem Professor abgeschrieben hat in der Hoffnung, er würde das nicht sehen.
5. Mein Titel wurde mir noch nicht aberkannt
in_medias_res 07.08.2011
Da die Dame nicht beweisen konnte, welche Sätze zweifelsfrei von ihr sind, ist sie nicht befähigt, wissenschaftlich zu arbeiten. Ein Dr.-Titel wäre also nach gängigen Passagen in vielen Promotionsordnungen unangemessen, aber es kommt natürlich nur auf die Ordnung ihrer Fakultät an. Da der Prof. aber offenbar auch nicht nachweisen konnte, was von ihm ist, scheinen an dem Lehrstuhl insgesamt die Maßstäbe arg "verrutscht". Da wäre wohl mal eine "Betriebsprüfung" fällig. Es wird allerhöchste Zeit, dass bundesweite und über alle Fakultäten hinweg verbindliche Mindest-Standards sowohl für die Verleihung des Dr.-Titels als auch für Sanktionen beim Verstoß dagegen festgeschrieben werden (und entsprechende Regelungen für Habilitationen). Ich finde, die DFG spielt hier eine recht erbärmliche Rolle und droht zu einer Art ARGE für die Wissenschaft zu verkommen, die auf das Antragswesen zur Mittelvergabe fokussiert. Solange beispielweise auf der einen Seite die Promovenden nicht mindestens einen Artikel in einem international renommierten Journal vorweisen müssen, bei dem sie Erstautor einer Gruppe aus nicht mehr als 3 Personen sind und auf der anderen Seite nicht klare Regeln zum Entzug der Erlaubnis zur Ausbildung von Promovenden an einzelnen Lehrstühlen oder ganzen Fakultäten existieren, geht der Schmuh weiter. Es scheint ja Lehrstuhlinhaber zu geben, die seitenlanges Abschreiben nach dem Motto "look, that's my baby" sogar goutieren.
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