Protest gegen Holocaust-Leugner: Oxford tanzt gegen Irving

Von Philip Oltermann, Oxford

Eine Uni-Stadt begehrt auf: Hunderte Demonstranten haben in Oxford gegen den Auftritt des Holocaust-Leugners David Irving und eines rechtsextremen Politikers protestiert. Die Streit- und Debattenkultur Oxfords lebt - auf den Strassen.

Als Nick Griffin, der Vorsitzende der rechtsextremen Partei BNP, gegen zehn Uhr mit seinen Leibwächtern die Bühne des Debattierclubs der Oxford Union betritt, hört man draußen die Rufe der Demonstranten. "Oxford Union – shame on you", rufen sie in der New In Hall Street.

Griffin zeigt Richtung Fenster und sagt: "Das ist ein Mob, der über Leichen gehen würde. Wären sie in Nazideutschland aufgewachsen, wären aus ihnen prächtige Nazis geworden." Wie er zu der Aussage kommt, fragt ihn keiner in diesem Augenblick. Leider.

Die 500 Aktivisten vor dem Fenster sehen friedlich aus. Junge Männer mit bunten Collegeschal, ältere Damen mit Plakaten, auf denen "Stop the Fascist BNP" steht. Musiker mit Dreadlocks und Gitarre, sie singen "Give Peace a Chance ". Gegen 20 Uhr erscheinen zwar vermummte Jugendliche auf der Cornmarket-Straße im Stadtzentrum auf und marschieren zur Union. Aber es sind kaum mehr als 20 Leute, die bald von Polizisten auf Pferden verscheucht werden.

"Ich lehne alles ab, was Sie sagen"

Plötzlich taucht eine Nationalflagge, der Union Jack, inmitten der protestierenden Masse auf. Haben BNP-Mitglieder den Hauptzug infiltriert? Tatsächlich sind es drei jüdische Studenten. Sie finden, dass "wir uns nicht von Leuten wie Nick Griffin erzählen lassen sollten, wer Patriot ist". Ein Zug von Studentinnen, die zwar gegen Irving, aber für die Debatte eintreten, trägt ein Banner in den Händen: "Ich lehne alles ab, was Sie sagen, aber ich werde Ihr Recht, es zu sagen, mit meinem Leben verteidigen!", steht darauf - der Klassiker von Voltaire. Die Streit- und Diskussionstradition der Stadt Oxford lebt - auf den Strassen.

Irgendwann, noch bevor Griffin und Irving auf der Bühne stehen, schafft es eine lärmende Menge am Haupteingang, die Sicherheitskräfte abzulenken. Dreißig Demonstranten entern den Diskussionssaal. Die Eindringlinge verbarrikadieren sich hinter einem Klavier, spielten "Jingle Bells" und tanzen auf dem Diskussionspodium. Sicherheitskräfte vertreiben die Demonstranten aus dem Haus. Aus Sicherheitsgründen findet die "Debatte" mit Griffin und Irving dennoch in zwei Nebenräumen statt – mit zweieinhalb Stunden Verspätung und weitaus weniger Zuschauern als geplant.

Der Eingang zum Comedy-Club?

Eine echte Debatte ist es nicht. Nick Griffin vergleicht sich mit Kopernikus. David Irvings Auftreten ist noch bizarrer: Mit einer Kugel und Eisenkette spaziert er in den Debattiersaal. In getrennten Räumen sprechen die beiden etwa zehn Minuten über Meinungsfreiheit, dann ist ihr Auftritt auch schon zu Ende. Luke Tryl, der Präsident der Oxford Union, spricht vor laufenden Kameras von einem Erfolg. Der Debattierclub gehört nicht zur Uni und hat auch nichts mit der Oxford Student Union, der Studentengewerkschaft der Universität, zu tun.

"Die beste Art, sich mit Faschismus zu befassen, sind Debatten", sagt Tryl. "Durch das Debattieren haben wir sie geschlagen. David Irving sah schwach aus. Die Fehler in seinen Argumenten sind aufgedeckt worden." Wer genau diese Fehler aufgedeckt hat, das bleibt Tryls Geheimnis.

Dann verabschiedet sich der Präsident des Debattierclubs und verschwindet hinter einer Gruppe von Sicherheitsbeamten. Ein Student versucht ihm zu folgen, wird aber von Polizisten gestoppt. "Ich wollte nur wissen, ob dies der Eingang zum Comedy-Club ist?", sagt der Student. Keine unberechtigte Frage.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Klasse. Eine bessere PR kann sich niemand wünschen.
chrome_koran 27.11.2007
Warum wird der Typ einfach nicht durchs Ignorieren gestraft? So wie es ist: Toll. Eine bessere PR gibt es kaum. Dank der Proteste weiß nunmehr "die ganze Welt", dass a) diese Gestalt ganz offensichtlich schon wieder (warum so früh?) aus dem K.u.K.-Kriminal entlassen wurde, b) bei renommierten Wissensschmieden hofiert wird, c) überhaupt noch lebt. Gibt es eigentlich Mitschnitte oder Protokolle dieser Debatte? Auf der anderen Seite dürfen Leugner der Kommunismus-Verbrechen nahezu überall frei herumreden... nicht dass die anderen wegen ungleicher Behandlung klagen...
2. Mit diesen Leuten zu reden bringt nichts.
Schweizer 27.11.2007
Mit diesen Leuten zu reden bringt nichts. Die leben in ihrem eigenen Gedankengebäude und sind Argumenten nicht zugänglich, diese Erfahrung habe ich schon gemacht. Die Strategie ist gefährlich für Menschen, die diese nicht kennen: Es wird von Wissenschaftsfreiheit, Redefreiheit usw. geredet, so als ob dies die Gründe für die Verbote sind. (Volksverhetzung, Beleidigung, Andenken Verstorbener usw.) Dann werden Behauptungen wiederlegt, die nie gemacht wurden, bzw. von den Holocaustleugnern selber stammen. So bleibt man im Gespräch. Man schaue siech die Artikel in Wikipedia.de an : http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaustleugnung
3.
Ijob 27.11.2007
Hm... ich habe eigentlich kein Problem, wenn Demonstrationen gegen rechte gemacht werden, da ich persönlich ebenfalls dieses transportierte Gedankengut nicht gutheiße. Aber leider muss man auch diesen Menschen eine Stimme lassen. So falsch und krank sie aus meiner persönlichen sicht auch sein mag, aber man kann Meinungsfreiheit nicht an zweierlei maß messen. Mit einem verbieten kann man solche Probleme nicht beheben und sollte man in einer Demokratie auch nicht. Der Dialog wird bei den ganz harten kern auch nicht viel nutzen, weshalb das einzig sinnvolle wohl ist, dem ganzen keine öffentliche plattform zu bieten. Denn die rechte Politik basiert größtenteils auf Populisums, und der funktioniert nur öffentlichkeitswirksam.
4. Gefährlich aber grundsätzlich legitim
ottonis 28.11.2007
Es stellt sich die Frage, was das Ziel einer solchen 'Debatte' sein soll: 1. Will man den Diskussionspartner von der Unrichtigkeit seiner Argumente überzeugen? 2. Sucht man Gelegenheit, in der der Diskussionspartner sich entlarvt oder entlarvt wird? 3. Will man einfach nur demonstrieren, dass man das Prinzip der Meinungsfreiheit über alles hält? Zu 1: Das ist in der Regel vollkommen unmöglich. Menschen, die menschenverachtendes Gedankengut pflegen, sind in aller Regel mit Logik oder Vernunft basierenden Argumenten nicht davon zu überzeugen, dass sie 'falsch' liegen. Ganz oft bilden solche (rechts-)extremistischen Parteien ein Sammelbecken für Menschen, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden. Und ein wesentliches Kennzeichen von Persönlcihkeitsstörungen ist die mangelnde Flexibilität im Denk-, Erlebens- und Verhaltensmuster. Zu 2: Darüber kann man geteilter Meinung sein. Siee hierzu auch die Debatte um das umstrittenen Mahler-Interview von M. Friedmann vor einigen Wochen. Ich persönlich halte die 'Entlarvungshypothese' zwar für grundsätzlich richtig, jedoch wird der erhoffte Effekt häufig durch einen ganz anderen Effekt ganz massiv überlagert: durch den Effekt der Wiederholung. Dieser Effekt besagt, dass durch die alleinige udn häufige Wiederholung bestimmte Aussagen an glaubwürdigkeit unbewusst gewinnen. Auch wenn sie noch so absurd sein mögen, allein die Tatsache, dass sie öffentlich immer wieder geäußert werden, macht sie umso attraktiver für das neutrale Publikum. Zu 3: Dies ist in der Tat eine gute Sache und eine wohltuende Abweichung von der grassierenden Intoleranz vieler Menschen gegenüber Andersdenkenden oder gegenüber Menschen anderer Herkunft, Religion, Kleidung, Einstellungen etc., deren weltweite Auswirkungen wir tagtäglich in den Nachrichten sehen können. Meinungsfreiheit ist eine großartige Errungenschaft unserer Zivilisation, und deshalb sollten natürlich auch Gegner der Meinungsfreiheit grundsätzlich ihre Ansichten vertreten dürfen - auch öffentlich! In einer funktionierenden freiheitlichen Gesellschaft wird sich der Protest und die Ablehnung 'von unten heaus' schon ausbilden und die Radikalen in ihre Schranken weisen. Bleibt der Bürger aber Gleichgültig, dann kann dies als ganz bedrohlicher Indikator für die weitere gesellschaftliche Entwicklung angesehen werden. Summa summarum: Ich halte es zwar für gefährlich aber grundsätzlich für richtig, auch Radikalen die gleichen Debattiermöglichkeiten zuzugestehen wie allen anderen Menschen auch. Dies sollte jedoch aber stets mit Obacht geschehen und eine angemessene Reaktion aller Nicht-radikaeln an den Tag rufen.
5. Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz!
Tom Berger 28.11.2007
Zitat von IjobStimme lassen. So falsch und krank sie aus meiner persönlichen sicht auch sein mag, aber man kann Meinungsfreiheit nicht an zweierlei maß messen. Mit einem verbieten kann man solche Probleme nicht beheben und sollte man in einer Demokratie auch nicht.
Niemand will das Nazigeschwurbele verbieten! Noch nicht mal die Holocaustleugnung ist bei uns verboten, auch wenn das von inkompetenten Journalisten immer wieder so dargestellt wird! Selbstverständlich darf jeder den Holocaust analysieren und darf sich seine eigene Meinung dazu bilden, die er auch frei äußern darf. Das Recht auf freie Meinunsgäußerung findet nur dort seine Grenzen, wo es mit den Rechten anderer Menschen kollidiert - und die Nazis bringen es nun mal nicht fertig, den Holocaust zu diskutieren, ohne die Würde der Menschen und das Andenken Verstorbener zu verletzen und ohne Volksverhetzung zu betreiben. Das ist zurecht strafbar. Und die "Meinungsfreiheitskeule können Sie ruhig stecken lassen - das Grundgesetz bindet nämlich den Staat und nicht den Bürger. Welche Meinungen ich in meiner Umgebung dulde und welche ich bekämpfe, bleibt bitteschön mir alleine überlassen! Die Bürger müssen Zivilcourage zeigen, wo immer sich diese braune Brut zeigt! Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz! Tom Berger
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