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Promotionsexperte im Interview: "Damit kommt Guttenberg nicht davon"

Kann Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel einfach so abgeben? Das vielleicht schon, sagt Deutschlands führender Promotionsexperte, der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer im Interview. Doch damit hat das Verfahren gegen den Verteidigungsminister noch lange kein Ende.

Ex-Doktor Guttenberg: "Blödsinn ist die Arbeit sicherlich nicht" Zur Großansicht
DPA

Ex-Doktor Guttenberg: "Blödsinn ist die Arbeit sicherlich nicht"

SPIEGEL ONLINE: Herr Löwer, der Verteidigungsminister hat angekündigt, seinen Doktortitel zurückzugeben. Geht das überhaupt?

Wolfgang Löwer: Dazu gibt es keine klare Regelung. Nach meiner Einschätzung ist das wohl möglich. Sie können auch einen Führerschein freiwillig wieder abgeben. Wir Juristen sprechen von einer "günstigen Rechtsstellung", die er erreicht hat durch die Promotion. Es gibt kein zwingendes Argument, wie sie jemandem verbieten wollen, auf diese Rechtsstellung, also den Doktorgrad, zu verzichten. Er muss allerdings die Urkunde abgeben.

SPIEGEL ONLINE: Guttenberg streicht zwei Buchstaben, sagt "mea culpa" - und das war es dann?

Löwer: Nein, er ist nur der Entziehung seines Doktorgrades zuvorgekommen. Damit kommt Guttenberg aber nicht davon, jedenfalls nicht akademisch. Unberührt bleibt zweierlei: Zum einen die Verletzung des Urheberrechts - hier ermittelt der Staatsanwalt. Zum anderen muss die Dissertation von Herrn zu Guttenberg gegebenenfalls aus dem Verkehr gezogen werden. Deswegen muss die Kommission an der Universität Bayreuth ihr Verfahren fortsetzen und offiziell von Amts wegen feststellen, ob die Arbeit zum Beispiel als Plagiat einzustufen ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Löwer: Weil die Dissertation noch als zitierfähiges Werk in den Bibliotheken steht. Das aber setzt voraus, dass der Autor sie eigenhändig und unter korrekter Angabe aller Quellen erstellt hat. Und hier hat Guttenberg ja selbst schwere Fehler eingeräumt.

SPIEGEL ONLINE: Bei ihm hört es sich noch immer etwas despektierlich an: Er spricht von Blödsinn, den er da geschrieben habe.

Löwer: Blödsinn ist die Arbeit sicherlich nicht. Sie entspricht aber nicht den Erfordernissen: Wo Guttenberg draufsteht, muss auch Guttenberg drin sein.

SPIEGEL ONLINE: Wird Guttenberg zum Präzedenzfall?

Löwer: Ein Stück weit betreten wir juristisches Neuland. Mir ist kein ähnlicher Fall bekannt. Normalerweise versuchen Plagiatoren, den Titelentzug zu verhindern. Oder sie versuchen noch während des Promotionsverfahrens ihre eingereichte Arbeit wieder zurückzuziehen, wenn sie bereits aufgeflogen sind - das allerdings können sie wohl eher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Vorwürfe gegen Guttenberg prüft die Universität Bayreuth, die ihm den Titel verliehen hat und seine Arbeit mit "summa cum laude" ausgezeichnet hat. Wird hier der Bock zum Gärtner gemacht?

Löwer: Nun, das Verwaltungsrecht schreibt das so vor. Wer verleiht, entzieht auch. Es ist rechtlich zwingend, dass die Universität Bayreuth Herrin des Verfahrens ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das richtig?

Löwer: Ja! Denn der Doktorand versichert ja gegenüber der Universität, eigenhändig und korrekt gearbeitet zu haben. Es ist die Universität, die durch Täuschung geschädigt wird - und die ein Interesse hat, dagegen vorzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Im konkreten Fall müsste eine Universität, die sich mit ihrem berühmten Absolventen Guttenberg schmückt, einräumen, dass sie ihn zu Unrecht promovierte.

Löwer: Nein, nicht die Universität hat einen Fehler gemacht. Sie ist getäuscht worden. Auch als betreuender Doktorvater bemerken sie ein Plagiat nicht unbedingt. Sie können kaum die gesamte Literatur überblicken, so dass ihnen abgeschriebene Passagen bekannt vorkommen. Und Stilbrüche werden von geschickten Täuschern vermieden.

SPIEGEL ONLINE: Der Umfang der kopierten Stellen in Guttenbergs Arbeit ist schon auffällig.

Löwer: Jeder Hochschullehrer kennt Fälle, wo ihm Plagiate nicht aufgefallen sind. Man fühlt sich getäuscht, man wurde betrogen. Und die Getäuschten sind nicht zögerlich, den Titel in einem solchen Fall zu entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Müsste gründlicher geprüft werden?

Löwer: Bei Studenten verlangen wir schon, dass sie jede Prüfungsleistung auch als digitale Datei einreichen, damit wir drohen können: Wir vergleichen die Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie drohen, aber sie überprüfen nicht jede Arbeit?

Löwer: Natürlich nicht, das wäre kaum zu schaffen. Wir überprüfen Stichproben. Kein Schummler kann sich sicher sein.

SPIEGEL ONLINE: Doktoranden müssen ihre Dissertation nicht als pdf- oder Word-Datei einreichen?

Löwer: Nein, nicht unbedingt. Es ist jedenfalls keine allgemeine Regel aller Fakultäten. Wir bringen den Doktoranden Vertrauen entgegen; das impliziert mögliche Enttäuschungen. Über mehr Kontrolle können die Fakultäten immer nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Rückgabe des Titels könnte Guttenberg seine politische Karriere sichern. Imponiert Ihnen die Gewandtheit des Ministers?

Löwer: Akademisch ist "Gewandtheit" völlig egal. Mit solchen Schachzügen, ob nun geschickt oder nicht, kann er im Wissenschaftsbetrieb nicht punkten. Wir sind selbst eitel genug, um uns davon nicht beeindrucken zu lassen.

Das Interview führte Oliver Trenkamp

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1. wird sich zeigen
Gebetsmühle 22.02.2011
Zitat von sysopKann Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel einfach so abgeben? Das vielleicht schon, sagt Deutschlands führender Promotionsexperte, der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer im Interview. Doch damit hat das Verfahren gegen den Verteidigungsminister noch lange kein Ende. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747049,00.html
ich geh davon aus, dass die uni in bayreuth das verfahren bald mit der aberkennung beenden wird. was dadraus sonst noch so folgt, wird sich zeigen. vermutlich muss der betreuer und das institut oder die fakultät das geld zurückgeben, das sie vom steuerzaler für die promotion bekommen hat. vielleicht hat ja sogar jemand den mut den amigofilz im land aufzudecken. aber das glaub ich eigentlcih nicht.
2. Wieso kann Herr Guttenberg...
Emmi 22.02.2011
..durch die Rückgabe seines Doktortitels seine politische Karriere sichern!? Ist es denn auch dann noch egal, wenn man als Politiker des Betrugs *überführt* und *geständig* ist??? Kann so einer am Ende noch Bundeskanzler werden, also wenn man schon *vorher* weiß, dass er vor Betrug nicht zurückschreckt!
3. Strafverfahren gegen Guttenberg?
Michael KaiRo 22.02.2011
Zitat von sysopKann Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel einfach so abgeben? Das vielleicht schon, sagt Deutschlands führender Promotionsexperte, der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer im Interview. Doch damit hat das Verfahren gegen den Verteidigungsminister noch lange kein Ende. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747049,00.html
Schade, dass ein mögliches Strafverfahren gegen Guttenberg nicht erörtert wurde. Immerhin hat er als Minister (!) gelogen, betrogen und plagiiert. Ist das alles in Deutschland etwa nicht strafrelevant?
4. Wenigstens ein Rücktritt aus der Politk muss die Folge sein...
maik.loeffler@gmx.de 22.02.2011
Es kann nicht sein, dass wir Lügner dulden und diese ungeschoren davon kommen. Sonst kann doch jeder sein Abitur, gleich mit Lösungsheften, absolvieren. Das ist doch kein Beispiel für unsere junge Generation, daher sollte Herr Guttenberg sein Amt aufgeben und der Politik fern bleiben. Seine Gier, unbedingt das Amt auszuüben, dürfte man nicht akzeptieren - zumindest das Volk dürfte es nicht - und das kann mächtig sein, wie es uns Ägypten und Tunesien eindrucksvoll gezeigt hat.
5. Das weitere Verfahren
roterschwadron 22.02.2011
Zitat von Gebetsmühleich geh davon aus, dass die uni in bayreuth das verfahren bald mit der aberkennung beenden wird. was dadraus sonst noch so folgt, wird sich zeigen. vermutlich muss der betreuer und das institut oder die fakultät das geld zurückgeben, das sie vom steuerzaler für die promotion bekommen hat. vielleicht hat ja sogar jemand den mut den amigofilz im land aufzudecken. aber das glaub ich eigentlcih nicht.
Das Zauberwort heißt "Verstoß gegen das Urheberrecht". Das ist eine Straftat, keine "Kleinigkeit". Der Rücktritt als Minister wird gerade mal der Anfang der entsprechenden Konsequenzen sein. Und zum 500. Mal meine Frage: ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft? Ich habe das schon etliche Male gepostet und bekomme immer mehr den Eindruck, daß solche Fragen dem Redakteur of the day nicht genehm sind...
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Zur Person
Uni Bonn
Wolfgang Löwer, 64, ist Sprecher eines Gremiums zu Fragen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, dem "Ombudsman für die Wissenschaft", eingesetzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Er ist Jura-Professor in Bonn und Experte für Wissenschaftsrecht. Er saß in mehreren Kommissionen, die Plagiatoren ihren Titel entzogen.

Guttenbergs Kehrtwende
Erst bezeichnete er die Vorwürfe als "abstrus", später gab er dann doch Fehler in seiner Doktorarbeit zu. Karl-Theodor zu Guttenberg hat in den vergangenen Tagen äußerst unterschiedliche Aussagen zu den Plagiatsvorwürfen gegen ihn gemacht. Eine chronologische Übersicht über die Kehrtwende des Ministers.
Schriftliche Erklärung am Mittwoch, 16. Februar:
"Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus. Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten, und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen. Und sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu. Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung."
Mündliche Erklärung am Freitag, 18. Februar:
"Für diese Stellungnahme bedurfte es keiner Aufforderung, und sie gab es auch nicht. Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevoller Kleinstarbeit entstanden, und sie enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.

Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht. Sollte sich jemand hierdurch oder durch inkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1300 Fußnoten und 475 Seiten verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid. Die eingehende Prüfung und Gewichtung dieser Fehler obliegt jetzt der Universität Bayreuth.

Ich werde selbstverständlich aktiv mithelfen festzustellen, inwiefern darin ein wissenschaftliches, ich betone: ein wissenschaftliches Fehlverhalten liegen könnte. Und ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone: vorübergehend, auf das Führen des Titels verzichten, allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen.

Ich werde mir keine anderen Maßstäbe anlegen, als ich bei anderen angesetzt hätte. Jede weitere Kommunikation über das Thema werde ich von nun an ausschließlich mit der Universität Bayreuth führen. Die Menschen in diesem Land erwarten, dass ich mich um das fordernde Amt des Verteidigungsministers mit voller Kraft kümmere, und das kann ich auch. Wir stehen vor einer historischen Bundeswehrreform. Und ich trage die Verantwortung für die Soldaten im Einsatz, wie ein Ereignis an dem heutigen Tag einmal mehr auf bittere Weise zeigt."
Rede bei einer CDU-Veranstaltung in Kelkheim am Montag, 21. Februar:
"Meine Damen und Herren, es hat ja so ein bisschen gemunkelt an der einen oder anderen Ecke: Kommt er denn überhaupt, drückt er sich? Soweit kommt es noch, meine Damen und Herren, dass man sich nach einem solchen Sturm drücken würde. Soweit kommt's noch. Und hier oben steht zu Ihrer aller Versicherung auch das Original und nicht das Plagiat (...).

Mir ist in diesen Tagen auch einfach noch mal wichtig zu sagen, dass ich nicht als Selbstverteidigungsminister gekommen bin (...), sondern als Bundesminister der Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland, als Freund, als Nachbar (...) und insbesondere als einer, der in diesen Tagen auch deutlich macht, dass eine oberfränkische Wettertanne solche Stürme nicht umhaut.

(...) Da verlässt man nicht irgendwelche Schiffe, sondern da bleibt man an Deck und hält die Dinge entsprechend durch, und wenn es gelegentlich etwas absurd wird, dann hält man die Dinge auch einfach aus. Auch das ist, glaube ich, eine Erwartungshaltung, die Sie an jemanden haben, der in Verantwortung steht. Und so soll's auch sein.

Ich möchte das Thema gerne aufgreifen, weil es dieser Tage doch sehr, sehr interessiert, und ich weiß, dass man auch den Anspruch hat, dass jemand, der sich in die Öffentlichkeit begibt, dann auch in der Öffentlichkeit zu gewissen Dingen Stellung nimmt.

Und ich mache das mit großer Freude und von Herzen gerne vor Ihnen heute Abend - und nicht alleine vor der Hauptstadtpresse in Berlin. Sondern bewusst und gerne vor Ihnen, weil dieser Bezugspunkt, glaube ich, einer ist, der deutlich macht, dass uns die Öffentlichkeit als Öffentlichkeit wichtig ist. Und dass Sie erfahren können aus erstem Munde, was mir am Herzen liegt und in meinen Augen mitteilenswert ist und Sie nicht erst wieder durch Kommentierung letztlich erreicht. (...)

Ich habe in der - wenn man so will: "Affäre" um Plagiat: ja oder nein - an diesem (...) besonders gemütlichen Wochenende mir auch die Zeit nehmen dürfen, nicht das zu lesen und anzusehen, was da alles so geschrieben wurde und gesendet wurde, sondern mich auch noch einmal mit meiner Doktorarbeit zu beschäftigen. Ich glaube, dass war auch geboten und richtig, das zu tun. Und nach dieser Beschäftigung, meine Damen und Herren, habe ich auch festgestellt, wie richtig es war, dass ich am Freitag gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde.

Ich sage das ganz bewusst, weil ich am Wochenende, auch nachdem ich diese Arbeit noch einmal intensiv angesehen habe, feststellen musste, dass ich gravierende Fehler gemacht habe. Gravierende Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen. Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht, ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht und musste mich natürlich auch selbst fragen, meine Damen und Herren: Wie konnte das geschehen? Und wie konnte das passieren?

Und so ist es, nach einem Blick, den man zurückwirft, dass man feststellt, man hat sechs, sieben Jahre an einer solchen Arbeit geschrieben und hat in diesen sechs, sieben Jahren möglicherweise an der ein oder anderen Stelle, an der ein oder anderen Stelle auch zu viel, auch teilweise den Überblick über die Quellen verloren.

Das ist eine Feststellung, die darf man treffen, und die muss man treffen. Und dann gibt es ganz besonders peinliche Beispiele dabei, etwa dass die "Frankfurter Allgemeine" so prominent in der Einleitung einer Doktorarbeit erscheint, das ist im Umfeld von Frankfurt am Main natürlich eher schmeichelhaft, meine Damen und Herren, aber es ist weniger schmeichelhaft in einer Doktorarbeit.

Und das sind selbstverständlich Fehler. Und ich bin selbst auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Und deswegen stehe ich auch zu diesen Fehlern. Und zwar öffentlich zu diesen Fehlern, meine Damen und Herren. Und ich bin auch ganz gerne bereit, dies in die hier stehenden Kameras zu sagen, die ja de facto heute hier wegen einer Kommunalwahl gekommen sind.

Und ich sage ebenso und mit der notwendigen (...) und mir in diesen Tagen gerne abgesprochenen Demut (...), dass ich mich von Herzen bei all jenen entschuldige, die ich mit Blick auf die Bearbeitung dieser Doktorarbeit verletzt habe. Das ist eine Entschuldigung, die von Herzen kommt und die als solche auch zu sehen ist. (...)

Die Entscheidung, meinen Doktortitel nicht zu führen, schmerzt, insbesondere wenn man sechs, sieben Jahre seines Lebens daran gearbeitet hat und insbesondere wenn man weiß, was die Familie da auch durchgemacht hat. Ich kann auch eines sagen: Ich habe diese Arbeit selber geschrieben, weil: Ich stehe auch zu dem Blödsinn, den ich da geschrieben habe. Ich habe sie selber geschrieben. (...)

Von daher ist das eine schmerzliche Entscheidung. Aber es ist eine wichtige Entscheidung, weil es auch gleichzeitig darum geht, dass man auch bereits eingetretenen Schaden, etwa für eine Universität, eingetretenen Schaden beim honorigen, hochgeschätzten Doktorvater, beim Zweitkorrektor zu begrenzen weiß. (...)

Dass wir am vergangenen Freitag in der Bundesrepublik, wenn man den Fernseher eingeschaltet hatte oder wenn man sich am nächsten Tag die gesamte Medienlandschaft in diesem Land angesehen hat, den Hauptaugenmerk mit Sondersendungen und allem Pipapo auf die gegebenen oder nicht gegebenen Fußnoten in einer ministeriellen Doktorarbeit gelegt haben und gleichzeitig der Umstand, dass in Afghanistan drei Soldaten gefallen sind und zehn Soldaten mitunter schwer verwundet worden sind und immer noch zwei mit dem Leben ringen, dieser Umstand zur Randnotiz verkommen ist, ist in meinen Augen kein wirkliches Beispiel für exzellenten Journalismus."

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Plagiate - wissenschaftliches Diebesgut
Veröffentliche oder verrecke
"Copy & paste" gilt als Trendsport bei Studenten, die sich Seminar- oder Abschlussarbeiten mitunter aus dem Internet zusammenräubern. Wie sauber aber arbeiten Professoren? "Publish or perish" verlangt die akademische Tradition: Als erfolgreich gilt, wer viele bedeutsame Fachartikel veröffentlicht. Da können auch gestandene Hochschullehrer der Versuchung erliegen, Ideen oder Texte zu klauen.
Sünder im Verborgenen
Geistiger Diebstahl bleibt der Natur der Sache nach verschwiegen und wird nur ausnahmsweise aufgedeckt. Vor allem das Internet verlockt als unendliches Dokumentengrab Hochschullehrer wie Studenten zu Grabräubereien. Heraus kommt das am ehesten durch Bestohlene, die auf den Widerhall ihres Werkes achten, oder Kollegen im selben Arbeitsbereich, häufig belesene Doktoranden. Immer wieder werden schlechte Beispiele von wissenschaftlichen Promis bekannt: aus der Philosophie und Theologie, der Mathematik und Medizin, den Rechts- wie den Wirtschaftswissenschaften.
Spielarten des geistigen Diebstahls
Ein Plagiat ist genaugenommen die geklaute Kopie eines fremden Textes, ohne Angabe der Fundstelle - von einzelnen Passagen bis zu kompletten Texten. Schwerer nachweisbar ist der bloße Ideenklau im kollegialen Austausch. Im Hochschulbetrieb ist anonymes Ghostwriting für einen anderen unzulässig, aber kaum auszurotten. Alles andere als selten ist auch die bloße "Ehrenautorschaft" eines Chefs, der sich von seinen Wasserträgern, den wahren Autoren, huckepack nehmen lässt, obwohl er bei der Publikation selbst keinen Finger gerührt hat - nach der alten Devise "Der Geist des Instituts schreibt immer mit".

Bernd Wegner, Chefredakteur des internationalen "Zentralblatt MATH", erzählt SPIEGEL ONLINE Beispiele aus dem schmuddeligen Nähkästchen der Naturwissenschaften: "Unabgeschlossene Diskussionsbeiträge, Pre-Prints, von einer öffentlichen Internetplattform kopieren und dann damit schneller als der wahre Autor in Druck gehen; oder als Gutachter fremde Arbeiten ablehnen und die dann selber, natürlich 'verbessert', zur Veröffentlichung einreichen; oder eine Arbeit auf Russisch in englischer Version als Innovation zu verkaufen - das sind die wirklich harten Fälle!"

Amtliche Aufklärung
An manchen Hochschulen werden studentische Prüfungsschriften automatisch mit einer handelsüblichen Plagiat-Software durchleuchtet. An jeder Hochschule gibt es einen Ansprechpartner für wissenschaftliches Fehlverhalten, außerdem einen bundesweit tätigen Wächterrat (www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de). Diese Prüfstellen zielen auf eine gütliche Einigung zwischen den Streitparteien. Ansonsten steht der Rechtsweg offen, ein Hinweis an den Disziplinarvorgesetzten eines Hochschullehrers und eine Straf- oder Betrugsanzeige bei der Polizei.
Der Schaden der Opfer
Der geistige Dieb betrügt an zwei Stellen - dort, wo er klaut, und dort, wo er den Text weiter verhökert. Der wahre Autor oder sein Verlag können gerichtlich durchsetzen, dass als Buch veröffentlichtes Diebesgut nicht länger im Handel bleibt. Der Verlag, der das Plagiat zurückholen und vernichten muss, kann für seinen finanziellen Schaden den Plagiator selber haftbar machen. Es bleibt der immaterielle Schaden des Bestohlenen: Sein eigener Text, etwa eine Doktorarbeit, spukt oft im Internet unter dem Namen des Diebes weiter - und wird von ahnungslosen anderen mit der falschen Autorenangabe zitiert.
Strafen für die Täter
An der Uni Münster wurde 2009 ein Examenskandidat wegen Plagiats rechtskräftig exmatrikuliert. In Nordrhein-Westfalen müssen abschreibende Studenten mit bis zu 50.000 Euro Geldstrafe rechnen. Neuerdings verfolgen Staatsanwaltschaften plagiierte Doktorarbeiten "im öffentlichen Interesse", ganz ohne Anzeige eines Betroffenen; die Strafe liegt durchweg bei drei Monatsgehältern oder 90 Tagen Haft. Beamteten Hochschullehrern drohen Disziplinarstrafen von der (gängigen) Ermahnung bis zur (theoretischen) Entlassung aus dem Dienst, Angestellten böse Briefe von der Abmahnung bis zur außerordentlichen Kündigung. Gleichwohl gilt der geistige Diebstahl unter Professoren oft noch als Kavaliersdelikt. Deswegen ist noch niemand aus dem Deutschen Hochschulverband, der Standesvertretung der Uni-Dozenten, ausgeschlossen worden.
Weitere Infos
Zum Schutze der persönlichen Autorenrechte gelten an allen Hochschulen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Rechtsprofessor Volker will neu auftauchende Missbrauchsfälle laufend auf einer eigenen Webseite dokumentieren: www.wissenschaftsplagiat.de