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Medizinstudium: Red-Bull-Uni verkauft den Traum vom Arztberuf

Von und Hermann Horstkotte

Medizinstudium in Nürnberg: Der andere Weg zum Arztberuf Fotos
Paracelsus Medizinische Privatuniversität

Ich werde Arzt, zur Not gegen Geld: An der Nürnberg Medical School soll der Traum vom Medizinstudium auch ohne Spitzenabitur wahr werden. Möglich macht das eine österreichische Privathochschule für 67.500 Euro. Eine Schmalspurausbildung?

Arzt werden, Menschen helfen und, wenn alles gut läuft, eine Menge Geld verdienen - das wünschen sich in Deutschland schon seit Jahren mehr junge Menschen, als es für sie Studienplätze gibt.

Weil ein Student in der Humanmedizin mehr kostet als in jedem anderen Fach, sind die Plätze knapp: Deutsche Unis nehmen pro Jahr nur rund 10.000 Bewerber auf. Die Notenschranke (NC) ist darum für viele unerreichbar hoch. Ein Abitur, das keine Eins vor dem Komma hat, taugt in der Regel nicht für einen Medizinstudienplatz. Und weil inzwischen zu viele perfekte Noten haben, setzen etliche Universitäten zusätzlich auf einen kniffligen Medizinertest.

Ein neuer Weg zum Traumberuf Arzt eröffnet sich nun in Nürnberg - für alle, die nicht nur ein Abitur, sondern auch noch einige zehntausend Euro mitbringen. Ab August will die österreichische Paracelsus Medizinische Privatuniversität mit der Nürnberg Medical School den Lehrbetrieb aufnehmen. Geplant sind 50 Studienplätze für Humanmedizin, später sollen es mal 250 werden.

67.500 Euro für einen "Dr. med. univ."

Über die Zulassung entscheidet an der Medical School Nürnberg neben einem Fünf-Stunden-Test in Biologie, Chemie und Physik in Salzburg vor allem eins: das Geld. Schon bevor ein Bewerber das Anmeldeformular abschickt, sind 130 Euro Bearbeitungsgebühr fällig. Fünf Jahre Medizinstudium kosten 67.500 Euro. Wer das nicht aufbringt, der kann auch seinen künftigen Verdienst beleihen: mit zwölf Prozent des Bruttoeinkommens in zwölf Arbeitsjahren. Eher nebulös erklärt die Hochschule, es gebe Stipendien, die nach "sozialen Kriterien" vergeben werden. Andere Dinge werden wieder genau erklärt: Hatte ein zugelassener Bewerber kein Latein in der Schule, kann er im ersten Studienjahr einen Kurs bei Paracelsus nachholen, allerdings nur kostenpflichtig.

Nach fünf Jahren schließen die Nürnberger Studenten ihr teures Studium mit einem "Dr. med. univ." ab. Das Schöne am hierzulande unbekannten Titel: Wie die Dinge derzeit liegen, führt der österreichische Abschluss direkt zur Berufszulassung als fertiger Arzt.

In Österreich bietet Paracelsus den "Dr. med. univ." seit 2003 an, die Hälfte der Studenten dort komme aus Deutschland, teilt die Hochschule mit. Geleistet haben sich den Abschluss dort bislang 200 Absolventen. Ein großer Gönner der Salzburger Medizinhochschule ist der Chef des Energydrink-Imperiums Red Bull, Dietrich Mateschitz. Er beteiligte sich schon an der Gründung, 2012 investierte er 70 Millionen Euro in ein neues Forschungszentrum für Querschnittslähmung. Jetzt fühlen sich die Salzburger offenbar stark genug, um ihr Geschäftsmodell Medizinerausbildung auch in Nürnberg fortzusetzen.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als würden damit alle Seiten glücklich: Die private Hochschule verdient Geld. Bewerber mit ungenügendem Abitur werden dank finanzieller Anstrengung doch noch Ärzte. Doch ganz und gar nicht froh zeigt sich der Medizinische Fakultätentag (MFT). Der Verband spricht für die staatlichen Medizin-Universitäten und -Forschungseinrichtungen in Deutschland - und warnt: Ein "wissenschaftlicher Discounter" erschließe sich in Nürnberg gerade "deutsches Hochschulterrain". Der Verband befürchtet, dass das Studium fachlich nicht hält, was Paracelsus aus Salzburg verspricht.

Medizin studieren in Deutschland - ganz ohne Uni

Die Uni-Mediziner reagieren wohl auch deshalb gereizt, weil hier etwas wirklich Neues entsteht: Erstmals wäre es an der Nürnberg Medical School möglich, ganz ohne eine deutsche Universität ein Medizinstudium komplett in Deutschland zu absolvieren. Bislang mussten Studenten bei ihrem Umweg zum Arztberuf nämlich ins Ausland reisen: Am Hamburger Asklepios Campus führt die 60.000-Euro-Extratour über die ungarische Semmelweis-Universität. In Kassel kommen deutsche NC-Flüchtlinge dank der britischen Southampton-University für 12.000 Euro jährlich an einen Arztabschluss.

Den Nürnberger Coup ermöglicht eine elegant wirkende Konstruktion: Die praktische Arztausbildung wird an städtischen Krankenhäusern stattfinden. Die Theorie liefert die ehemalige FH Nürnberg. Die Fachhochschule mit naturwissenschaftlich-technischem Profil wurde 2013 von der bayerischen Staatsregierung in eine Technische Hochschule (TH) umgewandelt. Biologie, Physik und Chemie sollen die Medical-School-Studenten an der TH lernen. Für den Fakultätentag ein Unding: In der privaten Nürnberger Ärzteausbildung werde das "gesamte Studium quasi auf FH-Ebene absolviert", wettert Generalsekretär Volker Hildebrandt. Zusätzlich steuert die Salzburger PMU noch zwei Professuren bei, die es für die Medizin dringend braucht, eine für Anatomie und eine für Physiologie.

Dass die in England, in Ungarn und bald auch auf Österreich-Ticket ausgebildeten Absolventen ganz legal Ärzte werden dürfen, hat der Fakultätentag seit Dezember sogar schriftlich: In einem Rechtsgutachten für den Verband erklären zwei Juristen, warum gegen das Franchise-System juristisch kaum etwas zu machen ist. Es funktioniert, weil die Mitgliedstaaten der Europäischen Union die Studienabschlüsse für Ärzte wechselseitig anerkennen. Auch für den in Nürnberg erworbenen, österreichischen "Dr. med. univ." werde das so sein, lässt das bayerische Wissenschaftsministerium wissen.

Zerknirscht verweist Generalsekretär Hildebrandt auf die ungenügende Forschung im Salzburger Paracelsus-Stammhaus und mutmaßliche Unregelmäßigkeiten bei deren Akkreditierung, die in Österreich aber offenbar nicht interessieren. Aufgeben kommt aber nicht in Frage. Nur so viel: Man prüfe derzeit juristische Schritte.

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insgesamt 122 Beiträge
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1. gefaellt mir
gladwyne 05.03.2014
warum nicht? wenn da ein markt besteht dann seh ich da kein problem. natuerlich kann sich das nicht jeder leisten, aber es kann sich auch nicht jeder einen ferrari leisten, da muss man keine neid-energien entwickeln.
2. Na und?
J. Jäger 05.03.2014
Warum diese anklagende Tonlage? Wo steht, dass Ausbildung kostenlos sein muss? Wer etwa eine Pilotenausbildung bis zum ATPL durchzieht, zahlt auch etwa 80.000 Euro und hat dann einen anerkannten, gutbezahlten und weltweit anerkannten Beruf.
3. Qualität?
uselessdm 05.03.2014
Das den Alteingesessenen das nicht gefällt ist ja klar, aber die entscheidende Frage ist doch im Interesse der Patienten, wie gut ist die Ausbildung?
4. Klappe halten!
maxmehr2008 05.03.2014
Wo doch unsere ach so auf Qualität achtenden Kliniken jeden noch so inkompetenten Hin und Kunz aus Syrien, Russland oder Rumänien einstellen nur um Planstellen billig zu besetzen....
5. optional
mailwegenpoker 05.03.2014
Ist doch nur logisch dass Menschen deren Traum ein Medizinstudium ist solche Wege einschlagen. Liegt unter anderem an dem bescheuerten NC-System was nur das Abitur und damit größtenteils eignungsirrelevante Leistungen abprüft. Die staatlichen österreichischen Unis sind da mit dem System der Aufnahmeprüfungen schon bedeutend weiter.
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