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Professor von 9/11-Attentäter: Zufällig Lehrer des Massenmörders

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Bei ihm studierte der Terrorpilot - Dittmar Machule hat in Hamburg die Diplomarbeit von Mohammed Atta betreut. In der Rückschau trennt er sauber zwischen dem Massenmörder und dem Mann, dem er half, eine Islam AG einzurichten. Trotzdem fragt der Professor sich: Hätte ich was merken müssen?

Attas Professor: Zufällig Lehrer des Massenmörders Fotos
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Sie haben ihm seine Dachkammer gelassen, sein Büro in dem alten Pförtnerhaus an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Auf dem Flur vor seinem Arbeitszimmer zieren Ausgrabungskarten und Luftbilder die Wände. In Syrien hat der emeritierte Stadtplaner Dittmar Machule, 70, über die Jahrzehnte einen ganzen Hügel mit abgetragen.

Heute könnte Machule einfach ein Professor im Ruhestand sein. Doch als einer seiner Studenten am 11. September 2001 in Boston in ein Flugzeug stieg, es kaperte und damit in den Nordturm des World Trade Centers in New York flog, brachte Mohammed Atta nicht nur Tausenden Menschen den Tod. Er machte auch seinen ehemaligen Professor zu einem weltbekannten Mann.

Dittmar Machule sagt, er lag gerade vor dem Fernseher und hatte ein Bier in der Hand, als Mohammed Atta mit strengem, überheblichem Blick über den Schirm flimmerte - das Konterfei des mutmaßlichen Terrorpiloten von New York. Der Professor war allein zu Hause. Er lag auf dem Teppich, aufgestützt auf ein Kissen, wie man das so macht im Orient, den Machule oft bereiste. Er habe nur gedacht: Was wird passieren, wenn das wirklich wahr ist?

"Der Mohammed", sagt Machule, wenn er an seinem Kartentisch sitzt und von seinem berüchtigten Studenten erzählt. Nicht Atta. Nicht Massenmörder. Nicht Verrückter oder Islamist, einfach "der Mohammed". Ihm gegenüber, da, Machule zeigt auf den Stuhl, habe der Mohammed mehrmals gesessen. Immer wenn sie seine Diplomarbeit besprachen und auch bei seiner mündlichen Diplomprüfung.

"Mohammed, du bist jetzt Diplomingenieur"

Machule steht auf und geht zum Regal neben der Tür. Die gebundene Diplomarbeit, Attas Original, liegt griffbereit quer auf den Büchern. Darin steckt ein Flyer, Machule war bei einer Erinnerungsveranstaltung zum 11. September im Hamburger Thalia Theater. Ein Dramaturg, eine Journalistin und Hamburgs Erster Bürgermeister sprachen über die Opfer und die Bedeutung der Anschläge für die Welt. Machule war dort und hörte zu, machte sich Notizen, schrieb mit, wer was gesagt hatte. Eine flache Veranstaltung, fand er.

Der alte Professor hat sich das so überlegt: Eingeschrieben war der Terrorist als Mohamed el-Amir. Der studierte bei ihm. Ein gläubiger Muslim, das ja, aber damals zuallererst sein Student. Dem half er als damaliger Vizepräsident der TU, damit Amir in der Studentenvertreter-Baracke ein Zimmer zum Gebetsraum der Islam AG machen konnte. Mit dem fuhr er zu seiner Ausgrabungsstätte am Euphrat, mit dem unterhielt er sich über Stadtplanung und auch über Amirs Vater, der seinem Sohn den Beinamen Atta gegeben habe. Atta bedeutet übersetzt: der, der kommen wird. Oder auch: das Geschenk. Der Mann, der in Wahrheit Mohammed Atta hieß, in Hamburg von 1992 bis 2001 zwar studierte, aber auf dem Weg war, ein Massenmörder zu werden, den habe er nicht gekannt.

Trotzdem gab es wohl Momente, in denen der Student Amir den radikalen Muslim Atta durchscheinen ließ. Sein Diplom wollte er zunächst hinschmeißen, erzählt Machule. Eine Mitarbeiterin habe ihn zum Weitermachen fast überreden müssen. Als es dann vollbracht war, der Prüfling vom Kartentisch aufgestanden war, und nach der kurzen Besprechung Machules mit seiner Mitarbeiterin wieder ins Zimmer kam, gratulierte der Professor: "'Mohammed, du bist jetzt Diplomingenieur', habe ich gesagt und ihm die Hand geschüttelt." Die ausgestreckte Hand der Mitarbeiterin ergriff Atta nicht. Er legte nur die gespreizten Fingerspitzen aneinander und trat einen halben Schritt zurück. Machule musste der irritierten Kollegin erst erklären, dass einige strenge Muslime Frauen nicht die Hand geben.

"Zusammenreißen konnte der sich"

Machule lernte auch den Asketen Atta, alias Amir, kennen. Einer, der sich selbst aufgibt und so diszipliniert ist, dass er erst fertigstudiert, dann weiter als Scheinstudent mit Hamburger Adresse firmiert, während er in den USA fliegen lernt, um auf Bin Ladens Zuruf möglichst viele Menschen im Namen Gottes zu töten. Als der Mohammed ihn bei der Grabung in Syrien besuchte, sei er ohne zu Schlafen oder eine Rast einzulegen von Istanbul bis ins syrische Aleppo gereist. Zweieinhalb Tage am Stück, nur mit einer kleinen Sporttasche als Gepäck. "Zusammenreißen konnte der sich", sagt Machule.

Am 11. September 2011 hat Machule noch nichts vor. Ein Sonntag, er wird wohl zu Hause lesen oder mit seiner Frau ausfahren, mit dem alten Golf-Cabriolet. Dann wird wieder Ruhe sein. Bis dahin aber kommen noch brasilianische und japanische Fernsehteams. Sie wollen Machule sehen, den Lehrer des Mörders. "Ich weiß ja jetzt sehr gut, was Einsdreißig ist", sagt Machule - das sagen Fernsehjournalisten, wenn sie einen kleinen, kurzen Filmbeitrag mit ihm machen wollen.

Damals, als viele an der TU Hamburg-Harburg gern die Zugbrücke hochziehen wollten, machte er seine Tür auf und ließ alle rein. "Ich kannte ihn doch am intensivsten, wenn auch nicht gut. Gut kannte ihn keiner." Möglich, dass ihm die Uni zu seiner Emeritierung 2007 auch darum das Büro unter dem Dach überlassen hat, aus Dankbarkeit. Machule war das Gesicht der Uni, der Mann, der der Welt erklärte, warum hier in Hamburg an einer Universität ein fanatischer Killer leben, lernen und sich verstecken konnte.

Die unzähligen Gespräche hätten ihm auch geholfen, sagt er. Einen Therapeuten hat er wegen dem Mohammed nie gesehen. Wieso auch? Er konnte nach dem 11. September wochenlang darüber reden, gemeinsam mit Neugierigen aus aller Welt - darunter auch einer Reihe von Polizei-Ermittlern - und darüber nachsinnen, ob ihm irgendwie eine Komplizenschaft, eine Mitschuld am tausendfachen Mord anzulasten sein könnte.

"Allahu 'arif" - Gott weiß es

Ground Zero besuchte er 2005, erst mit einem Kollegen, dann bei derselben Reise noch mal alleine. Machule erlebte, was viele erleben, die an dem Ort stehen, wo die Türme fielen. "Die Dimensionen werden einem erst bewusst", sagt er. "Was für ein Leid und was für ein Wahnsinn, wie hirnverbrannt und bescheuert das alles war." Die schlimmen Bilder und die Eindrücke vom Ground Zero hätten alles überdeckt, auch sein Verhältnis zu Mohammed, "hundertfach, tausendfach". Und doch war es für ihn anders, als für viele andere, die an den Fußabdrücken der Türme stehen. "Es traf mich besonders, emotional, weil ich ja irgendwie verwickelt war." Für ihn gab es in dem Moment aber nur eine Möglichkeit: "Jetzt nicht weiterdenken."

Machule, geboren 1940, sagt, während und nach dem Krieg habe er sich um seine jüngeren Brüder kümmern müssen, damit sie alle drei am Leben blieben. "Damals habe ich gelernt, nicht zu tief zu denken. Nicht bis in den Abgrund zu denken." Machule sagt, er martere sich nicht mit Fragen zu Atta, er gebe einfach gerne Auskunft, wenn jemand etwas wissen will. Die Tür bleibe offen.

Während der Professor Mohammed Attas in seinem schummerigen Büro unter Dachschrägen sitzt und erzählt, sagt er etwas Erstaunliches: Dass ihn das alles gar nicht verändert habe. Naja, etwas vielleicht. "Vorsichtiger bin ich geworden, denn ein Mensch kann auch ein ganz anderer sein", sagt er. Aber die Offenheit gegenüber seinen Studenten sei wie die Offenheit in einer freien Gesellschaft der Kitt des Zusammenlebens. Man müsse vertrauen, ohne nachzudenken. Als Werkzeug sei die Vernunft schon in Ordnung, aber Menschen müsse man doch vertrauen.

Er habe Attas Diplomarbeit über die Altstadt von Aleppo wieder und wieder auf Hinweise durchgelesen. Sicher hundertmal hat er das Deckblatt studiert, auf das Atta ein Zitat aus dem Koran tippte: "Mein Gebet und meine Opferung und mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welt." Man kann so was einfach nicht ahnen, nicht wissen, sagt Machule. Am Ende weiß so etwas wohl nur Gott. "Allahu 'arif ", sagt Machule. Gott weiß es.

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Wegen der Anschläge vom 11. September vor Gericht
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Der heute 36-jährige Jemenit wohnte in Hamburg zusammen mit Mohammed Atta, dem Anführer der Todespiloten vom 11. September, und gilt als einer seiner engsten Vertrauten. In der Hamburger Terrorzelle soll Binalshibh als Organisator und "Bankier" gewirkt haben. Nach Überzeugung der US-Regierung ist er einer der Mitverschwörer der Terroranschläge. Angeblich sollte er ursprünglich bei den Flugzeugentführungen dabei sein, bekam aber kein Visum für die USA. mehr auf der Themenseite...

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Der in Kuwait aufgewachsene Mann soll die Flugzeugattentäter mit Geld versorgt haben. Er ist mit Scheich Mohammed und dem Drahtzieher des Anschlags von 1993 auf das World Trade Center, Ramsi Ahmed Jussuf, verwandt. Jussuf war im November 1997 zu einer Freiheitsstrafe von 240 Jahren verurteilt worden.

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Der Saudi-Araber soll den Flugzeugterroristen Geld beschafft haben - und kurz nach den Anschlägen unter anderem Qaida-Chef Osama bin Laden getroffen haben. Er sagte im Prozess gegen den Franzosen Zacarias Moussaoui aus, der im Mai 2006 als Mitverschwörer der Anschläge vom September 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

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Die Anklage wirft ihm vor, die Todespiloten unterstützt und in direktem Kontakt mit ihnen gestanden zu haben. Der Guantanamo-Häftling hat nach Angaben des Pentagons vom März 2007 die Planung des Anschlags auf das US-Kriegsschiff "USS Cole" im Oktober 2000 im Jemen zugegeben, bei dem 17 US-Soldaten getötet wurden. Zudem soll er seine Beteiligung an den Terrorangriffen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 mit 230 Toten gestanden haben. Angeblich unterstützte Attasch die Attentäter unter anderem mit gefälschten Stempeln und Visa. Es heißt außerdem, er sei zeitweise Leibwächter von Osama Bin Laden gewesen.

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