Hausarzt-Pflicht für Medizinstudenten: Aufstand der Arztanwärter

Von Heike Sonnberger

Ginge es nach den Gesundheitsministern der Länder, müssten alle Medizinstudenten vier Monate in Hausarztpraxen verbringen. Dann wäre es vorbei mit der Wahlfreiheit im Praktischen Jahr. Die Politik will so mehr Landärzte rekrutieren - doch selbst Allgemeinmediziner halten davon nichts.

Allgemeinmedizin: Studenten kämpfen für Wahlfreiheit im PJ Fotos
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Medizinstudenten und Ärzteverbände wehren sich gegen Pläne der Gesundheitsminister, die Wahlfreiheit im letzten Jahr des Medizinstudiums abzuschaffen. Angehende Ärzte wären dann verpflichtet, ein Drittel des Praktischen Jahres (PJ) in einer Hausarztpraxis zu verbringen. Bisher dürfen sie ihr drittes Fachgebiet frei wählen, Innere Medizin und Chirurgie sind vorgeschrieben.

Der Passus könnte schon bald in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen werden, die die Medizinerausbildung regelt und derzeit im Bundesrat neu verhandelt wird. In dem Entwurf, den das Bundesgesundheitsministerium dem Bundesrat vorgelegt hatte, ist zwar von einem viermonatigen Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin keine Rede.

Doch das nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium von Barbara Steffens (Grüne) hatte einen entsprechenden Antrag gestellt, dem ihre Länderkollegen im Februar zustimmten. Am 11. Mai soll sich das Plenum des Bundesrats mit dem Thema befassen.

Im Vordergrund steht dabei der Ärztemangel auf dem Land. Das verpflichtende Tertial in der Allgemeinmedizin solle der "Gewinnung hausärztlichen Nachwuchses" dienen, sagte ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums.

Ob sich per Druck auf die Studenten allerdings mehr Landärzte rekrutieren lassen, ist fraglich. "Zwang schreckt ab", sagte Hormos Salimi Dafsari, Sprecher der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Die Studentenvertreter fordern zusammen mit fast 20 medizinischen Fachgesellschaften und Verbänden, dass das Wahltertial erhalten bleibt. Nur so könnten Studenten ein Fachgebiet richtig kennenlernen, in dem sie später vielleicht arbeiten wollen. Falle diese Möglichkeit weg, würde das den Nachwuchsmangel in vielen wichtigen medizinischen Fachbereichen verstärken.

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Selbst bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin glaubt man nicht, dass Studenten zu vier Monaten in einer Hausarztpraxis verdonnert werden sollten. "Wir sind dafür, dass es nach wie vor ein Wahlfach gibt", sagte Vizepräsidentin Erika Baum. Die Gesellschaft schlägt vor, als Kompromiss einen nur dreimonatigen Pflichtabschnitt einzuführen. Das PJ solle dafür im Herbst 2018 erstmals in vier Abschnitte aufgeteilt werden statt derzeit in drei.

Die Bedenken der Studentenvertreter und Fachgesellschaften, dass Hausarztpraxen die aufwendige Ausbildung der Studenten nicht stemmen könnten, wies Baum zurück. Es sei durchaus realistisch, dass die Praxen die jährlich rund 10.000 angehenden Ärzte für drei Monate betreuen. Allerdings müssten sie dafür auch angemessen honoriert werden.

"Unvertretbare Arbeitszeiten"

Was ein sogar viermonatiger Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin die Länder kosten würde, ist noch offen. Bis Ende April berät der Finanzausschuss des Bundesrates über die Änderung der Approbationsordnung. Der Kulturausschuss, in dem die Bildungs- und Wissenschaftsminister der Länder sitzen, hatte sich zuvor gegen das ungeliebte Zwangstertial ausgesprochen.

Sollte das Plenum im Mai tatsächlich dafür stimmen, könnte das Bundesgesundheitsministerium noch verhindern, dass die Verordnung in Kraft tritt. Offiziell wollte sich ein Sprecher nicht dazu äußern, ob Minister Daniel Bahr (FDP) gegebenenfalls einschreiten würde.

Denn in dem Entwurf, den sein Ministerium zur Beratung in den Bundesrat gegeben hatte, hatte er andere Pläne als jetzt die Gesundheitsminister der Länder: In dem Papier werden die Universitäten angehalten, zunächst nur jedem zehnten Studenten einen PJ-Platz in der Allgemeinmedizin anzubieten. "Bereits eine Quote von zehn Prozent bedeutet eine Verdreifachung der gegenwärtig angebotenen PJ-Plätze", heißt es. Interesse bestehe bei 12 bis 15 Prozent der Studenten. Viele, die vier Monate in einer Hausarztpraxis arbeiten möchten, gehen also derzeit leer aus.

Das Interesse wäre noch größer, wenn sich etwas an der Arbeitswelt von Hausärzten ändern würde, sagte Christian Kraef, 22, Koordinator für Gesundheitspolitik bei der bvmd. Auf dem Land seien sie als Einzelkämpfer unterwegs, stünden Tag und Nacht auf Abruf, und eine eigene Familie lasse sich nur schwer mit dem Job vereinbaren.

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
J-Doc 05.04.2012
Zitat von sysopGetty ImagesGinge es nach den Gesundheitsministern der Länder, müssten alle Medizinstudenten vier Monate in Hausarztpraxen verbringen. Dann wäre es vorbei mit der Wahlfreiheit im Praktischen Jahr. Die Politik will so mehr Landärzte rekrutieren - doch selbst Allgemeinmediziner halten davon nichts. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,825594,00.html
Klasse Idee! [IroniemodusOFF] Wenn man sich mal das Ärzteblatt anschaut, haben noch viele andere Fachrichtungen Nachwuchsprobleme. Wollen wir dann bei Erfolg des Zwangstertials von Allgemeinmedizin beispielsweise auf Psychiatrie umstellen?? Immer so, wie wir es brauchen? *kopfschüttel*
2. Endlich Marktwirtschaft einführen!
tgu 05.04.2012
Vielleicht sollte man, wie auch bei dem angeblichen Facharbeiter- und Ingeneurmangel, doch mal endlich auf die Marktwirtschaftlichen Prinzipien zurückgreifen, Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Also rauf mit den Löhnen für Landärzte, Ingeneure und Facharbeiter, dann werden die auch kommen. Aber wer Hungerlöhne zahlt, darf sich nicht wundern, dass da keiner arbeiten will.
3. Man sollte die Famulaturen nicht vergessen!
LeToubib 05.04.2012
Zitat von J-DocKlasse Idee! [IroniemodusOFF] Wenn man sich mal das Ärzteblatt anschaut, haben noch viele andere Fachrichtungen Nachwuchsprobleme. Wollen wir dann bei Erfolg des Zwangstertials von Allgemeinmedizin beispielsweise auf Psychiatrie umstellen?? Immer so, wie wir es brauchen? *kopfschüttel*
Ich weiss auch nicht, was das soll! Warum glaubt man, dass jemand wie ich durch 4 Zwangsmonate bei der Allgemeinmedizin von ihr verführt würde, wenn mir im Vornherein eh schon klar ist, dass mein beruflicher Lebenweg mich ohnehin in den OP führen wird? Ausserdem meinte schon unser Untersuchungskurslehrer im ersten klinischen Semester, man solle sein PJ unbedingt in einer Uniklinik absolvieren, weil man dort Krankheiten und Operationen lerne, die man wahrscheinlich niemals mehr in seinem Leben sehen würde, wenn man seine Facharztausbildung nicht gerade in einer Klinik der Maximalversorgung macht. Und was lernt man beim Allgemeinmediziner? Wie man Leute behandelt, die mehr und minder unverholen nur ihre gelbe AU-Bescheinigung verlangen? Oder wie man unnötige IGEL-Leistungen aufschwatzt? Mir hat schon die obligate Praxisfamulatur - allerdings Röngtendiagnostik in einer der grössten Röngtenpraxen Süddeutschlands mit der technischen Ausstattung einer Uniklinik - völlig ausgereicht und dabei kann man meines Erachtens auch Allgemeinmedizin zum Muss erklären, wenn man schon meint, dass Medizinstudenten unbedingt dort Einblick bekommen sollten. Aber man kann doch nicht tatsächlich meinen dass man wirklich Leute zu ihrem (angeblichen) Glück auf dem Lande, ähm, in der Landarztpraxis zwingen kann ...
4.
Yami 05.04.2012
hungerlöhne und ärzte schliessen sich grundsätzlich aus es gibt nur nicht genug abzusahnen als landarzt
5. Geben und Nehmen
ein netter Mann 05.04.2012
Zitat von tguVielleicht sollte man, wie auch bei dem angeblichen Facharbeiter- und Ingeneurmangel, doch mal endlich auf die Marktwirtschaftlichen Prinzipien zurückgreifen, Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Also rauf mit den Löhnen für Landärzte, Ingeneure und Facharbeiter, dann werden die auch kommen. Aber wer Hungerlöhne zahlt, darf sich nicht wundern, dass da keiner arbeiten will.
Also, hungernde Ärzte habe ich noch nicht ausgemacht. Trotzdem stimme ich der Forderungen nach marktwirtschaftlicher Führung einer Arztpraxis bei. Dazu gehört die Aufgabe der Niederlassungsfreiheit und die Begrenzung der Bürokratie. Freie Abrechnung mit dem Patienten und der Krankenkasse. Weg mit der kassenärztlichen Vereinigung. Für die Studenten ist ein Praktikum in einer Allgemeinmed. Praxis besonders für die Ausbildung der "Menschlichkeit" sehr wichtig. Leider fehlt das Pädagogische im Studium. Es wäre ein Geben und Nehmen: der Student bringt neueste Forschungsergebnisse aus der Uni mit und der Allgemeinmediziner bringt ihm den Alltag bei. Was ist daran so kompliziert?
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