Lehrerausbildung: Wenn Kevin nervt

Von Katja Irle

Lehramtsstudenten simulieren Unterricht: "Eine echt krasse Rolle" Fotos
Corbis

Plötzlich kommt der Praxisschock: Lehrer lernen nach dem Studium den harten Unterrichtsalltag kennen. An der Uni Mainz trainieren künftige Pädagogen jetzt schon vorher im Rollenspiel, nervige Schüler zu bändigen.

Kevin, 14, pöbelt, Kevin passt nicht auf, Kevin streitet mit Martin, dem Klassenstreber. "Tschüss, Herr Schulz!", ruft Kevin schließlich laut in die Klasse. Lehrer Schulz startet einen letzten Versuch, seine Autorität wiederherzustellen: "Die Stunde ist rum, wenn ich das sage!" Zum Glück klingelt es jetzt.

Was viele Lehrer aus dem Klassenzimmer kennen, ist in diesem Fall nur gespielt: Jonathan Neuroth, 22, alias Herr Schulz, Yannik Wille, 21, alias Kevin und 38 andere Lehramtsstudenten simulieren einen Tag lang am Psychologischen Institut der Universität Mainz den Ernstfall. Sie schlüpfen in vorgegebene Rollen. Besonders bei jenen, die via Los den Klassendompteur gezogen haben, ist die Anspannung zu spüren. "Ich soll doch immer motiviert sein - aber das ging irgendwann nicht mehr", räumt Neuroth nach dem Zusammenprall mit Kevin ein.

Damit geht es ihm im Planspiel wie vielen Jungpädagogen in der Realität. Laut einer Studie vom Institut für Demoskopie Allensbach aus dem vergangenen Jahr fühlt sich jeder zweite Lehrer durch das Studium auf die Berufspraxis nur unzureichend vorbereitet, jeder fünfte empfindet den Wechsel von der Uni zur Schule gar als Praxisschock.

Länder haben Studiengänge schon verändert

Dabei ist dieses Problem eigentlich längst erkannt. Viele Bundesländer haben ihre Studiengänge schon verändert: So hat Baden-Württemberg 2001 ein Praxissemester eingeführt - aber gleichzeitig das Referendariat verkürzt. "Fatal", nennt das der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. "Die Leute werden im Praxissemester oft nur als billige Arbeitskraft im Unterricht eingesetzt." Verglichen mit der Lehrerausbildung vor 20 Jahren gebe es zwar heute mehr Praxis, sagt Meidinger: "Aber dieses Mehr hat leider nicht viel bewirkt."

Dass soll nun wieder mal anders werden: Im April haben Bund und Länder mit der so genannten "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" Reformen beschlossen. Dazu gehört auch, das Lehramtsstudium besser mit der Praxis zu verzahnen. Für besonders gute Konzepte stellt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Ländern in den nächsten zehn Jahren rund 500 Millionen Euro zur Verfügung.

Als Vorreiter gilt die School of Education an der Technischen Universität München unter der Leitung des renommierten Bildungsforschers und Pisa-Koordinators Manfred Prenzel. Ab dem ersten Semester haben die Studenten Kontakt zur Praxis, so werden sie während des gesamten Studiums von Mentoren an rund 50 Referenzschulen begleitet. Zudem lernen auch diese Studenten durch Rollenspiele, und es gibt regelmäßige Beratungsgespräche. "Dazu gehört manchmal auch, dass wir Studierenden raten, besser eine andere Laufbahn einzuschlagen", sagt Prenzel.

Generell bemängelt er, dass die erste Phase der Lehrerausbildung an der Uni abgeschottet ist von der zweiten, dem Referendariat: Kein anderer europäischer Staat stecke so viel Zeit in die Lehrerausbildung, durchschnittlich fünf Jahre Studium plus zwei Jahre Referendariat. "Aber wir nutzen das nicht effektiv genug", sagt er.

Training wie bei Medizinern oder Managern

Rollen- und Planspiele können helfen, den Praxisbezug zu stärken - zumal die Methoden in der Medizinerausbildung oder bei Managern bereits erfolgreich eingesetzt werden. Evaluationen der Universität Bamberg zeigen, dass der simulierte Schulalltag Vorteile bringt. "Die Studenten können ein Gespür dafür entwickeln, wie komplex der Beruf ist und welche Handlungsmöglichkeiten sie haben", sagt die Psychologin Ulrike Starker von der Uni Bamberg, die auch das Planspiel an der Mainzer Hochschule leitet.

Mit Pädagogikstudenten hat sie in Bamberg die Reaktionsweisen der Teilnehmer vor und nach der Simulation erfasst. Während die Studenten in der ersten Runde Schüler häufig bestraften, reagierten sie in der zweiten Runde schon deutlich differenzierter: "Sie haben gemerkt, dass ständige Ermahnungen und Strafen ab einem bestimmten Punkt nichts mehr bringen", sagt die Professorin.

In Mainz müssen die Studenten das erst noch lernen. Kevin wird an diesem Schultag fünfmal nach hinten gesetzt und fliegt zweimal raus. Das führt nicht zu mehr Disziplin, sondern ins völlige Chaos: Als er mal wieder zum Rektor muss, solidarisiert sich die Hälfte der Klasse mit dem Provokateur und beschimpft die Englischlehrerin: "Das ist total unfair, dass immer der Kevin raus muss." Der Gescholtene sieht das genauso: "Das passiert nur, weil ich den schlechtesten Ruf habe." Die Lehrerin verstummt - weil es stimmt.

"Eine echt krasse Rolle"

Nur wenige Studenten kommen besser aus der Kevin-Nummer raus. Alexandra Büscher, 23, spielt Kunstlehrerin Zöpfel, die laut Planspiel 55 Jahre alt ist, früher mal Hippie war und sich nach der Schule im eigenen Atelier selbst verwirklicht. "Ich bin für Ruhe in der Klasse, aber das hat nur mittelmäßig geklappt", resümiert Büscher nach ihrer ersten Stunde als Frau Zöpfel. Dennoch hat sie intuitiv vieles richtig gemacht: Anstatt auf jede Störung einzugehen, bleibt sie beim Thema. Sie spricht deutlich und macht klare Ansagen.

Am Ende sind alle geschafft, sogar Kevin. "Eine echt krasse Rolle", sagt Yannik Wille. Er fühlt sich durch die Simulation etwas besser gerüstet für den Fall, dass einer wie Kevin später mal in seiner Klasse sitzt. Aber mehr auch nicht: "Wirkliches Verständnis für einen solchen Schüler kann man allein mit einem Planspiel nicht entwickeln", befürchtet Wille. "Dafür bedarf es mehr Zeit und Praxis."

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insgesamt 227 Beiträge
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1.
Rennmaus 07.08.2013
eine Bekannte von mir hat Lehramt studiert. Die Studiumsinhalte gehen zum Teil völlig an der Realität vorbei. Da werden 10 Definitionen gelehrt, was lernen ist, aber wirklich praxisrelevantes Handwerkszeug kommt oft zu kurz!
2. .
Stella_ 07.08.2013
Dass die Rolle des Lehrers mitsamt der entsprechenden Konfliktbewältigung erst im Unterricht richtig eingeübt werden kann, leuchtet ein. Was ich allerdings nicht ganz verstehe, ist, dass so viele Lehramts-Studenten von einem Praxis-Schock berichten. Man sollte doch meinen, dass die eigene, 13 Jahre währende Schulzeit noch nicht so weit zurückliegt (in der Regel vier oder fünf Jahre), dass man vergessen hat, welche Konflikte sich im Klassenzimmer abspielen können. Im Grunde ist dies doch der einzige Studiengang, bei dem man bereits ziemlich genau die Abläufe kennt, die einen im Berufsleben erwarten.
3. Das der Störenfried immer Kevin heißt...
boingdil 07.08.2013
zeigt mal wieder das hier massiv Vorurteile am Werk sind - siehe die ganzen Berichte über Benachteiligung von Kevins durch die Lehrer nur aufgrund des Namens. Das Wichtigste kann kein Lehrer durch Rollenspiele lernen, sondern maximal verfeinern: eine gestandene, in sich selbst ruhende, souveräne Person zu sein. Denn Kinder lassen sich Grenzen nur von Menschen setzen, die sie auch respektieren - und Respekt kann man nicht erzwingen.
4.
Zorian 07.08.2013
Ich studiere Lehramt und kann deinen Kommentar voll und ganz bestätigen. Studium und Schule sind sehr weit auseinander!
5. optional
borzensen 07.08.2013
Die Unterrichtsstunden die ich während meinem Studium gehalten habe kann ich beinahe an einer Hand abzählen. Hat sich bisher im Referendariat nicht unbedingt ausbezahlt.....
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