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Proteste an Unis: Studenten machen ihrem Zorn Luft

Von Lisa Hemmerich, Jonas Goebel und

Miese Studienbedingungen, die Tücken der Bachelor-Reform und Studiengebühren bringen Studenten auf die Straße und in die besetzten Hörsäle. In den Uni-Städten versammelten sich am Dienstag Zehntausende - die Proteste nehmen allmählich Fahrt auf.

AP

Berlin - Der Hörsaal 1a der Freien Universität ist umfunktioniert - zur Streikzentrale. Auf dem Boden liegen zusammengerollte Schlafsäcke und Isomatten, über dem Treppengeländer trocknet ein Handtuch, in der Ecke stehen Thermoskannen mit Kaffee und jede Menge Pappbecher. Christine, 20, hat die letzten sechs Nächte hier verbracht. Komfortabel ist das nicht - das zeigen ihre Augenringe. "Man kriegt nicht viel Schlaf", sagt die Studentin, "aber der Hörsaal ist unser Druckmittel."

Wie in Berlin halten auch Studenten anderswo Hörsäle besetzt, um auf die Uni-Misere aufmerksam zu machen. In etwa 50 Städten haben nach Angaben der Veranstalter am Dienstag rund 85.000 Schüler und Studenten demonstriert. Sie wandten sich gegen Studiengebühren, die Probleme bei Bachelor-Studiengängen und gegen das Abitur nach zwölf Jahren. Der größte Protestmarsch in Berlin hatte den Veranstaltern zufolge 15.000 Teilnehmer.

In München waren es rund 7000 Demonstranten, in Wiesbaden 6000 Schüler. Dort zog kleine Gruppe von etwa 150 Studenten vor den Landtag und drang in die Bannmeile ein. Polizeikräfte schirmten den Zugang ab, Abgeordnete mehrerer Fraktionen boten Gespräche an. In Essen, wo 3000 Teilnehmer friedlich demonstrierten, kam es laut Polizei zu Straßenblockaden. Außerdem durchbrachen Demonstranten Polizeiabsperrungen. Vor dem Rathaus wurden deshalb 154 vorübergehend festgehalten, um ihre Personalien aufzunehmen.

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Studentenproteste: Roboter und Pappblockade

Es ist der zweite große "Bildungsstreik" in diesem Jahr. Vor fünf Monaten demonstrierten bundesweit rund 200.000 junge Menschen - für mehr Bildungsgerechtigkeit, mehr Geld für die Bildung, kleinere Klassen, Veränderungen im neuen Bachelor- und Mastersystem.

"Seitdem hat sich überhaupt nichts getan", schimpft Paula, die mit ihrem Freund Jann vor dem Roten Rathaus in Berlin steht. Beide haben sich schick gemacht: er im schwarzen Anzug, sie mit weißer Bluse, Jackett und Perlenohrringen. Sie spielen Bildungselite - zur Abschreckung. "Das deutsche Bildungssystem ist extrem undurchlässig", wettert Jann.

"Da steh ich nun mit Bachelor und bin so klug als wie zuvor"

Ein paar Meter weiter in der johlenden Menge stehen Johanne und Alexander und schwenken Transparente. "Freundinnen - für so was habe ich keine Zeit" steht darauf, und: "Gut, dass ich mein Schlafmaß auf 4 Stunden reduziert habe". Die beiden Sozialwissenschaftsstudenten stöhnen über zu viel Stoff und Prüfungen im Bachelor-Studium, über zu starre Strukturen und zu wenig Wahlfreiheit. "Es ist falsch, dass man in so engen Bahnen studieren muss", sagt Alexander. Nach eigenen Interessen wählen, Inhalte vertiefen - dafür bleibe viel zu wenig Zeit.

Auch Irene ist unzufrieden mit ihrem Bachelor-Studium. Sie schleppt ein riesiges Plakat mit der Aufschrift: "Da steh ich nun mit Bachelor und bin so klug als wie zuvor." Ein Bachelor solle zwar als erster "berufsqualifizierender Abschluss" gelten, aber ohne Master habe man schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt, und für die Masterstudiengänge gebe es zu wenig Plätze.

"Die Hörsäle sind völlig überfüllt, viele müssen auf Heizkörpern sitzen", sagt die Berliner Biotechnologiestudentin Pina Knauf. "Es gibt nicht genug Plätze für die Pflichtpraktika." Dozenten hätten bereits angekündigt, dass diese praktischen Übungen in Zukunft womöglich kostenpflichtig seien oder ausfielen, wenn sich nichts ändere.

Caspar graust es schon vor dem Studium, vor allem vor den Gebühren in einigen Bundesländern. Der 16-Jährige geht noch zur Schule - und hat dort schon jetzt mit Problemen zu kämpfen. 31 Schüler seien in seiner Klasse, erzählt er, "das ist einfach scheiße, da kommt überhaupt nichts voran".

Schwarzer-Peter-Spiel in der Bildungspolitik

Die meisten der Berliner Demonstranten sind allerdings Studenten, nur wenige Schüler sind gekommen. "Wegen möglicher Schulverweise und Tadel", vermutet Gwenda. Sie geht in die neunte Klasse und stört sich nicht an einem unentschuldigten Fehltag im Zeugnis: "Wir setzten uns für was ein, das es wert ist." Wegen der Umstellung auf zwölf Schuljahre bis zum Abitur kämen sie und ihre Freunde im Unterricht kaum noch hinterher.

Noch fehlt es den bundesweiten Protesten an Wucht, Resonanz und auch an Originalität, um für den angekündigten "heißen Herbst" zu sorgen. Bildungspolitiker und Hochschulvertreter überschlagen sich derzeit mit Verständnis-Bekundungen für die Nöte der Studenten. Damit wollen sie den aufbegehrenden Studenten den Wind aus den Segeln nehmen, Versäumnisse kaschieren, für eigene Forderungen trommeln. Ein zerfasertes Bildungssystem, in dem mal der Bund, mal die Länder und mal die Hochschulen (oder auch keiner oder alle zugleich) für die verkorkste Bachelor-Reform zuständig sind, erleichtert so ein Schwarzer-Peter-Spiel.

Ziemlich einig sind die Demonstranten in der Kritik an den Folgen der Bachelor-Umstellung und an Studiengebühren. So auch in Köln: "Ich kenne viele Leute, die die 700 Euro pro Semester nicht zahlen können und deshalb auf eine andere Ausbildung ausweichen", sagt der Kölner Student Fabian Stendtke. Eine Jura-Studentin pflichtet ihm bei: "Die Gebühren bedeuten eine Ungleichbehandlung und das Ende der Bildungsfreiheit. Wer nicht zahlen kann, verzichtet."

Ein Studienkollege erklärt: "Es gibt viele, die mit dem Bachelor und Master hoffnungslos überfordert sind, die Burnout bekommen, die sich in dem verschulten Betrieb eingezwängt fühlen. Das sind zu viele Mängel, die nicht mehr hinnehmbar sind. Wir müssen uns jetzt einfach zur Wehr setzen."

Studenten klagen über Leistungsstress pur

In Hamburg begann der Aktionstag verhalten: Vormittags ist es im Audimax noch still und leer. Auch dieser Hörsaal ist besetzt, jedenfalls bis zum Abend - so lange gilt die Duldung der Uni-Leitung. In einer Ecke sind Simon, 26, und Maarten, 25, gerade dabei, die Moderation vorzubereiten für die nächste Sitzung am Nachmittag. Vor dem Audimax verteilen Studenten Flyer, richtige Proteststimmung kommt aber nicht auf.

"Wir bleiben hier, solange wir Lust haben. Jeden Tag verhandeln wir neu, es ist ein ständiger Prozess", sagt Simon. Und Maarten erzählt: "Die meisten studieren ganz normal weiter und kommen in ihrer freien Zeit. Viele Dozenten unterstützen uns und tragen einen Studenten als 'anwesend' ein, obwohl er im Audimax war. Manche Professoren kommen auch vorbei und spenden einfach mal 50 Euro, weil sie gut finden, was wir tun."

In Düsseldorf skandieren die rund tausend Demonstranten bei ihrem Marsch durch die Innenstadt "Bildung für alle, und zwar sofort". Dazu recken sie Plakate wie "Wir sehen schwarz" oder "Wieso, weshalb, warum - wer nicht zahlt, bleibt dumm" in die Höhe. "Ob wir tatsächlich von der Politik erhört werden, weiß ich nicht", sagt Psychologiestudentin Isa, 25. Mitstudentin Linda, 24, kritisiert vor allem das Bachelor- und Masterstudium. Anders als beim früheren Diplom sei hier alles penibel vorgeschrieben - die Vorlesungs- und Seminarstunden, wann welche Prüfung abgelegt werden müssen: "Das ist Leistungsstress pur."

So geht es auch Kai, 16, auf dem Gymnasium: "Wir werden nur unter Druck gesetzt, in der Schule das Turbo-Abi nach zwölf Jahren, dann der Bachelor und Master an der Uni", sagt er. "Das ist einfach zu viel."

Helden-Hymne: "Guten Tag, ich will mein Leben zurück"

Vor dem Roten Rathaus in Berlin schallt derweil Musik aus dem mit Bannern behängten Demo-Wagen. Ein Titel der Band Wir sind Helden bringt's auf den Punkt: "Guten Tag, ich will mein Leben zurück!" Denn die verschulten Studienpläne und die Fülle der Prüfungen stören viele. "Wenn ich richtig studieren will, habe ich eine 40-Stunden-Woche, dazu muss ich jobben", sagt Student Rico. Steffi ist 28 und hat eine fünfjährige Tochter - die Unvereinbarkeit von Studium, Familie und Beruf erfahre sie jeden Tag am eigenen Leib, sagt sie.

Irgendwann kommt der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele auf seinem Fahrrad vorbei und schaut sich die vorbeiziehende Demo an. "Die haben in allen wesentlichen Punkten recht", sagt er. Alle redeten von der Bedeutung der Bildung, aber nichts passiere. "Das ist eine Schande für die Politik." Zu den Klagen über zu viel Gängelei und Verschulung an den Hochschulen sagt er: "Wenn ich damals in solchen Zwängen gewesen wäre, weiß ich nicht, ob ich dann heute als Rechtsanwalt hierstünde."

Während die Protestler in der Innenstadt weiter gegen die Bildungsmisere anbrüllen, stellt sich Christine an der Freien Uni bereits auf einen längeren Einsatz als Hörsaal-Besetzerin ein. Nicht nur an den Berliner Hochschulen, auch in vielen anderen deutschen Städten sind Hörsäle in Studentenhand. Das soll vorerst so bleiben, findet Christine: "Wir wollen bleiben, bis unsere Forderungen durchgesetzt sind."

Mit Material von ddp/dpa/AP/AFP

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