Von Tobias Käufer, Bogotá
Mit kreativem Protest, lustigen Verkleidungen und einer riesigen Party demonstrierten am Donnerstag in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá Zehntausende Studenten gegen die von der Regierung des konservativen Staatspräsidenten Juan Manuel Santos angestrebte Bildungsreform. Für einen Tag ging nichts mehr im Zentrum der Metropole. Vor allem die Hauptverkehrsachse Carrera 7, über die sich täglich unzählige Autos quälen, legten die Studenten mit ihren Protesten lahm.
Der Aufruf des Innenministers Germán Vargas, nicht den kompletten Alltag aus den Angeln zu heben, fand wenig Beachtung. Nicht einmal starker Regen und Gewitterwolken konnten die laut Veranstalter 200.000 Protestteilnehmer abschrecken. Mit ihrer Aktion erreichten die Demonstranten ein wesentliches Ziel: Alle Medien des Landes berichteten ausführlich, Radio und Fernsehen sogar live vom Massenprotest.
"Wir haben den ganzen Tag demonstriert, weil wir eine neue Politik fordern, die eine kostenfreie Bildung ermöglicht", sagte Esteban Caicedo, Geografiestudent an der Universidad Nacional de Colombia. Die Philosophiestudentin Marinela Garcia fügte an: "Wir Studenten fordern von der Regierung, dass sie die Bildung als ein Recht anerkennt. Bildung ist kein Privileg."
Inspiration aus Chile
Die Forderung nach freier Bildung treibt Studenten auch anderswo in Südamerika auf die Straße. In Chile kämpfen junge Leute schon seit einem halben Jahr für mehr staatliche Förderung und ein kostenloses Bildungssystem, was die konservative Regierung aber ablehnt. Viele Schule und Universitäten sind seit Monaten besetzt, die Fronten sind verhärtet - mehrfach kam es zu Straßenschlachten zwischen der Polizei und Gruppen gewaltbereiter Demonstranten. In Chile erheben staatliche und private Hochschulen teils horrende Studiengebühren, die sich ärmere Familien kaum leisten können.
Außerdem fordern er und seine Kommilitonen gerechte soziale Chancen auch für Studenten, die nicht aus wohlhabenden Familien stammen. Die Studiengebühren liegen in Kolumbien zwischen 100 Euro pro Semester an manchen öffentlichen Unis und 5000 Euro für einige Fächer an bekannten Privathochschulen, gibt der Deutsche Akademische Austausch-Dienst (DAAD) an.
Viele junge Kolumbianer gehen vormittags arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren - und abends schleppen sie sich in die Vorlesungen. So beginnt der Studententag morgens um 7 und endet gegen 21 Uhr. Ohne finanzielle Unterstützung der Eltern ist das Studium in Kolumbien Knochenarbeit. Nicht zuletzt deshalb mischten sich auch zahlreiche Eltern und Dozenten unter den Protestzug.
"Die Reform muss vom Tisch"
Staatspräsident Juan Manuel Santos hatte bereits signalisiert, dass er zu Zugeständnissen bereit sei. "Die Reform muss Punkt für Punkt diskutiert werden", kündigte er am Donnerstagabend erneut an. Doch das reicht den Studenten nicht. Sie vermuten hinter dem vermeintlichen Rückzug des Präsidenten einen Taschenspielertrick: "Es reicht nicht, die Reform um ein Jahr zu verschieben. Sie muss ganz vom Tisch", forderte Studentin Marinela Garcia.
Philosphieprofessor Sergio de Zubiria von der renommierten Universidad de los Andes stellte sich im kolumbianischen Fernsehen hinter die Forderungen der Demonstranten: "Drei Punkte müssen verbessert werden. Eine Bildungsreform betrifft die gesamte Gesellschaft, deswegen muss ein solcher Prozess deutlich demokratischer und transparenter erfolgen. Wir brauchen den politischen Willen und Mut, uns die notwendige Zeit zu nehmen. Und schließlich ist die Frage der Finanzierung eine ganz Entscheidende."
Unterstützung bekommen die Studenten auch von der traditionell eher konservativ eingestellten kolumbianischen Kirche. Auf der Website der kolumbianischen Bischofskonferenz ermutigten die religiösen Führer die Studenten, "mit ihrer Kraft und Dynamik an einem Bildungssystem zu arbeiten, das der Würde des Landes gerecht wird".
Befürchtungen konservativer Politiker, die linke Guerilla-Organisation Farc könnte die Studentenbewegung unterwandern, haben sich nicht bestätigt. Viele Demonstranten haben sich eindeutig gegen die Gewalt rechter Paramilitärs und linker Guerilla-Gruppen positioniert. Und als vor wenigen Tagen Farc-Chef Alfonso Cano bei einer Militäraktion ums Leben kam, kamen aus dem studentischen Lager kaum Reaktionen. Keine Unruhen, keine Demonstrationen, nicht ein Molotow-Cocktail flog wie früher so häufig in Bogotás Unis.
Hoffnungsträger für viele Studenten ist derweil Bogotás neu gewählter Bürgermeister Gustavo Petro, der vor Jahren einmal Mitglied der linksgerichteten Rebellengruppe M-19 war. Petro muss allerdings erst noch beweisen, ob er die vielen Versprechungen des Wahlkampfes und aus seinen Zeiten in der Opposition umsetzen kann.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
| alles zum Thema Kolumbien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH