Bachelor und Master: Hochschulchefs versprechen Bologna-Check

Sie wurde kritisiert, gelobt, verwünscht: Jetzt wollen Deutschlands Hochschulchefs die Bologna-Reform überprüfen. Jedes Fach schauen sie sich an, jede Vorgabe in jedem Bundesland. Kritiker der Reform sollten sich nicht zu früh freuen, denn das gute alte Diplom kommt nicht zurück.

Master of Disaster: Viele Studenten haben schon gegen die Bologna-Reform protestiert Zur Großansicht
dpa

Master of Disaster: Viele Studenten haben schon gegen die Bologna-Reform protestiert

Vor gut zehn Jahren sind Bachelor und Master an Deutschlands Hochschulen eingezogen, seitdem klagen viele Studenten über den Druck, einige Bildungspolitiker lobten die neuen Abschlüsse, andere verwünschten sie. Jetzt will die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) die Bologna-Reform überprüfen. Es werde allerdings kein Zurück zu den alten Diplomstudiengängen geben, versicherte HRK-Präsident Horst Hippler.

Vielmehr werde eine Arbeitsgruppe die Entwicklung in den einzelnen Fächern und die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Vorgaben für die Studienstruktur genau analysieren. Danach werde die Arbeitsgruppe Vorschläge machen, wie man Fehlentwicklungen korrigieren kann.

Hippler hatte bereits im Sommer eine kritische Bilanz zur Bologna-Studienreform gezogen und mit seinen Äußerungen über die Bachelor-Einführung bei einem Teil der Hochschulrektoren für erheblichen Unmut gesorgt. Damals sagte er, der Ansatz, junge Menschen flotter durchs Studium und in den Beruf zu bringen, sei falsch gewesen. Eine Universität müsse mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. "Das tut sie mit dem Bachelor nicht", sagte Hippler damals.

Die Rektorenkonferenz hatte sich unter früheren Präsidenten stets für die Bachelor-Einführung stark gemacht - nicht so Horst Hippler, 65 Jahre alt, Physiker und ehemaliger Präsident des Zusammenschlusses der Technischen Universitäten in Deutschland (TU9). Die HRK hat ihn im April zu ihrem neuen Sprecher gewählt. Er ist seit Jahren einer der profiliertesten Kritiker der europäischen Studienreform.

"Nach sechs Semestern ist man noch kein Physiker"

Hippler brachte seitdem auch Kollegen gegen sich auf: mit seinen Wortmeldungen zum Bologna-Prozess, den Gedankenspielen zu Aufstiegsmöglichkeiten von Fachhochschulen und dem Vorwurf fehlender Präsenz in der Bonner HRK-Zentrale. Viele Uni-Rektoren fühlten sich düpiert. Sogar Bundesbildungsministerin Annette Schavan ließ damals zur Bologna-Kritik des Präsidenten verlauten, sie sei nicht der Meinung, "dass die Ansicht von Herrn Hippler die der Hochschulrektoren ist".

Hippler rechtfertigt seine Kritik: "Wenn ich sage, nach sechs Semestern ist man noch kein Physiker, dann wird mir die Deutsche Physikalische Gesellschaft nur zustimmen", sagte er mit Blick auf die Vorgaben, das Bachelor-Studium möglichst auf sechs Semester zu begrenzen. Ziel der Hochschulausbildung müsse am Ende eine "Persönlichkeit sein, die über den Tellerrand des eigenen Faches hinausblicken kann".

Einige Fehlentwicklungen bei der Einführung des Bachelor-Studiums seien auch schon wieder revidiert worden, sagte Hippler. "Es ist für mich fraglich, ob studienbegleitende Prüfungen wirklich so scharf sein müssen, wie sie zum Teil sind." Die dichte Studienorganisation mit der zum Teil üblichen Anwesenheitspflicht und eine hohe Zahl von begleitenden Prüfungen führt häufig zum Studienabbruch - vor allem in den ersten Bachelor-Semestern der Naturwissenschaften.

Unmittelbar vor dem Gipfeltreffen der EU-Regierungschefs warnten die Hochschulrektoren vor jeglichen Kürzungen im Brüsseler Forschungsetat. Der bisherige Verhandlungsverlauf lasse "wenig Raum für Optimismus", sagte Hippler. Für Deutschland wären Kürzungen ein großes Problem. "Ein umso größeres wären sie für die strukturschwachen Staaten in der EU, die stark von der EU-Forschungsförderung abhängen."

jon/dpa

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insgesamt 47 Beiträge
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1. amerikanisierter Schwachsinn
Hinrich7 21.11.2012
B & M, dafür wurde das deutsche Diplom in den Wind geworfen. Kohl und Schröder nebst ihren damaligen Ministern haben diesen Mist erst ermöglicht, eine Plagiatsverdächtige Ministerin Schavan (ohne Diplom) mit Dr., verteidigt diesen Bildungsnonsens, eingefädelt von CDU/SPD/Grünen
2. Über die Umstellung könnte ich hier Seiten vollschreiben
der_pirat 21.11.2012
Es hat keinen Sinn, die Geschichte umkehren zu wollen. Das Diplom ist weg und damit müssen wir leben. Die Frage ist doch, was man am BAMA verändern kann, um für die Studenten mehr zu erreichen? Ich kann mich noch erinnern, dass wir Probleme hatten, welche Prüfungen man in welchen Modulen zusammenfasst. Warum kann nicht gelten: 1 Lehrveranstaltung = 1 Prüfung ?
3. Ein guter Plan
alex_kidd 21.11.2012
Im folgenden Beitrag spreche ich nun einmal für die Christian-Albrechts-Universität Kiel! Nach der Einführung des Bachelor- und Master-Systems im Jahre 2002 wurde 2011 eine fächerübergreifende Befragung durchgeführt, wobei 82 % der Bachelorstudierenden mit den Studienbedingungen zufrieden waren. Als diese Studierenden im Jahr 2008 ihr Studium begannen, waren es noch 10 % weniger. Demgegenüber haben sich viele Universitäten mit Händen und Füßen gegen die Einführung gewehrt und auch eine rechtzeitige Umstellung verschlafen. Diese eklatanten Versäumnisse werden nun auf dem Rücken der Studierenden sichtbar und dafür sind allein die Universitäten verantwortlich. Im Fachbereich Agrarwissenschaften sieht es an der CAU Kiel mit der Zufriedenheit der Studierenden noch besser aus (88 %). Dort haben Fachschaft, Studierendensekretariat und Dekanat die Kinderkrankheiten beseitigen können und das System regelmäßig nachjustiert. Damit sind Bachelor- und Master an der CAU Kiel in der Realtät angekommen!
4. Eigentlich...
joachim enders 21.11.2012
...gibt es diese Überprüfung ja schon längst. Sie heißt: Studiengangakkreditierung. Wenn da alle Hausaufgaben richtig gemacht worden wären, wären weniger Studiengänge handwerklich schlecht gemacht worden. Die Studiengangsakkreditierungen fußen übrigens auf Beschlüssen der Kultusministerkonferenz und - man staune - der Hochschulrektorenkonferenz. Wenn die jetzt behauptet, dass man erst kontollieren muss, frage ich mich, wer die Tonnen von Papier im letzten Jahrzehnt bei denen verzapft hat. Oder hat keiner die Papiere gelesen? Außerdem (zum wiederholten Male): Für Uni-Studiengänge galt und gilt: Diplom = Bachelor Master; von etwas anderem war nie die Rede. Damit war nie vorgesehen (obwohl vermutlich politisch intendiert, da weniger Studierende zum Master geführt werden sollten), dass Studierende "schneller" fertig werden. Früher war es "normal", dass man 12 oder 13 Semester bis zum Diplom brauchte (zumal wer nebenher arbeiten muss), heute glauben die Studierenden schon selbst, dass man mit 7 Sem. Bachelor und 5 Semester Master viel zu lange studiert. Das ist aber in gewisser Weise ein gesellschaftliches Problem, keines der Studienorganisation.
5. optional
Moritz_h 21.11.2012
Also soweit ich weiß, findet man im Bereich Physik so gut wie immer einen Platz für den Master. Bewerbung ist da mehr so eine Art Formalität. (Zumindest an meiner Uni und man hört sonst auch nie anderes)
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