Von Bettina Dobe und Felix Scheidl
Ein lautes Klatschen in der Halle. Ellen holt noch einmal aus, mit der flachen Hand verpasst sie dem Mann neben ihr einen schallenden Schlag auf die Brust. Dann wirft sich Ellen, blond und 1,63 Meter groß, in die Ringseile, holt Schwung und hebelt Dominik mühelos von der Matte. "Gut gemacht", ruft Trainer Alex. Dominik ist Ellens Trainingspartner, er ist einen guten Kopf größer als sie und wiegt mindestens 120 Kilo. Ellen, 28, macht Wrestling, ein Schaukampf, der in Deutschland auch Catchen genannt wird. Seit 20 Jahren ist sie Fan - dass sie gern Männer aufs Kreuz legt, merkt man ihr zunächst aber nicht an.
Ellen ist sehr gläubig, war früher Messdienerin und studiert heute Theologie an der Uni Regensburg. "An Kirchen und am Gottesdienst mag ich die friedliche Atmosphäre, also die konzentriert wahrnehmbare Präsenz Gottes", sagt sie. Später will sie in Liturgiewissenschaften promovieren, der Wissenschaft über Rituale und Zeremonien im Gottesdienst. Der Ring sei natürlich auf den ersten Blick ein Gegensatz zu ihrem Studium. Aber: "Es gibt Parallelen zwischen Wrestling und Glaube", sagt sie. "Im Glauben geht es um Gottvertrauen. Und im Wrestling musst du lernen, anderen Menschen völlig zu vertrauen." Nur wenn sie sich darauf verlassen könne, dass ihr Gegner weiß, was er tut, funktioniere es. "Nur dann überzeugt der Kampf die Zuschauer und niemand verletzt sich", sagt Ellen.
Die Kommilitonen wissen nichts von ihrem Hobby
Die meisten ihrer Kommilitonen wissen nichts von ihrem Hobby. Sie wisse auch nicht genau, was die davon halten würden. "Auf den ersten Blick ist das ja auch ein ungewöhnliches Hobby für eine Theologiestudentin", sagt Ellen. Aber ihre Freunde sind inzwischen entweder selbst zu Wrestling-Fans geworden oder haben zumindest Respekt davor.
Respekt hatte Ellen schon vor ihrem ersten Kampf: "Ich dachte ja nicht mal, dass ich die erste Trainingsstunde überlebe", sagt sie. Zwar ist Ellen sehr sportlich, sie tanzt dreimal in der Woche Ballett, Flamenco und sie steppt, zudem geht sie noch ins Fitness-Studio. Aber Wrestling sei anders, härter, sagt sie. Ausdauer, Kraft und Schauspieltalent brauche man dafür.
Als Ellen neun Jahre alt war, entdeckte sie Wrestling im Fernsehen. "Die Mischung aus Sport und Unterhaltung, das hat mich schon damals fasziniert", sagt sie. Damals brachte sie ihre Mutter dazu, mit ihr Kämpfe in ganz Deutschland zu besuchen. Im Internet fand Ellen schließlich ihre heutige Wrestling-Schule in der Nähe von Erlangen. Ellen ist dort nur eine von drei Frauen, die in den Ring steigen. Am liebsten würde sie auch mal selbst vor Tausenden Zuschauern auftreten. Dafür muss sie aber noch mehr trainieren, das schafft sie derzeit nicht, die Diplomprüfungen haben Vorrang.
Sie sei vor jedem Kampf nervös, sagt Ellen
"Tausend Kniebeugen zum Aufwärmen", fordert Alex. Während Ellen durch die Halle rennt und sich abwechselnd mit Kniebeugen und Liegestützen quält, kämpfen zwei Männer: Sie schreien laut, es kracht, und der Ring bebt, als sich die beiden abwechselnd gegenseitig über Kopf auf die Matte werfen. Ellen guckt vom Rand konzentriert zu, gleich muss sie selbst in den Ring, mit einem der Trainer - alles Riesenkerle, viel größer und massiger als sie. "Nervös bin ich immer, denn ich weiß ja nie was kommt", sagt sie.
Empfindlich darf sie nicht sein. "Denn irgendwann tut es weh", sagt sie. Manche Griffe hätten es in sich - auch wenn sie gar nicht so übel aussehen. "Man braucht fürs Wrestling eine gewisse Härte, und die habe ich", sagt Ellen. Seit sie trainiert, habe sie zehn Kilo Muskelmasse zugelegt. Wenige Minuten später wirft Ellen einen ihrer Trainer zu Boden - er ist der amtierende World Heavyweight Champion der Liga New European Championship Wrestling - eine von mehreren Wrestling-Ligen in Deutschland, die Trainer Alex Wright gegründet hat. Ellen ist außer Atem, sie keucht. Schweißüberströmt sitzt sie da, trinkt aus ihrer Wasserflasche. Ihre Haut ist an einigen Stellen gerötet, in den nächsten Tagen werden die blauen Flecken erst richtig sichtbar sein.
Im Gottesdienst in der mit nur wenigen Bildern geschmückten Kirche setzt sie sich gern auf die rechte Seite. "Da kann ich den Priester bei der Predigt besser sehen und mich mehr auf das konzentrieren, was er sagt", sagt sie. Deswegen sind ihr auch die moderneren, schlichten Kirchen lieber, die nicht von den Worten ablenken. Die Hände gefaltet sitzt sie in der Kirchenbank und denkt über die Predigt nach. Laut und klar singt sie mit, geht beim Friedensgruß auf ihre Nachbarn zu, schüttelt kräftig Hände.
Auch außerhalb des Gottesdienstes sucht sie die Nähe zu Gott. "Ich schaffe mir jeden Tag einen Freiraum für die Religion", sagt sie. Das heißt: täglich beten um Gott nah zu sein. Nur manchmal kommt ihr das Wrestling-Training in die Quere. Einmal konnte Ellen sich wegen ihres Muskelkaters und blauer Flecken im Gottesdienst nicht hinknien. Sitzenzubleiben war für sie aber in Ordnung: "Gott schaut auf den Inhalt, nicht auf die Form."
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