Frauen an der Uni: Die Professorin, das unbekannte Wesen

Ein Gastbeitrag von Sigrid Nieberle

Berühmte Professorinnen: Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen Fotos
DPA

Heißt es Frau Professor oder Frau Professorin? Und warum kichern manche beim Wort Doktormutter? Weil Professorinnen in der Öffentlichkeit kaum vorkommen, in Zeitungen nicht, auch nicht in Büchern und im Kino. Mehr Zeit und Mühe tut Not - mit oder ohne Quote.

Wie jeden Morgen schlurft sie im Cordkostüm den Institutsflur hinunter. Gestern ist es spät geworden: ein Gutachten, das Personalentwicklungskonzept, der One-Night-Stand mit dem karrieregeilen Studenten. Und noch der Gin Tonic, weil sich die Traurigkeit über die kaputte Ehe nicht länger wegdrücken ließ.

Stereotypenalarm? Klischees? Erinnert an Krimis wie "Wilsberg und der tote Professor"? Ist selbst in parodistischer Form für Wissenschaftlerinnen unzutreffend? Stimmt. Aber wie ist es wirklich?

Der Herr Professor ist eine Instanz, bekannt aus Film und Fernsehen, Fachartikeln und Presseberichten. Und das weibliche Pendant? Wie heißt es überhaupt richtig: Frau Professorin oder Frau Professor oder lässt man die Frau besser weg? Manche kichern sogar noch über den Begriff "Doktormutter".

Die Professorin hat keine repräsentative Ahnenreihe von Sokrates über Dr. Faustus bis Professor Higgins. Es haperte bekanntlich am gleichberechtigten Zugang zur akademischen Lehrbefugnis. Eine möglichst moderne Figur muss also her. Nur welche?

Es sieht komisch aus, "MedizinerInnen" zu schreiben?

Die universitären Gender-Debatten beginnen bei den lästigen Diskussionen über das generische Maskulinum: Es sieht komisch aus, "MedizinerInnen" zu schreiben? Es dauert zu lang, "Studentinnen und Studenten", "Professoren und Professorinnen" zu sagen? Keine Sorge: Sie schaffen das! Denn die Veränderungen in der Sprache werden nach und nach auch dazu beitragen, dass sich etwas am Denken und Handeln ändert.

Zugleich müssen noch mehr Professorinnen an Hochschulen arbeiten. Denn sie etablieren sich nicht entsprechend der Promotions- und Habilitationsraten. Meist verlassen Frauen die Uni, weil befristete Arbeitsverträge in der Familiengründungsphase äußerst unattraktiv sind. Das Bild der Wissenschaftsmanagerin, das hier und dort mal auftaucht, taugt nicht zum Vorbild. Als Zukunftsentwurf ist es sogar denkbar ungeeignet, wenn man die Quotendebatten in der "freien Wirtschaft" betrachtet.

Zwar hat die Gleichstellungspolitik seit den neunziger Jahren - im Schneckentempo - erfreuliche Ergebnisse erzielt, trotzdem stehen die strategischen, personellen und finanziellen Anstrengungen in keinem Verhältnis zu den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes: In den Ingenieurwissenschaften hat sich der Professorinnenanteil seit 2000 auf etwa 10 Prozent verdoppelt und in den medizinischen Fächern auf gut 15 Prozent. Die Geisteswissenschaften knackten die 30-Prozent-Hürde.

Als effektives Instrument hat sich vor allem das Professorinnen-Programm der Bundesregierung erwiesen: Seit 2008 haben die Unis 150 Millionen Euro dafür bekommen, qualifizierte Frauen auf eigens dafür eingerichtete Professuren zu berufen. Die nächsten 150 Millionen stehen bereit. Sollten Frauen solche Professuren überhaupt antreten? Sind sie nicht genauso ehrenrührig wie jede andere Quotenpolitik auch?

Nein, denn sind nicht alle immer schon deswegen an einem bestimmten Arbeitsplatz gelandet, weil es ohnehin unausgesprochene Kriterien gibt? Quote bedeutet, Entwicklungsziele in Lehre und Forschung gemeinsam verbindlich zu formulieren. Wo ist das Problem, die Kriterien für eine Berufung möglichst transparent und nachvollziehbar zu machen?

Wenn sich keine qualifizierte Frau unter den Kandidatinnen findet und es einer Fakultät wirklich ernst mit der Gleichstellung ist, dann wird die Stelle neu ausgeschrieben. Eine Hochschule hat den Luxus, nichts überstürzen zu müssen. Nachhaltige Maßnahmen auf Nachwuchsebene sind immer willkommen und auch wirksam. Mehr Zeit und Mühe tut Not, mit oder ohne Quote.

"Kollege Y hatte schon immer ein Problem mit Frauen"

Kinofilme und ihre Romanvorlagen scheren sich um solche gleichstellungspolitischen Debatten wenig. Stoisch wiederholen sie alte Erzählmodelle vom verführbaren Professor und asozialen Wissenschaftler. Ohne Sex und Crime geht nichts, wie einst auch "Der Campus" dem deutschen Publikum klischeehaft vor Augen führte. Auch Anthony Hopkins ("Der menschliche Makel"), John Malkovich ("Schande"), Ben Kingsley ("Elegy") oder John Travolta ("A Lovesong for Bobby Long") spielten schon jenen Professorentyp, der Affären mit Studentinnen hat, viel Alkohol trinkt, harte Drogen nimmt, spielsüchtig ist oder unter akademischen Sinnkrisen leidet. Die Universität ist stets der Raum einer geschlossenen, weißen, männlichen und elitären Gesellschaft, der Professor Opfer seiner eigenen hohen Ansprüche - und natürlich seiner Libido.

Und die Professorin? Abgesehen von einigen College-Filmen mit naiv-aufmüpfigen Kunstdozentinnen und schwerst depressiven Klavierprofessorinnen: Kaum ein Film oder Roman, schon gar nicht in der Mainstream-Unterhaltung. Das macht sich wiederum im Alltag bemerkbar: Es fehlen die fiktionalen Angebote, die das Erproben von sozialen Konstellationen ermöglichen.

Auch heute noch sind viele Männer an der Uni verunsichert davon, dass sie nicht mehr unter sich sind, das lässt sich täglich beobachten. Im Extremfall erwarten sie entweder ein besonders integratives, harmonieorientiertes Verhalten von Frauen, oder sie vergessen sich und ihre guten Manieren und sprechen auf Bolzplatzniveau. Einige Frauen spielen bei diesem Spiel gern mit.

Nervig wird es, wenn einem der Kollege X zuraunt: "Grämen Sie sich nicht! Kollege Y hatte schon immer ein Problem mit Frauen." Manch einer bezeichnet Kollegin Z als "Brechmittel". Das ist zugleich als Warnung zu verstehen: "Fallen Sie doch bitte nicht genauso wie die besagte selbstbewusste Lehrstuhlinhaberin aus dem Gender-Rahmen!"

Solche und ähnliche Schoten erzählen sich viele Professorinnen am Rande von Konferenzen oder Sitzungen. Und dann gibt es noch jene Kolleginnen, die zigmal am Abend betonen, sie hätten ja noch nie Probleme gehabt und sie wollten einfach mal "nur Frau" sein - ganz so, als sei klar definiert, was das eigentlich bedeutet.

Susan Gubar hat vor zwei Jahren ein Buch über die akademischen Karrieren amerikanischer Kolleginnen seit den sechziger Jahren herausgegeben: "True Confessions: Feminist Professors Tell Stories Out of School". Eine gewinnbringende Idee: 27 Autorinnen berichten von teils sehr amüsanten, teils anrührenden Erfahrungen und betreiben die nötige Imagepflege. Seit den sechziger Jahren hat sich an amerikanischen wie deutschen Universitäten bereits eine Menge geändert. Dann könnten die Geschichten über Professorinnen doch jetzt verfilmt werden.

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1. Und schon sind wir beim Kern der Sache
vhe 07.02.2013
Zitat von sysopDenn sie etablieren sich nicht entsprechend der Promotions- und Habilitationsraten. Meist verlassen Frauen die Uni, weil befristete Arbeitsverträge in der Familiengründungsphase äußerst unattraktiv sind.
Wieso? Genauer gesagt, wieso sollen die für Frauen unattraktiver sein als für Männer? Die Uni erwartet von ihren Leuten, dass sie sich in den Job reinknien. Wer das als Nebenbeschäftigung betrachtet und das Windeln wechseln nicht delegieren will, muß damit leben, von jemandem ausgestochen zu werden, der willens ist, sein Familienleben um die Uni herum zu organisieren. Professoren verdienen nicht schlecht, da kann der Mann doch daheimbleiben und sich um das Kind kümmern, oder?
2. Das Sein und das Bewusstsein
prefec2 07.02.2013
Ich stimme der Autorin darin zu, dass Professorinnen in der von ihr definierten Öffentlichkeit, also TV, Zeitungen, Filme und Bücher, kaum vorkommen und es dort kein Vorbild gibt. Was die Sprachregelung angeht, so ist Doktormutter vollkommen normal an einer Hochschule wenngleich genauso veraltet wie der Doktorvater. Das sagt man heute nicht mehr. Es wird eher von Professoren oder Betreuern geredet. Im Kern denkt die Autorin jedoch, dass das Binnen-I bei StudentInnen oder ProfessorInnen in irgendeiner Weise das Denken und Handeln der Menschen ändern. Das wird von Vertretern dieser Idee immer wieder vorgebracht. Wenn dem so wäre, würde ich dafür plädieren einen solchen Umbau in der Sprache zuzulassen. Aber in Wirklichkeit gibt es keine Belege für die Effektivität dieser Änderung. Einzig positiver Effekt, man redet drüber. Dieses Reden mag einen positiven Effekt haben. Allein das Ziel wird auch durch die Ablehnung des Binnen-Is bei vielen Menschen negativ konnotiert. Somit könnte in der Summe das Binnen-I sogar schädlich sein. Dazu gibt es jedoch auch keine Belege. Da Menschen in der Regel zu Vokabeln jene Bilder im Kopf haben, welche die Realität produziert, ist so eine Sprachumstellung nicht notwendig. Die Briten und US-Amerikaner sind uns ja bekanntlich voraus und das ohne eine flächiges Binnen-I-Äquivalent oder die dauernde Dopplung. Sie haben die Bedingungen geändert und somit die Realität geändert und das hat die Bedeutung in den Köpfen geändert. BTW: Professor ist einerseits Titel und andererseits die Grundform einer Berufsbezeichnung. Somit heißt es Frau Professor oder Professorin. Das wäre klarer wenn bei uns Titel nicht immer gleich männlich wären. Aber der Stuhl ist ja auch männlich. zudem ist die Verteilung der Artikel im Deutschen ja auch recht zufällig angelegt. So gibt es das Fenster, das Haus, aber eben die Tür, der Keller ist unten männlich während Stockwerke und Geschosse weiter oben wieder neutrum sind. Der Dekoschal ist zwar funktional verwandt mit der Gardine. Letztere ist aber wieder weiblich.
3. Ist dieser Satz....
FocusTurnier 07.02.2013
Zitat von sysop..(sinngemäß?)...ein Umstellen der Sprache wird eine Änderung des Handelns nach sich ziehen..."
eigentlich nicht schon sehr entlarvend? MfG FT
4. Doktorinmutter
johnbatz 07.02.2013
Wenn schon, denn schon.
5.
Mastermason 07.02.2013
Zitat von johnbatzWenn schon, denn schon.
DoktorMUTTER impliziert die Weiblichkeit genauso FRAU Professor. Jetzt noch eine Weiblichkeitsform reinzubringen, führt das Konstrukt nah an den Pleonasmus. Was das Binnen-I angeht: Es existieren in der deutschen Sprache keine Großbuchstaben im Wortinnern. Damit ist die Diskussion doch eigentlich erledigt. Wem das als Contra-Argument nicht reicht, sollte sich klar machen, dass durch das große I keine "Sprachgerechtigkeit" (was ist das eigentlich?) erreicht wird, das Gegenteil ist der Fall. Das Binnen-I wird als weibliche Form wahrgenommen.
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Zur Person
  • Joachim Müller, Bielefeld
    Sigrid Nieberle lehrt und forscht seit April 2009 als Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg, derzeit ist sie für ein Gastsemester an der Kansas University in den USA. Zuvor unterrichtete sie in DAAD-Projekten an den Unis Debrecen, Brno und Oxford. Gender Studies gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten.
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