Wie jeden Morgen schlurft sie im Cordkostüm den Institutsflur hinunter. Gestern ist es spät geworden: ein Gutachten, das Personalentwicklungskonzept, der One-Night-Stand mit dem karrieregeilen Studenten. Und noch der Gin Tonic, weil sich die Traurigkeit über die kaputte Ehe nicht länger wegdrücken ließ.
Stereotypenalarm? Klischees? Erinnert an Krimis wie "Wilsberg und der tote Professor"? Ist selbst in parodistischer Form für Wissenschaftlerinnen unzutreffend? Stimmt. Aber wie ist es wirklich?
Der Herr Professor ist eine Instanz, bekannt aus Film und Fernsehen, Fachartikeln und Presseberichten. Und das weibliche Pendant? Wie heißt es überhaupt richtig: Frau Professorin oder Frau Professor oder lässt man die Frau besser weg? Manche kichern sogar noch über den Begriff "Doktormutter".
Die Professorin hat keine repräsentative Ahnenreihe von Sokrates über Dr. Faustus bis Professor Higgins. Es haperte bekanntlich am gleichberechtigten Zugang zur akademischen Lehrbefugnis. Eine möglichst moderne Figur muss also her. Nur welche?
Es sieht komisch aus, "MedizinerInnen" zu schreiben?
Die universitären Gender-Debatten beginnen bei den lästigen Diskussionen über das generische Maskulinum: Es sieht komisch aus, "MedizinerInnen" zu schreiben? Es dauert zu lang, "Studentinnen und Studenten", "Professoren und Professorinnen" zu sagen? Keine Sorge: Sie schaffen das! Denn die Veränderungen in der Sprache werden nach und nach auch dazu beitragen, dass sich etwas am Denken und Handeln ändert.
Zugleich müssen noch mehr Professorinnen an Hochschulen arbeiten. Denn sie etablieren sich nicht entsprechend der Promotions- und Habilitationsraten. Meist verlassen Frauen die Uni, weil befristete Arbeitsverträge in der Familiengründungsphase äußerst unattraktiv sind. Das Bild der Wissenschaftsmanagerin, das hier und dort mal auftaucht, taugt nicht zum Vorbild. Als Zukunftsentwurf ist es sogar denkbar ungeeignet, wenn man die Quotendebatten in der "freien Wirtschaft" betrachtet.
Zwar hat die Gleichstellungspolitik seit den neunziger Jahren - im Schneckentempo - erfreuliche Ergebnisse erzielt, trotzdem stehen die strategischen, personellen und finanziellen Anstrengungen in keinem Verhältnis zu den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes: In den Ingenieurwissenschaften hat sich der Professorinnenanteil seit 2000 auf etwa 10 Prozent verdoppelt und in den medizinischen Fächern auf gut 15 Prozent. Die Geisteswissenschaften knackten die 30-Prozent-Hürde.
Als effektives Instrument hat sich vor allem das Professorinnen-Programm der Bundesregierung erwiesen: Seit 2008 haben die Unis 150 Millionen Euro dafür bekommen, qualifizierte Frauen auf eigens dafür eingerichtete Professuren zu berufen. Die nächsten 150 Millionen stehen bereit. Sollten Frauen solche Professuren überhaupt antreten? Sind sie nicht genauso ehrenrührig wie jede andere Quotenpolitik auch?
Nein, denn sind nicht alle immer schon deswegen an einem bestimmten Arbeitsplatz gelandet, weil es ohnehin unausgesprochene Kriterien gibt? Quote bedeutet, Entwicklungsziele in Lehre und Forschung gemeinsam verbindlich zu formulieren. Wo ist das Problem, die Kriterien für eine Berufung möglichst transparent und nachvollziehbar zu machen?
Wenn sich keine qualifizierte Frau unter den Kandidatinnen findet und es einer Fakultät wirklich ernst mit der Gleichstellung ist, dann wird die Stelle neu ausgeschrieben. Eine Hochschule hat den Luxus, nichts überstürzen zu müssen. Nachhaltige Maßnahmen auf Nachwuchsebene sind immer willkommen und auch wirksam. Mehr Zeit und Mühe tut Not, mit oder ohne Quote.
"Kollege Y hatte schon immer ein Problem mit Frauen"
Kinofilme und ihre Romanvorlagen scheren sich um solche gleichstellungspolitischen Debatten wenig. Stoisch wiederholen sie alte Erzählmodelle vom verführbaren Professor und asozialen Wissenschaftler. Ohne Sex und Crime geht nichts, wie einst auch "Der Campus" dem deutschen Publikum klischeehaft vor Augen führte. Auch Anthony Hopkins ("Der menschliche Makel"), John Malkovich ("Schande"), Ben Kingsley ("Elegy") oder John Travolta ("A Lovesong for Bobby Long") spielten schon jenen Professorentyp, der Affären mit Studentinnen hat, viel Alkohol trinkt, harte Drogen nimmt, spielsüchtig ist oder unter akademischen Sinnkrisen leidet. Die Universität ist stets der Raum einer geschlossenen, weißen, männlichen und elitären Gesellschaft, der Professor Opfer seiner eigenen hohen Ansprüche - und natürlich seiner Libido.
Und die Professorin? Abgesehen von einigen College-Filmen mit naiv-aufmüpfigen Kunstdozentinnen und schwerst depressiven Klavierprofessorinnen: Kaum ein Film oder Roman, schon gar nicht in der Mainstream-Unterhaltung. Das macht sich wiederum im Alltag bemerkbar: Es fehlen die fiktionalen Angebote, die das Erproben von sozialen Konstellationen ermöglichen.
Auch heute noch sind viele Männer an der Uni verunsichert davon, dass sie nicht mehr unter sich sind, das lässt sich täglich beobachten. Im Extremfall erwarten sie entweder ein besonders integratives, harmonieorientiertes Verhalten von Frauen, oder sie vergessen sich und ihre guten Manieren und sprechen auf Bolzplatzniveau. Einige Frauen spielen bei diesem Spiel gern mit.
Nervig wird es, wenn einem der Kollege X zuraunt: "Grämen Sie sich nicht! Kollege Y hatte schon immer ein Problem mit Frauen." Manch einer bezeichnet Kollegin Z als "Brechmittel". Das ist zugleich als Warnung zu verstehen: "Fallen Sie doch bitte nicht genauso wie die besagte selbstbewusste Lehrstuhlinhaberin aus dem Gender-Rahmen!"
Solche und ähnliche Schoten erzählen sich viele Professorinnen am Rande von Konferenzen oder Sitzungen. Und dann gibt es noch jene Kolleginnen, die zigmal am Abend betonen, sie hätten ja noch nie Probleme gehabt und sie wollten einfach mal "nur Frau" sein - ganz so, als sei klar definiert, was das eigentlich bedeutet.
Susan Gubar hat vor zwei Jahren ein Buch über die akademischen Karrieren amerikanischer Kolleginnen seit den sechziger Jahren herausgegeben: "True Confessions: Feminist Professors Tell Stories Out of School". Eine gewinnbringende Idee: 27 Autorinnen berichten von teils sehr amüsanten, teils anrührenden Erfahrungen und betreiben die nötige Imagepflege. Seit den sechziger Jahren hat sich an amerikanischen wie deutschen Universitäten bereits eine Menge geändert. Dann könnten die Geschichten über Professorinnen doch jetzt verfilmt werden.
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