Rechtsextreme an der Uni: Braune Biedermänner

Von Ina Brzoska

2. Teil: Magdeburg kämpft um sein Image: "Eine Stadt, in der Ausländer in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengeschlagen werden"

Braune Gestalten an der Uni: Rechte im Schafspelz Fotos
dpa

Wie die Universität mit dem Agitator umgehen soll, weiß sie noch nicht so recht. Rektor Klaus Erich Pollmann, 69, sagt, dass er Gärtner und die anderen Rechtsextremisten nicht durch zu viel Aufmerksamkeit aufwerten wolle. Man müsse es schaffen, sie in der inhaltlichen Auseinandersetzung zu enttarnen. "Da würde ich als Historiker all meine Leidenschaft drauf verwenden", sagt er. Vor juristischen Schritten schreckt Pollmann zurück. Die hatte zum Beispiel die Uni Mainz ergriffen, als sie den Neonazi Mario Matthes exmatrikulierte. Anders als Matthes ist Gärtner bisher aber nicht gewalttätig geworden. Würde Gärtner gegen einen Rauswurf klagen und recht bekommen, wäre das eine Schmach.

Die könnte Magdeburg nicht gebrauchen, denn die Region muss spätestens seit Mitte der neunziger Jahre gegen ihr braunes Image in Deutschland kämpfen: Damals hetzte ein Mob dunkelhäutige Menschen durch die Stadt. Inzwischen hat die NPD im nahen Harz eine regelrechte Offensive gestartet, sie drängt in die Kommunalpolitik, in vernachlässigten Orten installieren Kameraden Jugendzentren, organisieren Freizeitangebote. Noch immer gibt es ausländische Studierende, die einen Studienplatz trotz Stipendiums ablehnen, weil sie sich vor Rassismus und "national befreiten Zonen" fürchten.

Im Seminar "Entwicklung der Arbeitsgesellschaft" durchgefallen

"Wir leben noch immer in einer Stadt, in der alle zwei Wochen Ausländer in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengeschlagen werden", sagt der Politikstudent Sören Herbst, der für die Grünen im Stadtrat sitzt. Der Pastorensohn hat die Aufklärung über Rechtsextremismus zum Schwerpunkt seiner politischen Arbeit gemacht. Auch er sei für Konfrontation, erklärt er, Farb- und Reizgasattacken lehne er aber ab. Solche Angriffe spielten nur den Extremisten in die Hände, weil sie sich fortan als Märtyrer verkaufen könnten.

Matthias Gärtner lächelt nur fein, wenn er auf den Farbeimer-Vorfall angesprochen wird. Er sitzt in der sachsen-anhaltischen Zentrale der JN, am pittoresken Markt in der Bernburger Altstadt. Sein Blick ist fest auf das Gegenüber gerichtet, so als wolle er dessen Gedanken fixieren. Was er in der Hochschulpolitik noch so vorhat, will er nicht sagen, auch über sein Studium schweigt er sich aus. Sein Magisterthema? "Ich kann zu sämtlichen Themen meine Abschlussarbeit schreiben", sagt Gärtner, wohl wissend, dass er derzeit von einem Dozenten zum nächsten geschoben wird und kein Professor ihm zum Magister verhelfen mag.

Bei Klaus-Bernhard Roy fiel Gärtner kürzlich im Seminar durch. Es ging um die Agenda 2010 und die Entwicklung der Arbeitsgesellschaft, Gärtner hatte dazu eine Seminararbeit eingereicht, der Privatdozent attestierte dem Studenten Schwächen in der wissenschaftlichen Herangehensweise. Wenn der pluralistische Blick auf das Thema fehle, dann gebe es auch keinen Schein, sagen Roy und die Kollegen am Institut. Sie hatten sich in der Sache beraten und beschlossen, Gärtner wissenschaftlich und intellektuell herauszufordern.

Die meisten Studenten fühlen sich bedroht

Kürzlich redete Karl-Peter Fritzsche auf den Jungnationalen ein. Fritzsche hat den Lehrstuhl für Menschenrechtsbildung inne, ist ein Mann mit weißem Haar und gutmütigem Blick, ein 68er. In seinem Büro hängen Bilder der Philosophen Kant und Hegel. Fritzsche wollte den Jungnationalen dazu überreden, seine Abschlussarbeit bei ihm zu schreiben. "Das hat er natürlich abgelehnt", sagt Fritzsche. Ideologisch, sagt der Professor, sei Gärtner ein hoffnungsloser Fall. Doch das Farbeimerattentat hat ihn enttäuscht. "Jetzt stehen wir plötzlich da und müssen Gärtner verteidigen."

Wie robust der Angegriffene bisweilen auftreten kann, zeigte eine Veranstaltung vor zwei Jahren. Es sollte diskutiert werden, wie Lehrkräfte und Studenten mit den Rechtsextremen umgehen sollen. Kaum jemand rechnete damit, dass Gärtner selbst erscheinen würde. Doch er kam, und er brachte Verstärkung mit: Udo Pastörs, einen NPD-Politiker, der bereits 2006 in den Mecklenburgischen Landtag einzog. Und einige kahlgeschorene Kameraden, die sich im Saal postierten. "Es war eine Lehrstunde, wie Rechtsextreme argumentieren und agitieren", erzählt Fritzsche.

Die meisten Studenten sehen das nicht so distanziert. Sie sagen, dass sie sich bedroht fühlten. Wer wagt es, mit Wortgewalt die ideologischen Phrasen zu zertrümmern, wer wünscht sich, Matthias Gärtner argumentativ der Lächerlichkeit preiszugeben, wenn ringsum Glatzköpfe Posten stehen? Warten die danach vielleicht an einem weniger geschützten Ort? Und so blieb ein bitterer Beigeschmack für die Studenten zurück: Sie hatten Pastörs auch noch ein Forum geboten, um über Ausländer in Berlin-Kreuzberg zu schwadronieren.

Es dauerte, bis sie feststellten, dass man sich nach Farbattacken auch nicht viel besser fühlt.

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  • 2. Teil: Magdeburg kämpft um sein Image: "Eine Stadt, in der Ausländer in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengeschlagen werden"
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 137 Beiträge
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1. .
frubi 28.01.2010
Zitat von sysopRechtsextreme an deutschen Unis geben sich bieder, brav und konservativ. Doch wie lässt sich verhindern, dass die Rechten an den Hochschulen auftrumpfen? Der Fall eines Studenten in Magdeburg zeigt, wie hilflos Kommilitonen und Professoren der Gefahr begegnen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,668330,00.html
Das wird meiner Meinung nach noch schlimmer und die Medien heizen dieses Wachstum teilweise noch an. Der Muslim wird seit 2001 als generelles Feindbild in die Köpfe der Menschen transportiert. Das dies ein gefundes Fressen für die Rechten sein kann ist unbestritten. Wir sind ja mitlerweile soweit, dass arbeitslose bei Stern-TV öffentlich zugeben, dass Sie NPD wählen weil die das Gefühl haben, dass gerade die Ausländer alle Jobs bekommen. Die Ausländer wiederrum beschweren sich, dass Sie wegen ihrer Herkunft keine Arbeitstelle kriegen. Woher also diese Ansichten? Transportiert durch übertriebene Panikmache der Medien. Ausserdem lädt die deutsche Justiz die Nazis doch gerade ein sich weiter auszubreiten. Wenn manch tapfere Bürgerbewegung nicht den Kauf von Immobilien durch Nazi`s verhindern würden dann wären die schon wesentlich weiter in ihrem Fortschritt.
2. Extreme sind nie gut.
Sandygirl 28.01.2010
Zitat von sysopRechtsextreme an deutschen Unis geben sich bieder, brav und konservativ. Doch wie lässt sich verhindern, dass die Rechten an den Hochschulen auftrumpfen? Der Fall eines Studenten in Magdeburg zeigt, wie hilflos Kommilitonen und Professoren der Gefahr begegnen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,668330,00.html
Linke Extreme - Rechte Extreme. Davon ist keiner besser. Aber auch die Grenzen zu "normal" verwischen leider, wenn wir immer mehr zu einem Überwachungsstaat werden.
3. Dummchen
Mo2 28.01.2010
Zitat von SandygirlLinke Extreme - Rechte Extreme. Davon ist keiner besser. Aber auch die Grenzen zu "normal" verwischen leider, wenn wir immer mehr zu einem Überwachungsstaat werden.
Genau, die Linken schlagen ja auch ständig Ausländer, Juden und Obdachlose tot.
4. Mit Nazis diskutieren
Papa_Oystein 28.01.2010
Seit gut 2 Jahren bin ich einem Internetportal (social network), Mitglieder zumeist 16-21 Jahre, unterwegs, in dem mir frühzeitig aufgefallen war, dass zahlreiche Jugendliche speziell aus dem Harzkreis (der in dem Portal stark vertreten ist) sehr offen ihren Rassismus und ihre Bewunderung für das 3. Reich zur Schau stellten, dafür von anderen Mitgliedern nicht beachtet und auch von den Admins nicht sanktioniert wurden. Über einen längeren Zeitraum hat sich nun folgende Taktik bewährt: - Die Admins regelmäßig auf Missstände hinweisen; wenn sie es versäumen, Hakenkreuze o.ä. unverzüglich zu entfernen, mit Polizei drohen, wenn das nicht hilft, Strafanzeige - Durch Meldungen die Löschungen von Usern veranlassen, die erkennbar nur Nachläufer, Dummschwätzer oder Mode-Nazis sind. Diskussion zwecklos, da kein Fundament vorhanden - Die wortgewandten Nazis indes im Forum öffentlich sehr ausführlich zu Diskussionen animieren. ich habe durch die Diskussionen viel gelernt über Strategien, Ziele und Gedankenwelt der Nazis. Auch gelang es mir, den besten Diskutanten der Nazi-Szene dort als Michael Schäfer, seinerzeit Kreistagsabgeordneter der NPD im Harzkreis und inzwischen Bundesvorsitzender der JN (Junge Nationalsozialisten - Jugendorganisation der NPD) zu identifizieren. Jedes mal, wenn Schäfer schließlich rassistische oder verfassungsfeindliche Äußerungen schrieb, ließ ich ihn löschen. Er hat aufgegeben. Es gibt auch kaum noch Nachläufernazis mehr in dem Portal. Und ich kann bezeugen: Ja, bedeutende Teile der NPD wollen wirlichg den freiheiltich-demokratischen Rechtsstaat und die Gültigkeit der individiuellen Menschenrechte abschaffen.
5. ...
Sheherazade, 28.01.2010
Zitat von frubiDas wird meiner Meinung nach noch schlimmer und die Medien heizen dieses Wachstum teilweise noch an. Der Muslim wird seit 2001 als generelles Feindbild in die Köpfe der Menschen transportiert. Das dies ein gefundes Fressen für die Rechten sein kann ist unbestritten. Wir sind ja mitlerweile soweit, dass arbeitslose bei Stern-TV öffentlich zugeben, dass Sie NPD wählen weil die das Gefühl haben, dass gerade die Ausländer alle Jobs bekommen. Die Ausländer wiederrum beschweren sich, dass Sie wegen ihrer Herkunft keine Arbeitstelle kriegen. Woher also diese Ansichten? Transportiert durch übertriebene Panikmache der Medien. Ausserdem lädt die deutsche Justiz die Nazis doch gerade ein sich weiter auszubreiten. Wenn manch tapfere Bürgerbewegung nicht den Kauf von Immobilien durch Nazi`s verhindern würden dann wären die schon wesentlich weiter in ihrem Fortschritt.
Was manche Sektoren betrifft, haben die Arbeitslosen ja sogar Recht, dass "Ausländer" deren Job bekommen. Bloss sind das dann nicht die Ausländer in Deutschland, sondern Leute in Polen, Rumänien, China oder wohin auch immer die grossen Unternehmen ihre Produktionen auslagern.
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