Studentische Protestform: Platz da, für die Schaumstoff-Guerilla

Von Kai Kolwitz

Kaum Platz fürs Rad, aber viel für Autos: Radfahrer haben in Kassel nichts zu lachen, fanden einige Studenten und nutzten moderne Technik für ihren Protest. Mit Schaumstoff-Figuren zeigten sie Autofahrern, wie wenig Raum die Radler haben. Das fanden fast alle schick - bis auf die Staatsanwaltschaft.

Studenten lernen Protestieren: Wir sind die Schaumstoff-Guerilla Fotos
Chris Volkmer

Der Brief von der Staatsanwaltschaft kam überraschend. Sicher, da waren die großen, dreidimensionalen Piktogramme von Fußgängern und Radfahrern gewesen - aus Schaumstoff und so gestaltet, als seien sie gerade von einem Straßenschild gepurzelt. Einige Architekturstudenten hatten sich mit den Figuren immer wieder für einige Minuten auf Kasseler Straßen gestellt und die Durchfahrt gesperrt. Dabei hatten sie Maleranzüge getragen und sich Strumpfhosen über die Köpfe gezogen.

Aber die Polizisten hatten die Sache eigentlich mit Humor genommen, erinnert sich Merten Ebert: "Die haben angehalten und gefragt, was wir da machen. Dann haben wir ihnen versprochen, die Masken auszuziehen und nach Hause zu gehen. Wir dachten, dass die Sache damit erledigt sei."

Das freundliche Gespräch mit der Polizei haben die Studenten der Universität Kassel sogar mit der Kamera dokumentiert. Eine Vorladung und ein Ermittlungsverfahren gab es anschließend trotzdem, wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und gegen das Uniform- und Vermummungsverbot.

Protestwerkzeug "Rapid Prototyping"

Die Protestaktion hatte sich gegen die Verkehrsführung in Kassel gerichtet, die für Fußgänger und Radfahrer oft eine Katastrophe ist, sagen die Studenten. Sie hatte im vergangenen Wintersemester als Kursprojekt an der Uni begonnen, in dem die Studenten eigentlich nur den Umgang mit moderner Technik lernen sollten. Genauer gesagt mit dem "Rapid Prototyping".

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In Kassel schnitzen Maschinen bei dieser Methode fast jedes dreidimensionale Objekt, das vorher am Computer entworfen wurde. Gearbeitet wird mit Styrodur, einem mit Styropor vergleichbaren Kunststoff, als Schneidewerkzeug dient ein heißer Draht. Für Architekten ist die Technik unter anderem interessant, weil man sich damit einen Entwurf schnell von allen Seiten ansehen kann.

Deshalb sollten die Bachelor- und Masterstudenten aus dem Fachbereich Architektur der Universität Kassel den Umgang mit den sogenannten Heißdraht-Schneidemaschinen lernen. Doch es reichte dem Kursleiter Mark Niehüser nicht, die Studenten nur ein wenig mit den Geräten und der zugehörigen Software herumprobieren zu lassen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Hochschule fand, etwas gesellschaftliche Relevanz könne nicht schaden. Also ersann er die Aufgabenstellung "Rapid Protesttyping": Die Kursteilnehmer sollten sich ein Thema suchen, das sie stört, und ihren Protest mit Hilfe der Technik ausdrücken.

Einige Studenten widmeten sich zum Beispiel den hässlichen Baulücken oder der Wohnungsnot in der Stadt. Merten Ebert und seine Mitstreiter störte besonders, dass es so wenige Rad- und Fußwege gibt: "Kassel ist im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört worden und wurde dann autofreundlich wieder aufgebaut", sagt Architekturstudent Jo Götze. Er ist Anfang 20, wie sein Kommilitone Merten. "Busse oder Bahnen fahren nachts nicht mehr", sagt er. Doch Radfahren sei bei der Verkehrsführung ziemlich gefährlich. "Merten und ich sind beide schon angefahren worden."

"Von Autofahrern auch mal angeschnauzt"

Also ließen sie die Maschine mit dem heißen Draht Fußgänger und Fahrräder schneiden, die auf Straßenschildern zu sehen sind - nur viel größer. Mit den Styrodurmännchen sperrten die Studenten eine vierspurige Straße ab, damit Schulkinder sie überqueren konnten. Bei Nacht und im Regen standen Fahrrad-Piktogramme am Rand von Kasseler Schnellstraßen. "Von Fußgängern und Radfahrern gab es eigentlich nur positive Reaktionen", sagt Götze. "Von Autofahrern sind wir auch mal angeschnauzt worden."

Das "Rapid Protesttyping" geht in Kassel nun in die nächste Runde. Die erste Generation der Kursteilnehmer musste noch zu einer Firma nach Ilmenau fahren, um ihre Blöcke dort in Form schneiden zu lassen. Die nächste wird es besser haben: Gerade haben sich die Studenten eine eigene Maschine gebaut, mit Unterstützung aus benachbarten Fachbereichen und Informationen aus dem Internet. Auch die Sache mit dem Gerichtsverfahren hat sich für Jo, Merten und ihre Mitstreiter inzwischen erledigt: Der Richter hat das Verfahren eingestellt.

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