Rekord-Andrang: Jetzt 2,2 Millionen Studenten an deutschen Hochschulen

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Über 440.000 neue Erstsemester, 2,2 Millionen Studenten - so viele gab es in Deutschland noch nie. Den Hochschulen ist mächtig mulmig: Werden die doppelten Abi-Jahrgänge wirklich Platz finden, wenn zugleich auch noch die Wehrpflicht kippt? Wer soll, kann, will das bezahlen?

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Ganz schön voll hier: Auch 2010 wartet wieder mit einem Studenten-Rekord auf

Auf die Interpretation kommt es an, nicht auf die Zahlen selbst. Aus Statistiken kann jeder herauslesen, was ihm oder ihr gerade nützt. Also wird der neue Erstsemesterrekord, den das Statistische Bundesamt am Mittwoch meldete, ganz unterschiedlich aufgenommen.

Studieren sei "beliebt wie nie zuvor", jubelte das Bundesbildungsministerium. Der Anstieg belege, "dass die Bildungsrepublik auf dem richtigen Weg ist", sagte Ministerin Annette Schavan (CDU). Der Trend zum Studieren sei auch "ein großartiger Erfolg" des Hochschulpakts und der Bafög-Reform. Bund und Länder würden gemeinsam weitere 275.000 Studienmöglichkeiten bis zum Jahr 2015 schaffen.

Auch die Rektoren sind begeistert ("Wir freuen uns"), reklamieren es aber als Verdienst der Hochschulen, dass "so viele junge Menschen wie niemals zuvor" ein Studium aufnehmen könnten. Doch nur wenn der Staat mehr Geld gebe, könne "das Studierendenhoch auch als Chance genutzt werden".

Die Opposition indes nennt Ministerin Schavan boshaft "Chancentod", so Kai Gehring von den Grünen. Denn 150.000 junge Männer stünden im kommenden Jahr, wenn die Wehrpflicht ausgesetzt wird, ohne Ausbildungsperspektive da; Schavan habe das "monatelang am Kabinettstisch verschlafen". Die Linke kritisiert, die Studienfinanzierung bleibe hinter den steigenden Studentenzahlen zurück. Die Unis seien auf den Ansturm nicht vorbereitet.

Noch ein Rekord: Studierquote bei 46 Prozent

Wer Recht hat? Alle ein wenig. Das vorläufige Ergebnis des Statistischen Bundesamtes ist beeindruckend: 442.600 Studienanfänger kamen im Jahr 2010 (Sommer- und Wintersemester zusammengezählt) an die Hochschulen, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Damit sind derzeit 2,2 Millionen junger Menschen in Deutschland eingeschrieben - ein erneuter Rekordwert, wie schon 2009 und auch 2008.

Den stärksten Zuwachs verzeichnen 2010 das Saarland (13 Prozent) sowie Bayern (neun Prozent), Nordrhein-Westfalen und Berlin (je acht Prozent). Einen beachtlichen Sprung macht die Studienanfängerquote: Mit 46 Prozent beginnen abermals deutlich mehr junge Menschen eines Altersjahrgangs ein Studium als im Vorjahr (43 Prozent), beinahe schon jeder Zweite.

Es ist allerdings vor allem ein Aufschwung West. In den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sinken die Erstsemesterzahlen sogar. Die Statistiker schreiben das vor allem dem Geburtenknick nach der Wiedervereinigung 1990 zu. Anders als im Westen bleiben an den Ost-Hochschulen derzeit Plätze frei.

Bundesregierung, Länder, Hochschulen erklären die ingesamt wachsenden Zahlen seit Jahren stets mit ihrer guten Arbeit - das Studium werde eben immer attraktiver. Massive Hochschulproteste im letzten Herbst? Demos und Besetzungen gegen Bulimie-Lernen, Enge in den Hörsälen, die pannenreiche Einführung der Bolognareformen? Die jungen Leute strömen doch trotzdem an die Unis.

Doch dass schiere Studierbegeisterung die Abiturienten treibt, glauben wohl auch Hochschulen und Bildungsminister nicht. Die Studienanfängerzahl steigt und sinkt stets aufgrund eines Bündels von Faktoren. Entscheidend ist vor allem, wie viele Interessenten die Hochschulen hineinlassen, wie viele Plätze also die Länder zu bezahlen bereit sind. Hinzu kommen: geburtenstarke oder -schwache Jahrgänge, die Beliebtheit deutscher Hochschulen bei ausländischen Studenten, Einführung oder Abschaffung von Studiengebühren (wie zuletzt in Hessen und bald in NRW) sowie als Sondereffekt die doppelten Abiturjahrgänge, ein Schreckgespenst, mit dem Hochschulexperten schon länger für einen Ausbau der Kapazitäten trommeln.

Seehofer an Merkel: Ihr schafft die Wehrpflicht ab, also zahlt auch

Nach der Umstellung auf eine 12-jährige Gymnasialausbildung erlangt in fast allen Bundesländern nach und nach ein Doppeljahrgang die Hochschulreife. Im Saarland war es im Sommer 2009 soweit, im kommenden Jahr sind die einwohnerstarken Ländern Bayern und Niedersachsen dran, und 2012 folgen Brandenburg, Baden-Württemberg, Berlin und Bremen.

Den massiven Anstieg der Erstsemester im Saarland um 13 Prozent (plus 15 Prozent im Vorjahr) kann man als Folge der Doppeljahrgänge verstehen. Allerdings: Hamburg hat nur einen winzigen Erstsemester-Zuwachs von zwei Prozent - obwohl dort der Doppeljahrgang 2010 aus den Gymnasien kam.

Was Bildungsexperten seit Wochen schaudern lässt: Fällt bereits zum 1. Juli 2011 die Wehrpflicht wie geplant weg, könnten bis zu 60.000 Studieninteressierten zusätzlich in die Hochschulen drängen. Und dann wird es extrem eng. Oppositions- wie auch Unionspolitiker sehen die Bundesregierung in der Pflicht. Allein Bayern müsse im kommenden Herbst 5500 zusätzliche Erstsemester verkraften, rechnet Ministerpräsident Horst Seehofer in einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel vor. "Für diese Aufgabe, die unmittelbar Folge der Wehrreform ist, muss auch der Bund Verantwortung übernehmen. Wir wollen dafür vom Bund eine faire und tragfähige Lösung", so Seehofer. Ein Schulterschluss wie beim Hochschulpakt sei zwischen Bund und Ländern notwendig.

Für die Hochschulen fällt der Ansturm in eine Zeit, in der die Länder auch mit Blick auf die Schuldenbremse ihre Ausgaben kürzen - so geschehen in Hessen, Thüringen und Bayern. Trotz enormer Anstrengungen sehen sich die Hochschulen deshalb finanziell überfordert.

Hier kommt die Studentenflut - "endlich", so das Studentenwerk

"Die Länder haben große Schwierigkeiten, ihren Verpflichtungen bei der Finanzierung der Hochschulen nachzukommen", klagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Schon jetzt würden Stellen abgebaut, Tarifsteigerungen nicht übernommen oder einschneidende Kürzungen verfügt. Sie plädiert daher für mehr Zusammenarbeit von Bund und Ländern bei der Hochschulfinanzierung - das "Kooperationsverbot" sehen viele Experten als größten bildungspolitischen Unfug in der Geschichte der Bundesrepublik.

Die Hochschulen verlangen von Bund und Ländern weit über zwei Milliarden Euro, um die vielen jungen Menschen angemessen ausbilden zu können. Falls keine Hilfe kommt, müssen die frisch entlassenen Abiturienten sich wohl auf weitere Zulassungsbeschränkungen einstellen.

Schon wächst an den Hochschulen der Unmut. So kündigte der Regensburger Uni-Rektor Thomas Strothotte an, im nächsten Sommersemester gegen Bayerns Sparpläne mit einer ausgefallenen Aktion zu protestieren. Er werde dann rund 600 Seminare im Vorlesungsverzeichnis ankündigen mit dem Zusatz "Wegen Kürzung gestrichen".

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) sieht in der Erstsemesterschwemme eine "Riesen-Chance für Deutschland", so Präsident Rolf Dobischat. Etwas Besseres als zusätzliche Hochqualifizierte könne dem Land nicht passieren. Aber auch er warnt: Die Politik "vor allem in den Ländern" müsse nun für ausreichend Studienplätze und bezahlbaren Wohnraum sorgen. Bund und Länder müssten gemeinsame Bildungspolitik machen, wenn das "lange prognostizierte Studentenhoch endlich an den Hochschulen ankommt", so der DSW-Präsident.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. .....
Ephemeris 24.11.2010
Analysis 1 und LinAlg ist so voll das der Prof kaum durchkommt in Regensburg , und dann wird noch das Budget gekürtzt , das is schrecklich... nach 45 Minuten wird man in dem vollen Hörsall ohnmächtig da die Luft so dick ist wie die Betonwände
2. Das kommt
marypastor 24.11.2010
Zitat von sysopÜber 440.000 neue Erstsemester, 2,2 Millionen Studenten - so viele gab es in Deutschland noch nie. Den Hochschulen ist mächtig mulmig: Werden demnächst die doppelten Abi-Jahrgänge wirklich Platz finden, wenn zugleich auch noch die Wehrpflicht ausgesetzt wird? Wer soll, kann, will das bezahlen? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,731038,00.html
von dem niedrigen Abi-Niveau. Heute macht doch jeder Abitur. Vergleichen Sie mal die Oberstufe und die Abi-Pruefungen der 50-Jahre mit den heutigen Anforderungen. Nur mal Mathematik und Deutsch. Das wuerden heute nur noch 50 % der Abiturienten schaffen. Und das sind die, die auf die Uni gehoeren. Dann ist auch genuegend Platz.
3. weniger arbeitslose
zynik 24.11.2010
Zitat von sysopÜber 440.000 neue Erstsemester, 2,2 Millionen Studenten - so viele gab es in Deutschland noch nie. Den Hochschulen ist mächtig mulmig: Werden demnächst die doppelten Abi-Jahrgänge wirklich Platz finden, wenn zugleich auch noch die Wehrpflicht ausgesetzt wird? Wer soll, kann, will das bezahlen? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,731038,00.html
Liegt bestimmt daran, dass die jungen Leute es garnicht mehr erwarten können so früh wie möglich dem rosigen "Arbeitsmarkt" zur Verfügung zu stehen. Sehen wir es positiv: So tauchen sie in keiner Arbeitslosenstatistik auf ;-)
4. BGE jetzt !
VerHartzter 24.11.2010
Zitat von marypastorvon dem niedrigen Abi-Niveau. Heute macht doch jeder Abitur. Vergleichen Sie mal die Oberstufe und die Abi-Pruefungen der 50-Jahre mit den heutigen Anforderungen. Nur mal Mathematik und Deutsch. Das wuerden heute nur noch 50 % der Abiturienten schaffen. Und das sind die, die auf die Uni gehoeren. Dann ist auch genuegend Platz.
Mag ja alles richtig sein, stellt sich nur die Frage, warum alle nach dem Abitur greifen? Der Grund liegt meiner Meinung darin, dass in den Augen der Personaler ( glattgegeelte Powerpoint schubsende BWL Jungschnösels ) jemand der eine solide Berufsausbildung besitzt, nicht als Fachkraft angesehen wird. Dann noch der Faktor, das im technischen Bereich kein Geld verdient wird, sondern eben nur die BWL-Wix*** Geld bekommen (nicht verdienen) und schon wird nen Schuh raus. Im Beruf gut ausgebildete Leute können Ing´s locker das Wasser reichen. Die gehen halt nur von der anderen Richtung dran.
5. ^.^
schmarrnsepp 24.11.2010
Zitat von VerHartzterIm Beruf gut ausgebildete Leute können Ing´s locker das Wasser reichen. Die gehen halt nur von der anderen Richtung dran.
Nun denn, VerHartzter, zumindest in meinem Bereich Maschinenbau darf ich Ihnen versichern, daß das kompletter Unsinn ist. Kann es sein, daß Sie, aus welchem Grund auch immer, Schraubhandwerk und technisch-mathematische Entwicklung durcheinander würfeln? In Sachen Powerpoint, BWL-Buzzwordbingohohlbirnen & Vorurteile inkompetenter Personaler -- nicht selten übrigens aus der gerade erwähnten BWL-Fraktion -- gehen wir allerdings d'accord.
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