Prüfungsangst: Blackout. Panik. Hilfe!

von Almut Steinecke

Lampenfieber vor dem Examen kennt jeder. Prüfungsangst kann sich zur psychischen Krankheit ausweiten - und das Turbostudium macht's nicht gerade besser. Uni-Therapeuten verzeichnen einen Ansturm hilfesuchender Studenten. Was tun, wenn der freie Fall ins Bodenlose droht?

Es begann im Frühjahr 2003 in der Vordiplomprüfung, Anne* erinnert sich genau. Damals saß sie kerzengerade auf dem Stuhl, die Hände gefaltet im Schoß. Auf die Fragen des Professors antwortete sie wie eine Maschine, Mund auf, Mund zu. Irgendwann war die Prüfung vorbei.

Die Studentin verließ das Büro des Prüfers, den Campus der Essener Uni. Sie stieg in die S-Bahn nach Duisburg, wo sie wohnt. Als der Zug anfuhr, überfiel es sie: Die Panik schoss hoch wie ein überschnell wachsender Pilz aus dem Boden. An der nächsten Haltestelle musste sie raus, nach Luft schnappend.

Seither kommt es immer wieder, das Gefühl, das ihr das Studium zur Hölle macht und ihr Vorankommen im Leben verlangsamt, als schleppte sie eine unsichtbare Last mit sich: Prüfungsangst.

Immer diese Stimmen: "Du kannst nichts, du schaffst nichts..."

Meist bestand sie sogar die Tests, obwohl sie schon zermürbt war, wenn sie den Prüfungsraum betrat. Doch danach musste sie ihr Studium für Monate schleifen lassen oder ganz unterbrechen. Die Stimmen im Kopf waren zu laut: "Du kannst nichts, du schaffst nichts, du kannst nicht genug." Heute ist Anne im 17. Semester. Sie studiert an der Universität Duisburg-Essen, aber welches Fach, das mag sie nicht verraten. Sie will auch ihren echten Namen nicht nennen oder das Alter, sie schämt sich.

Nach der Statistik ist Prüfungsangst eine Randerscheinung. Die psychologische Beratungsstelle der Universität Duisburg-Essen suchten deswegen zuletzt 154 von 30.000 eingeschriebenen Studenten auf, in Hamburg waren es 175 Verzweifelte von 38.000, an der Freien Universität Berlin sind es 136 bei 34.000 Immatrikulierten.

Doch die Experten schätzen, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. "Der wirkliche Bedarf ist mindestens dreimal so hoch", sagt Hans-Werner Rückert, 58, Leiter der psychologischen Beratung der FU Berlin. Die Betroffenen versuchen, ihren Defekt so gut es geht zu verbergen, die Schwäche nicht einzugestehen - nicht vor Mitstudenten und auch nicht vor professionellen Helfern.

So wie Jens Abrigata, ein 27-jähriger Biologiestudent an der Ruhr-Universität Bochum. "Was ist, wenn ich dahin gehe, und die finden mich verrückt? Dann habe ich wirklich ein Problem." So fühlt sich Jens bei Prüfungen jedes Mal aufs Neue "wie im Freifall-Turm".

Bange Frage - gehöre ich überhaupt hier hin?

Prüfungsangst hatte der Student schon in der Schule. Jens erinnert sich, wie er im Abi auf seine Mathe-Klausur starrte. "Meine Hände waren feucht, ich fuhr Gedankenkarussell, und ich war so damit beschäftigt, meine körperliche Anspannung unter Kontrolle zu kriegen, dass ich die Aufgaben wieder und wieder durchgelesen habe und überhaupt nichts verstand."

Seit der Schule ist die Angst eher schlimmer geworden. Jens hat sich aus einer Arbeiterfamilie vom Hauptschulabschluss über eine Lehre als Maurer und den Realschulabschluss bis zum Abitur hochgearbeitet. Darauf ist er stolz, doch manchmal hat er Zweifel, "ob die Hochschule nicht vielleicht doch ein Ort ist, an den ich gar nicht gehöre". Jens versucht, die Angst so gut es geht unter Kontrolle zu kriegen, er geht vor Prüfungen jetzt joggen und spricht mit einem guten Freund.

Doch solche Selbsthilfe-Strategien helfen immer weniger, denn der Stress im Studium wächst. Im gestuften Bachelor- und Master-System müssen Studenten weit mehr Prüfungen absolvieren als zuvor, die Resultate fließen mit in die Examensnote ein.

Was für die Entspannteren zur Routine werden kann, ist für Kandidaten mit echter Prüfungsangst ein einziger Spießrutenlauf. "Viele stehen durch die strengen Curricula viel stärker unter Druck", sagt die Psychologin Sigi Oesterreich vom Studentenwerk Berlin. Ihre psychologische Beratungsstelle verzeichnet eine sprunghaft gestiegene Nachfrage: Suchten in den Jahren zuvor stets im Durchschnitt 1000 Studenten Hilfe bei den Beratern, gab es im Jahr 2006 schon 1300, im Jahr 2007 gar 1400 Neuanmeldungen. Schon Erst- und Zweitsemester ließen sich beraten wegen "Schlafstörungen und Angstzuständen".

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