Promotionsbetrug: "Wir dürfen jetzt nicht überreagieren"

Überforderte Betreuer, wenig Kontrolle, wirre Zuständigkeiten: Im deutschen Promotionswesen läuft vieles falsch, sagt SPD-Bildungspolitiker Ernst Dieter Rossmann. Trotzdem mahnt er im Interview zur Vorsicht - wegen berühmter Hochstapler wie Guttenberg dürfe man gute Strukturen nicht zerschlagen.

Auch eine (satirische) Lösung: Doktor für alle - dann ist keiner mehr was wert Zur Großansicht
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Auch eine (satirische) Lösung: Doktor für alle - dann ist keiner mehr was wert

SPIEGEL ONLINE: Herr Rossmann, handelt es sich bei Politikern, die für ihre Doktorarbeiten plagiieren, um Einzelfälle?

Rossmann: Die Plagiatsjäger konzentrieren sich vor allem auf Doktorarbeiten von Politikerinnen und Politikern. Hier konnten sie in kurzer Zeit leider einige sehr massive Verstöße gegen die Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens entdecken. Es ist aber zu vermuten, dass Titelsucht und die Neigung zur Hochstapelei auch bei anderen Gruppen durchschlägt, die im öffentlichen Leben stehen oder sich durch einen Doktortitel bessere Karrierechancen versprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es also keine Einzelfälle sind, müssen dann weitergehende Konsequenzen gezogen werden?

Rossmann: Wir müssen darüber sprechen, ob die Plagiatsfälle nicht auch Ausdruck einer Überforderung der Hochschulen und des Hochschulpersonals darstellen. Von der personellen bis hin zur sächlichen Regelausstattung müssen wir hier noch viel tun.

SPIEGEL ONLINE: Mehr Geld und alles wird gut?

Rossmann: Nein, die Fälle zeigen, dass es Lücken bei der Kontrolle von Doktorarbeiten gab und gibt. Deshalb ist es unbedingt nötig, dass sich die Hochschulen und dann auch die Länder mit möglichst übereinstimmenden Regelungen zu Promotionen und dem Promotionsverfahren auseinandersetzen und dann einigen. Die aktuelle Vielfalt in den Hochschulgesetzen und Promotionsordnungen ist nicht hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Ist es problematisch, dass der Betreuer zugleich auch der Prüfer ist, weil es dann schwerer fallen könnte, Kandidaten durchfallen oder auffliegen zu lassen?

Rossmann: Nur weil ein Betreuer über Jahre eine Doktorarbeit begleitet, heißt das nicht, dass er das Endergebnis nicht mehr kritisch bewerten kann. Auch bei Bachelor- und Masterarbeiten haben wir ja meist eine Identität von Betreuer und Bewerter, wobei es zum Erstkorrektor als Betreuer noch immer einen Zweitkorrektor gibt, der bis dahin nicht beteiligt war. Ein anderes System wäre auch bürokratisch ein zu großer Aufwand.

SPIEGEL ONLINE: Viele Betreuer klagen, sie hätten zu wenig Zeit für ihre Doktoranden.

Rossmann: Die Hochschulen müssen so ausgestattet sein, dass Professoren als Betreuer ausreichend Zeit haben, um eine Doktorarbeit wissenschaftlich solide zu bewerten. Der quantitative Ausstoß von Doktorarbeiten sollte deshalb nicht mehr besonders vom Staat belohnt werden. Ich bin also gegen den "Masse-Bonus".

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich konkret am besten gegen Plagiate tun?

Rossmann: Jede Hochschule sollte hochwertige Anti-Plagiate-Software zur Verfügung gestellt bekommen, um ein Kontrollsystem mit Stichproben aufzubauen. Außerdem brauchen Wissenschaftler an Hochschulen wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit, statt sich ständig mit Formularen und der Suche nach Fördermitteln herumschlagen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für nötig, dass Doktorkandidaten künftig eine eidesstattliche Erklärung abgeben, nicht plagiiert zu haben?

Rossmann: Auch wenn die Bundeskanzlerin etwas anderes erklärt hat, ist Betrug im Promotionsverfahren kein Kavaliersdelikt. Eine einheitliche Regelung für eidesstattliche Erklärungen bei der Abgabe von Doktorarbeiten ist durchaus denkbar. Bisher haben meines Wissens nur fünf Bundesländer solche Regelungen in ihren Hochschulgesetzen. Die SPD-Fraktion will im Herbst Fachleute zusammenbringen, um zu sehen, wie sich eine einheitliche Lösung formulieren ließe.

SPIEGEL ONLINE: Mit den Plagiatsfällen ist der Verdacht entstanden, dass externe Doktoranden, die nicht an der Universität beschäftigt werden, besonders anfällig sind. Stimmt das?

Rossmann: Externe Promotionen sollten weiterhin unbedingt möglich sein. Wir wollen schließlich ein durchlässiges Bildungs- und Forschungssystem, bei dem auch Berufstätige zurück in die Wissenschaft gehen. Warum sollte man etwa einem Experten aus der Wirtschaft oder Verwaltung verweigern, im späteren Lebensverlauf noch eine Doktorarbeit zu schreiben und sich damit in die Wissenschaft aus der Praxis heraus einzubringen? Wir dürfen trotz der peinlichen Plagiatsfälle von Guttenberg bis Koch-Mehrin jetzt nicht überreagieren und Strukturen zerstören, die sich über viele Jahre bewährt haben. Auch die freie Promotion sollte allerdings möglichst, wenn es die Umstände irgendwie zulassen, an Graduiertenkollegs angebunden werden oder auf andere Weise eine intensive wissenschaftliche Begleitung erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Noch eine Idee?

Rossmann: Offenkundig ist ein Doktortitel für viele Menschen, leider auch in der Politik, ein Mittel zur Befriedigung ihres übertriebenen Ehrgeizes. Dabei ist der Doktor auch in Deutschland rechtlich kein Bestandteil des Namens. Um das zu verdeutlichen, wäre es sinnvoll, den "Dr." aus dem Personalausweis zu streichen.

Das Interview führte Christian Schwägerl

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1. ♟
flachatmer 02.08.2011
---Zitat--- Um das zu verdeutlichen, wäre es sinnvoll, den "Dr." aus dem Personalausweis zu streichen. ---Zitatende--- Endlich der richtige Schritt! Halte ich für sehr klug und durchdacht, da man Politikerausweisen schließlich weitaus häufiger als ihren Wahlplakaten oder Briefköpfen begegnet.
2. Titel für den Weltfrieden!
JanSouth 02.08.2011
Ein paar Dinge verstehe ich partout nicht: a) Warum wird nicht jede Dissertation durch die entsprechende Suchsoftware gejagt? Dauert das so lange, oder gibt es sonstige Probleme die mir nicht bewusst sind? An meiner Fakultät musste man JEDE Arbeit (egal ob Diplomarbeit oder noch so lumpige Seminararbeit) auch in digitaler Form abgeben, damit sie überprüft werden konnte, bzw überprüft werden kann. Welche Software dafür genau verwendet wird, wurde uns nicht mitgeteilt (wahrscheinlich aus gutem Grund), aber prinzipiell sollte das doch möglich sein? b) Gibt es Unis, die keine Eidesstattliche verlangen, wenn man seine Dissertation abgibt? Gehörte in meiner Welt zum absoluten Standard (wieder: egal ob Diplomarbeit oder unwichtige Seminararbeit).
3. Dr.
braintainment 02.08.2011
Irgendwie bezeichnend... auf der Artikelseite ist gleichzeitig folgende Anzeige geschaltet: "Promotionsberatung Master - Dr. - Dr.h.c - Professur kompetent - zuverlässig - anerkannt www.gantert.net"
4. zu Guttenberg sollte nicht "Hochstapler" genannt werden!
wibo2 02.08.2011
_ SPD-Bildungspolitiker Ernst Dieter Rossmann schlägt voll mit harter Faust zu. _ Das zu Guttenberg Bashing kann er nicht lassen. Unter einem Hochstapler stelle ich mir etwas anderes vor. Zu Guttenberg ist kein Hochstapler. Rossmanns Klarstellung, dass "der Doktor auch in Deutschland rechtlich kein Bestandteil des Namens" finde ich gut. Hoffentlich wird der Vorsatz, den "Dr." aus dem Personalausweis zu streichen, endlich umgesetzt. Schäuble hatte das sogar vor einigen Jahren bei der Einführung des neuen Personalausweises so machen wollen. Hoffentlich wird das jetzt endlich umgesetzt. Auch bei guten Jura Doktorarbeiten können 80% des Textes Zitate und Wiederholungen, also Reproduktionen von altbekanntem, vorhandenem Wissen sein. Nur 20% des Textes sind eigenen Gedanken und Erkenntnissen vorbehalten. (nach Prof Löwer. Siehe http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747049,00.html ) Ob nun all die prominenten Gestrauchelten der letzten Zeit vorsätzlich oder fahrlässig handelten, mögen andere beurteilen. Ich dachte immer, der wesentliche Teil der Doktorarbeit ist das Präsentieren der eigenen wissenschaftlichen Untersuchung? Und nicht das formal korrekte Zitieren der dazu zu Rate gezogenen Quellen? Natürlich sollte das Zitieren korrekt sein, aber die eigene Leistung muss vorhanden sein. Hat das mal jemand bei diesen Doktorarbeiten untersucht? Ich bin überzeugt davon, dass zu Guttenbergs Doktorarbeit einen erheblichen wissenschaftlichen Neuigkeitswert hat, sonst hätte er keine Bestnote "summa cum laude" erhalten. Zu Guttenbergs heuristisch reizvoller, jedoch methodisch und theoretisch umstrittener Diskursbegriff hat zur Aberkennung seines Doktortitels geführt. Er hat intertextuelle Analysen gemacht und neue interdisziplinäre Beziehungen hergestellt, die eine bemerkenswert interessante, lesenswerte und erhellende Arbeit im Endergebnis ergeben haben.
5. Ach,
Hannowald 02.08.2011
Ach, wenn ersteinmal noch ein Dutzend geklaute Doktorarbeiten aufgeflogen sind, dann hat man sich daran gewöhnt und kein Hahn kräht mehr danach. Man sieht ja jetzt schon, dass die nach Guttenberg und Koch-Mehrin aufgeflogenen schon gar nicht mehr zurücktreten brauchen. Und die VroniPlag-Leute verlieren bestimmt auch bald den Spass an der Sache. Also weitermachen wie bisher.
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Zur Person
  • DPA
    Ernst Dieter Rossmann, 60, sitzt für die SPD im Bundestag und ist Sprecher der Fraktions-Arbeitsgruppe "Bildung und Forschung". Seit 1998 gehört er dem Bildungsausschuss des Bundestages an. Er hat in den siebziger Jahren Psychologie studiert und wurde 1985 zum Doktor der Sportwissenschaften promoviert.

DPA
Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!
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