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14. November 2012, 14:45 Uhr

Hilfe bei Prüfungsangst

Mein Kopf, so leer

Von Heike Sonnberger

Bauchkribbeln vor der Prüfung? Kennt fast jeder. Doch manche setzt die Aufregung komplett schachmatt. Nimmt der Druck an den Unis zu, wachsen auch die Versagensängste. Rebecca, 27, hat das erlebt und will jetzt den Beruf ergreifen, der sie einst erstarren ließ: Mathe-Lehrerin.

Es fing in der Grundschule an. Dritte Klasse, Mathe-Test. "In den ersten zehn Minuten mussten wir immer kopfrechnen auf Zeit", sagt Rebecca. "Ich hatte sehr viel Angst davor." Sie und ihre Mitschüler sollten die richtigen Ergebnisse in kleine Felder schreiben. Rebeccas Felder blieben meistens weiß. In den Jahren, die folgten, rang die heute 27-Jährige aus Lüneburg mit ihrer Prüfungsangst - und wenn sie dachte, sie hätte gewonnen, fegte ihr ein neuer Blackout durch den Kopf.

In der Grundschule ging sie mit ihrer Therapeutin auf Traumreisen und lernte so zu atmen, dass die Bauchschmerzen nachließen. Die Furcht schrumpfte, bis der Druck im Gymnasium wuchs. Englisch sechs, Mathe fünf - Rebecca wechselte auf die Realschule und fühlte sich dort zunächst sicher.

Als die Pubertät begann, ging sie feiern statt für Klausuren zu lernen. "In der achten Klasse kam die Angst zurück", sagt Rebecca. Sie schaffte die Schule trotzdem, machte sogar das Abi nach. Sie hatte inzwischen gelernt, richtig zu lernen und schnitt mit einer glatten Zwei ab.

Doch die Nervosität wurde sie nie ganz los. In ihrer mündlichen Abschlussprüfung fürs Grundschullehramt im Mai schnitt der Dozent ihr mittendrin das Wort ab. Es ging um das Experimentieren mit Kindern im Sachunterricht. "Er hat mich Sachen gefragt, die ich nicht gelernt hatte", sagt Rebecca. Sie beharrte auf Antworten, von denen sie insgeheim wusste, dass sie falsch waren. Doch sie war zu nervös, um neu zu überlegen. "Ich habe mich um Kopf und Kragen geredet."

Wie viele Studenten in Deutschland wie Rebecca an Prüfungsangst leiden, weiß niemand genau. Wahrscheinlich habe mindestens jeder zehnte Student schon einmal stärkere Prüfungsängste erlebt, schätzt Holger Walther, Berliner Psychologe und Autor des Ratgebers "Ohne Prüfungsangst studieren".

Seit einigen Jahren suchen viel mehr Studenten Hilfe

Therapeuten beobachten, dass die Zahl derer, die deswegen Hilfe suchen, seit einigen Jahren steigt. Nachdem die Universität Oldenburg 2005 auf Bachelor und Master umgestellt habe, seien die Anfragen wegen Prüfungsangst um 30 Prozent nach oben geklettert, sagt Wilfried Schumann von der Psychosozialen Beratungsstelle von Uni und Studentenwerk. "Aus vielen anderen Beratungsstellen höre ich ähnliche Tendenzen."

Seit die ersten Prüfungen bereits fürs Endergebnis zählten, fühlten sich viele Studenten gleich von Anfang an überfordert, sagt Elisabeth Medicus-Rickers, Beraterin beim Studentenwerk Bremen. Sie gibt seit 20 Jahren Seminare gegen Prüfungsangst. "Die Studenten kommen sehr viel früher zu uns, denn der Druck beginnt oft schon im ersten Semester", sagt sie. Birgit Rominger vom Studentenwerk Berlin sagt, dass das Durchschnittsalter derer, die bei ihr Rat suchen, seit 2008 um dreieinhalb Jahre gesunken sei. "Das hat auch etwas mit dem Bachelor zu tun."

Bei Rebecca lag es auch an den Eltern, dass sie vor Klausuren so nervös war. "Wenn ich mit schlechten Noten nach Hause kam, haben sie erst geschimpft, bevor sie mich in den Arm genommen haben", erinnert sie sich. "Ich musste ihnen immer wieder klarmachen, dass ich wirklich einen Blackout hatte - und nicht nur einfach keinen Bock."

Auch ihre beiden jüngeren Geschwister leiden unter Prüfungsangst. Ihr Bruder habe unlängst eine Oberstufenarbeit in Mathe verhauen. "Wir haben vorher zusammen geübt, er konnte alles!", erzählt Rebecca. Doch dann verhagelte seine Aufregung ihm die Note.

Die meisten Menschen sind vor Prüfungen wenigstens ein bisschen nervös und das ist auch gut so. "Inzwischen ist erwiesen, dass eine gewisse Portion Adrenalin förderlich ist, um tatsächlich die persönliche Höchstleistung zu zeigen", schreibt Psychologe Walther.

"Reinkloppen und ausspucken, dafür bin ich nicht gemacht"

Doch bei manchen artet das Lampenfieber in eine quälende, lähmende Panik aus. Das hat verschiedene Gründe: Betroffen seien oft sehr selbstkritische Menschen, die alles richtig machen wollen, sagt Beraterin Rominger vom Berliner Studentenwerk. Doch auch ein traumatisches Erlebnis, etwa eine Krankheit oder der Tod eines Angehörigen, könne diese Angst auslösen. "Viele nehmen so etwas nicht ernst genug und studieren gleich weiter, obwohl sie in diesem Moment nicht so belastbar sind", sagt Rominger. Betroffen seien Studenten aus allen Studiengängen und Fachbereichen.

Manchmal fürchten Studenten sich auch nicht nur vor der Prüfung, sondern vor etwas anderem, was damit zusammenhängt. Barbara Günther-Burghardt, die in der Psychologisch-Therapeutischen Beratungsstelle der Universität in Hannover Kurse gegen Prüfungsangst gibt, erinnert sich an eine chinesische Studentin, die stets gute Seminararbeiten ablieferte. "Kurz vor dem Abschlussexamen bekam sie immer Panik und schmiss hin", sagt die Therapeutin. Gemeinsam fanden sie heraus, dass die Studentin unterbewusst die Entscheidung hinauszögerte, ob sie sich von ihrem Freund trennen und zurück nach China gehen oder in Deutschland bleiben sollte.

Rebecca hat sich Strategien antrainiert, wie sie unbeschadet durch die meisten Prüfungen kommt. "Reinkloppen und ausspucken, dafür bin ich nicht gemacht." Sie fängt vier Wochen vorher an zu pauken, strukturiert ihren Stoff in Listen und Lernplänen, fertigt Zusammenfassungen und Mindmaps an, bis sie absolut sicher ist, dass sie alles beherrscht. Am Tag vorher unternimmt sie etwas Schönes, geht in die Sauna oder spazieren, meistens allein, weil ihre Kommilitonen noch lernen. Den Prüfungssaal betritt sie erst im letzten Moment, damit sie dort kein Mitstudent noch aus der Ruhe bringen kann.

Die 27-Jährige hat sich ihrer Angst sehr offensiv gestellt: Sie will ausgerechnet Mathe-Lehrerin werden. "Viele haben mich ausgelacht: 'Du und Mathe?'", sagt Rebecca. Doch in der Oberstufe habe ihr das Fach Spaß gemacht, mit dem richtigen Lehrer. "Mathe ist ein Angstfach." Und als Lehrerin habe sie die Möglichkeit, Kindern die Furcht zu nehmen, die sie selbst so lange geplagt hat.

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