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Professoren im Zug: Ein Bahn-Fan packt aus

Uni-Gewächse und normale Menschen gleichen sich in einem Punkt - fast alle hassen die Deutsche Bahn. Sehr zu Unrecht, findet Professor Klaus Arnold. Denn nirgends kungelt, arbeitet und betrinkt es sich so gut wie im ICE. Sein Rat an Akademiker im Hochschulmagazin "duz": Nie mehr aussteigen!

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Wo, wenn nicht auf Schienen? Die Uni der Zukunft könnte durch Deutschland rollen

Es muss endlich einmal gesagt sein: Die Bahn ist wunderbar. Sie bringt mich von A nach B, sie ist mein Büro, meine Kontaktbörse, mein Weinlokal. Mit einem Wort: Sie ist mein Leben. Auch wenn sie es öffentlich nicht zugeben - im Grunde fahren die meisten Professoren gerne Bahn, denn immer gibt es etwas zu korrigieren, zu lesen oder zu schreiben. Im Auto geht das alles nicht so gut, und der Flieger lohnt sich nur auf längeren Strecken.

Über die blöde Bimmelbummelbahn herzuziehen, ist ziemlich wohlfeil, tut ja jeder. So wie sich jeder über die katholische Kirche mokiert oder über Guido Westerwelle. Aber was wäre die Welt ohne Weihrauch, rote Kardinalskäppchen und kernige Aussagen über Hartz-IV-Empfänger? Sie würde schlecht riechen, die Männermode wäre noch Business-grauer, und wir würden im spätrömisch-dekadenten Sozialismus leben, den sich natürlich bald niemand mehr leisten könnte, und dann würde es überall so ausschauen wie in der alten DDR. Das will ja wirklich niemand.

Und ohne die Bahn? Wir hätten als Smalltalk-Thema lediglich das miese Wetter und nicht mehr unsere Bahn-Erlebnisse. Und vor allem - um zum eigentlichen Thema zu kommen - das Professorenleben wäre ohne die Deutsche Bundesbahn um so vieles ärmer, und die Hochschulen hätten nie den Sprung geschafft von lahmen Quatschbuden zur neuen Bologna-Hochleistungsuniversität.

Sozialisation in der Postdoc-Phase

Kommen wir erst mal zum Wissenschaftler und seiner Bahn-Sozialisation: Die Promotion ist in der Tasche, der Arbeitsvertrag am Ende, und die Stelle steht sowieso zur Streichung an. Also bewirbt sich das aufstrebende Forschertalent an anderen Universitäten. Im günstigen Fall erhält der Nachuchswissenschaftler bald einen neuen - natürlich befristeten - Arbeitsvertrag.

Aber ganz so jung ist unser Postdoc auch nicht mehr, er hat eine feste Partnerin und vielleicht schon ein Kind. Die Partnerin hat einen attraktiven Job und der Nachwuchs einen Kindergartenplatz mit Ganztagsbetreuung. Das gibt man nicht gerne auf, zumal für einen Vertrag, der wiederum nur für ein paar Jahre läuft. Folglich entschließt sich der Nachwuchswissenschaftler zu pendeln - auch wenn der Weg weit ist. Ist ja nicht so schlimm, in der vorlesungsfreien Zeit bleibt er meist zu Hause und schnitzt an seiner Habilitation, und sonst fährt er halt mit der Bahn, da kann er die Zeit nutzen.

Die territorialen Mächte im Waggon

Dank des Hochschulrechts und unseres Zeitvertragssystems wird er also zum professionellen Bahnfahrer. Im Zug bastelt er an PowerPoint-Präsentationen, korrigiert Hausarbeiten und liest dicke Bücher. Ihn halten weder Böschungsbrände im Sommer noch eingefrorene Weichen im Winter auf, und er sammelt jede Menge Erfahrungen über das richtige Verhalten in der Bahn: Wagen mit a) Kindern (laut), b) Jugendlichen (noch lauter) und c) Rentnern auf feuchtfröhlichem Ausflug (am lautesten) sind unbedingt zu meiden. Immer einen Vierer-Platz suchen, alles, was man hat, über die drei leeren Plätze verteilen, am besten etwas mit vielen Zwiebeln essen und böse schauen. So schafft er sich ein komfortables Büro oder - wie man heute so sagt - eignet sich den Raum an.

An seinem mobilen Arbeitsplatz bleibt er trotzdem nicht lange allein. Wie es in einem Werbespot der Bahn einmal so schön hieß: "Wer Bahn fährt, gewinnt Zeit und trifft nette Leute", lernt der Nachwuchswissenschaftler bald Kollegen kennen, die ebenfalls jeden Tag zur Universität pendeln. Und das eröffnet ihm ganze neue Möglichkeiten. Aufgrund der - siehe oben - zahlreichen Böschungsbrände und eingefrorenen Weichen hat er viel Zeit, sich mit den Kollegen zu unterhalten.

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Von wegen
Arthur Dent, 28.06.2011
Das muss mir der Herr Professor mal zeigen, wie man sich im ICE betrinkt bevor denen die Vorräte ausgehen. Bisher war immer letzteres der Fall
2. Fern-Uni und Fernbahn-Uni
kmgeo 28.06.2011
Ganz richtig! Die ICE der Bahn sind nicht nur die größten und schnellsten Büros in Deutschland, sondern auch große akademische Bruthäuser. Natürlich muss man als Wochenendpendler unbedingt mit den richtigen Zügen pendeln - also immer donnerstags und montags, damit die goldene dimido-Regel nicht durchbrochen wird. Ansonsten gibt es schöne Erlebnisse - vor allem in den Klausurphasen: Da kann es schon mal vorkommen, dass an einer Tischgruppe im ICE gleichzeitig sechs Personen Klausuren korrigieren und somit Vorurteile über Geistes- (langsames bedächtiges Lesen und Abwägen) und Naturwissenschaften (schnelles Prüfen der Formel und entschlossener Korrekturstrich) bestätigt werden. Erstaunlich ist nur, dass die allenthalben angeforderte Residenzpflicht von Profs und Akademischen Räten nicht wirklich durchgesetzt wird. Aber man trifft ständig KollegInnen.
3. Kritik geht in falsche Richtung
mats123 28.06.2011
Die Kritik an der Bahn geht in die falsche Richtung. Dies gilt sowohl für die plumpe Nörgelei der Masse als auch für diesen Artikel eines Prof. Das Kernproblem der Bahn ist zumindest beim ICE nicht die Verspätung. Ich fahre so oft ICE und komme fast immer ohne Probleme und ohne nennenswerte Verspätung am Ziel an. Die paar Mal, wo ein Zug ausfiel oder etwas anderes passierte, die fallen kaum ins Gewicht im Vergleich zu den Verspätungen, die man beim Auto (Stau) oder beim Flugzeug oft hat. Viele Verspätungen resultieren auch aus Suiziden, da kann die Bahn nichts machen. Nicht genannt wird dagegen das, was bei der Bahn manchmal wirklich nervt. Das Verhalten der Fahrgäste sollte genau so geregelt werden wie im Flugzeug. Angetrunkene Typen, die sich mit Bierflaschen in der Hand durch die Abteile hangeln, sollte es im Zug nicht geben. Ich zahle nicht 150 Euro, um dann stinkende und betrunkene Prolls ertragen zu müssen. Das Herumgegröle mancher Dorf-Cliquen, die meinen, angesichts der anstehenden Städtereise einen drauf machen zu müssen, ist schlicht inakzeptabel. Das laute Geschnatter und Gekreische von Schülergruppen ist im ICE so überflüssig und nervig wie ein Kropf. Man fragt sich manchmal, wofür der Zugchef eigentlich da ist. In der 2. Klasse sollte es genau so ruhig und kommod zugehen wie in der 1. Klasse. Klare Benimmregeln wären ein Fortschritt. Im Flugzeug geht es ja auch. Manche Privatbahn ist da schon weiter und hat ein komplettes Alkoholverbot an Bord. Wenn man bedenkt, wie lange die alten Herren bei der Bahn brauchten, um endlich die Raucherabteile abzuschaffen, dann ist das echt peinlich.
4. Pr
Marion, 28.06.2011
Was ist das für ein PR-Artikel? Pro Bahn und Pro dem schönen Pendelakademikerleben? Eins hat der Professor in seiner Weinidylle vergessen: ein Wissenschaftlicher Angestellter, Stelle 32,75886%, im nächsten Semester evtl. aufgestockt auf 44,79% (mit diesen Zahlenspielereien beschäftigt man eine ganze Sekretärinnenkaste, die ihrem gemütliches Verwaltungsleben fröhnen und besser bezahlt sind als die, die anderen was fürs Leben beibringen) kann sich schicke ICE-1.Klasse-Pendelei nicht leisten - Familie erst recht nicht. So ab 75%-Stelle mit Bahncard 2. Klasse, okay - unter Meidung des ICEs - wenn man nämlich das Pech hat, zwischen Provinzstädten zu pendeln, brechen die Verbindungen regelmäßig zusammen. Da steigt man besser gleich in den IC, der dann nicht nur genauso schnell, sondern ohne Umsteigen auch wesentlich entspannter ist. Momentane Erfahrung: Man sucht sich schon extra die "Randzüge" - das geht nur, wenn der Abholer ein Auto hat, die kosten dann theoretisch 45 Euro. In diesem Jahr wirklich nur noch theoretisch - praktisch findet man für dieselbe Strecke nur noch Preise um die 70 Euro. Aber laut Statistik hat die Bahn die Preise um 1,5 % erhöht, sicher. Ansonsten, richtig, theoretisch kann man im Zug arbeiten, freuen wir uns auf den heißen Sommer und die wenigen Waggons. ICEs sind inzwischen zu proppevollen Verladezügen mutiert. Zur Zeit fehlt uns auch irgendwie ein ICE, Infos dazu auf der Bahnwebsite nicht zu finden. So werden nur noch Verbindungen ausgespuckt, die 1 Std. länger dauern als einst und 30% mehr kosten. Gewiss nur Einzelfälle.
5. Bayern
Marion, 28.06.2011
achja, ein bayrisches Akademikergewächs, pendelt zwischen München, Nürnberg und Eichstätt, das sind natürlich Entfernungen. Jetzt erst wenige Semester Trier? Dann wird er wohl bald ein Alkoholproblem haben, mit der Weinflasche in der Tasche und angesichts der phänomentalen Zuglage von Trier. Hoffe mal, Familie ist nach Köln gezogen.
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duz - Deutsche Universitätszeitung
Magazin für Forscher und Wissenschaftsmanager
Heft 7/2011

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Zur Person

Klaus Arnold ist Professor für Medien- und Kommunikations-wissenschaft an der Uni Trier. Er wurde 1968 in Nürnberg geboren. In München studiere er Diplom-Journalistik und arbeitete als Redakteur und stellvertretender Redaktionsleiter bei einem Nürnberg Privat-Radio. Seit dem Diplom-Abschluss im Jahr 1995 arbeitet Arnold an der Uni, zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaften der LMU München und später als Assistent und akademischer Oberrat am Lehrstuhl Journalistik II der Katholischen Universität Eichstätt. Promoviert wurde Arnold 2001, die Habilitation folgte 2008. Seit 2010 lehrt und forscht der Medienwissenschaftler in Trier.


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