SPIEGEL ONLINE: Herr Rossmann, handelt es sich bei Politikern, die für ihre Doktorarbeiten plagiieren, um Einzelfälle?
Rossmann: Die Plagiatsjäger konzentrieren sich vor allem auf Doktorarbeiten von Politikerinnen und Politikern. Hier konnten sie in kurzer Zeit leider einige sehr massive Verstöße gegen die Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens entdecken. Es ist aber zu vermuten, dass Titelsucht und die Neigung zur Hochstapelei auch bei anderen Gruppen durchschlägt, die im öffentlichen Leben stehen oder sich durch einen Doktortitel bessere Karrierechancen versprechen.
SPIEGEL ONLINE: Wenn es also keine Einzelfälle sind, müssen dann weitergehende Konsequenzen gezogen werden?
Rossmann: Wir müssen darüber sprechen, ob die Plagiatsfälle nicht auch Ausdruck einer Überforderung der Hochschulen und des Hochschulpersonals darstellen. Von der personellen bis hin zur sächlichen Regelausstattung müssen wir hier noch viel tun.
SPIEGEL ONLINE: Mehr Geld und alles wird gut?
Rossmann: Nein, die Fälle zeigen, dass es Lücken bei der Kontrolle von Doktorarbeiten gab und gibt. Deshalb ist es unbedingt nötig, dass sich die Hochschulen und dann auch die Länder mit möglichst übereinstimmenden Regelungen zu Promotionen und dem Promotionsverfahren auseinandersetzen und dann einigen. Die aktuelle Vielfalt in den Hochschulgesetzen und Promotionsordnungen ist nicht hilfreich.
SPIEGEL ONLINE: Ist es problematisch, dass der Betreuer zugleich auch der Prüfer ist, weil es dann schwerer fallen könnte, Kandidaten durchfallen oder auffliegen zu lassen?
Rossmann: Nur weil ein Betreuer über Jahre eine Doktorarbeit begleitet, heißt das nicht, dass er das Endergebnis nicht mehr kritisch bewerten kann. Auch bei Bachelor- und Masterarbeiten haben wir ja meist eine Identität von Betreuer und Bewerter, wobei es zum Erstkorrektor als Betreuer noch immer einen Zweitkorrektor gibt, der bis dahin nicht beteiligt war. Ein anderes System wäre auch bürokratisch ein zu großer Aufwand.
SPIEGEL ONLINE: Viele Betreuer klagen, sie hätten zu wenig Zeit für ihre Doktoranden.
Rossmann: Die Hochschulen müssen so ausgestattet sein, dass Professoren als Betreuer ausreichend Zeit haben, um eine Doktorarbeit wissenschaftlich solide zu bewerten. Der quantitative Ausstoß von Doktorarbeiten sollte deshalb nicht mehr besonders vom Staat belohnt werden. Ich bin also gegen den "Masse-Bonus".
SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich konkret am besten gegen Plagiate tun?
Rossmann: Jede Hochschule sollte hochwertige Anti-Plagiate-Software zur Verfügung gestellt bekommen, um ein Kontrollsystem mit Stichproben aufzubauen. Außerdem brauchen Wissenschaftler an Hochschulen wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit, statt sich ständig mit Formularen und der Suche nach Fördermitteln herumschlagen zu müssen.
SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für nötig, dass Doktorkandidaten künftig eine eidesstattliche Erklärung abgeben, nicht plagiiert zu haben?
Rossmann: Auch wenn die Bundeskanzlerin etwas anderes erklärt hat, ist Betrug im Promotionsverfahren kein Kavaliersdelikt. Eine einheitliche Regelung für eidesstattliche Erklärungen bei der Abgabe von Doktorarbeiten ist durchaus denkbar. Bisher haben meines Wissens nur fünf Bundesländer solche Regelungen in ihren Hochschulgesetzen. Die SPD-Fraktion will im Herbst Fachleute zusammenbringen, um zu sehen, wie sich eine einheitliche Lösung formulieren ließe.
SPIEGEL ONLINE: Mit den Plagiatsfällen ist der Verdacht entstanden, dass externe Doktoranden, die nicht an der Universität beschäftigt werden, besonders anfällig sind. Stimmt das?
Rossmann: Externe Promotionen sollten weiterhin unbedingt möglich sein. Wir wollen schließlich ein durchlässiges Bildungs- und Forschungssystem, bei dem auch Berufstätige zurück in die Wissenschaft gehen. Warum sollte man etwa einem Experten aus der Wirtschaft oder Verwaltung verweigern, im späteren Lebensverlauf noch eine Doktorarbeit zu schreiben und sich damit in die Wissenschaft aus der Praxis heraus einzubringen? Wir dürfen trotz der peinlichen Plagiatsfälle von Guttenberg bis Koch-Mehrin jetzt nicht überreagieren und Strukturen zerstören, die sich über viele Jahre bewährt haben. Auch die freie Promotion sollte allerdings möglichst, wenn es die Umstände irgendwie zulassen, an Graduiertenkollegs angebunden werden oder auf andere Weise eine intensive wissenschaftliche Begleitung erfahren.
SPIEGEL ONLINE: Noch eine Idee?
Rossmann: Offenkundig ist ein Doktortitel für viele Menschen, leider auch in der Politik, ein Mittel zur Befriedigung ihres übertriebenen Ehrgeizes. Dabei ist der Doktor auch in Deutschland rechtlich kein Bestandteil des Namens. Um das zu verdeutlichen, wäre es sinnvoll, den "Dr." aus dem Personalausweis zu streichen.
Das Interview führte Christian Schwägerl
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