Campus-Romane nach Bologna: Uni ohne Sex-Appeal

Von André Bosse

Sex im Professoren-Büro, in der Bibliothek, im Audimax: Früher drehten sich Campus-Romane um verquere Liebschaften, Intrigen, Ausschweifungen. Doch an modernen Unis haben die jungen Credit-Point-Sammler keine Zeit mehr für Unvernunft - und den Autoren geht der Stoff für gute Geschichten aus.

Prüde Campus-Romane: Ende der Abenteuer Fotos
Corbis

Am 19. Juni 1999 töteten 29 europäische Bildungsminister im norditalienischen Bologna ein literarisches Genre: den Campus-Roman. Sie taten es nicht mit Absicht, es ging ihnen in erster Linie darum, das europäische Hochschulsystem zu vereinheitlichen. Damit jemand, der in Göttingen oder Marburg studiert hat, sicher sein kann, dass sein Abschluss auch in Göteborg oder Madrid zählt. Leider führten die eifrigen Technokraten nebenbei auch Begriffe in die Uni-Welt ein, die man eher in der Investmentabteilung einer Großbank erwartet: "European Credit Transfer System" zum Beispiel. Oder "Zentrum für Schlüsselqualifikationen". Das konnte nicht gutgehen.

Ziel des Studiums sollte es fortan sein, sich fit zu machen für den Karriereeinstieg bei einem der global aufgestellten Konzerne. Stichwort "Employability", noch so ein Technokratenbegriff. Es begann der Bologna-Prozess, der das universitäre Leben fundamental veränderte. Heute richten sich Professoren nach immer strengeren Effizienz-Richtlinien, während die Studenten den Credits hinterherjagen. Beides macht müde. Und wer müde ist, verliert die Lust am Abenteuer. Am Experiment. An der Unvernunft. Das mag den Bildungsministern gefallen, Literaten jedoch weniger.

Vorher betrachteten Schriftsteller Universitäten als attraktive Schauplätze für ihre Romane. In dem Mikrokosmos Campus trieben sich intelligente und dämliche, junge und alte, begehrenswerte und kauzige, karrieregeile und stinkfaule Figuren herum, die genug Zeit hatten, um sich unvernünftig lange mit genau den unvernünftigen Dingen zu beschäftigen, die den Stoff bieten für gute Geschichten. Zum Beispiel mit Sex.

Es wird viel herumgemacht in den guten alten Campus-Romanen, zum Beispiel in Javier Marías "Alle Seelen" oder Michael Chabons "Wonder Boys". Und zwar fast nie im Bett, sondern in der hinteren Ecke der Uni-Bibliothek, im Audimax zur Abenddämmerung, im Prüfungszimmer während der Mittagspause. Es prickelt halt besonders, wenn man an Orten fummelt, die eigentlich den Intellekt betören sollten und nicht den Körper.

Woher nehmen die Protagonisten nur all die Zeit?

Meist bleibt der Sex an ungewöhnlichen Orten nicht folgenlos. Schließlich handelt es sich bei Universitäten um Institutionen, in denen Menschen Karriere machen (die Professoren) oder auf ihre Karriere vorbereitet werden (die Studenten). Zu wissen, wer mit wem was hat, bedeutet Macht. Ein Beispiel aus Dietrich Schwanitz' "Der Campus", dem wohl bekanntesten deutschen Universitätsroman, veröffentlicht im Jahr 1995: Den Sex haben hier Hanno Hackmann, Professor für Kultursoziologie, und seine Studentin Barbara "Babsi" Clauditz - und zwar auf seinem Professorenschreibtisch, auch einer dieser Orte. Die Beschreibung des Geschlechtsverkehrs ist gelinde gesagt furchtbar. Schwanitz lässt kein Klischee aus: Die Brüste pendeln, die Schenkel zittern, die Rücken verkeilen sich ineinander - über Sex schreiben kann Charlotte Roche um Klassen besser.

Aber egal, denn Schwanitz' Geschichte nimmt danach so richtig Fahrt auf. Diverse Figuren aus dem universitären Umfeld bekommen Wind von dem Verhältnis, und es beginnt ein Durcheinander aus falschen Verdächtigungen, feministischen Verschwörungstheorien, skrupellosem Mobbing.

All diese Dinge mag es heute an Unis in Ansätzen auch noch geben. Aber wer "Der Campus" liest und dabei an das Hochschulleben von heute denkt, fragt sich vor allem eines: Woher nehmen die Protagonisten nur all die Zeit, um sich dermaßen ausführlich mit diesen Intrigen und Machtspielereien zu beschäftigen? Knapp 400 Seiten lang dreht sich das Uni-Leben um sich selbst. Die Professoren gockeln eitel herum, die Studenten lästern, was das Zeug hält - nur von Prüfungsstress keine Spur.

Wie die Unis zu Orten des langweiligen Stresses verblassen

Schwanitz' Uni-Roman liest sich 17 Jahre nach Erstveröffentlichung wie eine Geschichte aus einer anderen Ära. Aus einer Epoche, als sich an der Uni noch die Gemüter erhitzten, die Kontraste scharf hervortraten. Dagegen verblassen die Lehranstalten der Gegenwart bis zur Unkenntlichkeit.

Auch darüber kann man schreiben. Muss man schreiben. Das geschieht aber derzeit fast ausschließlich in bildungspolitischen Leitartikeln. Der Campus-Roman dagegen verschwindet in Europa zusehends aus den Katalogen der Verlage. Beachtliche Bücher, die an Universitäten spielen, erscheinen nur alle Jubeljahre.

2006 hat die norwegische Schriftstellerin und Sprachwissenschaftlerin Helene Uri mit "Nur die Stärksten überleben" einen Skandinavien-Krimi an die Uni verlegt - und zwar an ein fiktives Institut, das sich mit Hilfe eines großen Forschungsbudgets mit der Zukunft der Sprache beschäftigt. Ein böses, häufig lustiges, manchmal spannendes Buch (nur der Vollständigkeit halber: Sex gibt es hier auf dem teuren Teppich im Arbeitszimmer der Professorin) - aber statt mit ihrer Geschichte auf die Uni-Realität nach Bologna zu reagieren, entwirft die Autorin über 400 Seiten einen Elfenbeinturm: Den Forschern fehlt es nicht an Geld, den Studenten nicht an Zeit - gibt es das in Norwegen tatsächlich noch? Dann nichts wie hin!

Was neuen Romanen fehlt: Aufruhr

Der jüngste deutsche Roman, der sich dem Genre zugehörig fühlt, erschien in Erstauflage 2010 und wird in diesem Jahr neu aufgelegt: "Hier kommt Michelle" heißt er, geschrieben hat ihn Annette Pehnt. Man hat als Leser gleich seine Probleme mit dieser Michelle, die als "reizende junge Abiturientin mit einem schmalen, flinken Körper" in das Campus-Leben der Uni von Sommerstadt geworfen wird, die der Stadt Freiburg nachempfunden ist, wo die Autorin lebt und an der Pädagogischen Hochschule lehrt.

Michelle verspürt keine Neugier, wartet brav auf Anweisungen und bewertet jegliches Engagement nach den Credits, die ihr dafür in Aussicht gestellt werden. Kurz: Michelle nervt. Den Leser. Nicht aber den Rektor der Uni, Klaus Maurer, der Studenten als Hohlraum betrachtet, in den seine Uni das modulare Wissen füllen kann, um sie fit für den globalen Markt zu machen.

Annette Pehnt trifft mit ihrer Beschreibung des Uni-Rektors das Problem der effizienten Kühle an den Unis der Gegenwart. Was dem Roman jedoch fehlt, ist Aufruhr. Ein Aufschrei von Studenten und Lehrenden, die nicht nur weiterhin das humboldtsche Bildungsideal vertreten, sondern auch auf ihr Recht auf Abenteuer, Experimente und Unvernunft pochen.

Wie das gehen kann, zeigen - mit allen Widersprüchen - gerade die Piraten in der Politik. So einen Piraten-Campus-Roman würde man gern lesen. Ein Rebellenstück, politisch aufgeladen und gesellschaftlich überaus relevant. Und gern dürfen die Protagonisten zum Wohle der Geschichte auch wieder an ungewöhnlichen Orten herummachen, notfalls dann auch mit pendelnden Brüsten.

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1. Drama und Komoedien zuhauf
gerald246 05.09.2012
Zitat von sysopSex im Professoren-Büro, in der Bibliothek, im Audimax: Früher drehten sich Campus-Romane um verquere Liebschaften, Intrigen, Ausschweifungen. Doch an modernen Unis haben die jungen Credit-Point-Sammler keine Zeit mehr für Unvernunft - und den Autoren geht der Stoff für gute Geschichten aus. Romane übers Uni-Leben: Klassiker zum nachlesen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,844001,00.html)
Naja, die Autoren sollten sich an den Unis mal genauer umsehen, und zwar nicht nur an der paedagogischen Abteilung die da vor sich hin schlummert. Das Drama liegt heute z.B. im Wissenschaftsbetrug, dem Stehlen von Ideen und Daten und der Furcht davor (insbesondere bei den Kleingeistern die wenig oder keine Ideen haben), und bei den Verhaltensweisen die dabei herauskommen. In den USA gab es wenn ich mich recht erinnere vor kurzem einen Mord wegen solcher Sachen. Dann natuerlich die Persoenlichkeiten die Wissenschaftsabetrug begehen. Das Verhalten von Akademikern wenn Politikos oder Fernsehkameras auftauchen ist ebenfalls bemerkenswert. Ausserdem natuerlich Macht, Sex (weniger bei den Technikern...), und Konkurrenz. Mein Fazit ist dass an den Unis fast zuviel Stoff fuer Drama und Komoedien vorhanden ist, man muss allerdings tiefer hineinschauen. Einfach Handlungen zu uebertragen traegt dem akademischen Leben absolut keine Rechnung...
2. Lustvolle Campus-Literatur...
svenkoch 05.09.2012
Wer ein Buch sucht, in dem es vor allem um die Lust auf dem Campus geht, dem sei das Buch "Ein geiles Studium" von Théo empfohlen. Da geht es zwar vor allem wirklich nur um das Eine, aber das eben dann auch richtig. Wer einen Thriller lesen will oder ein Drama, kann das danach dann ja immer noch tun... http://www.amazon.de/Ein-geiles-Studium-erotische-Geschichten/dp/1478226919/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1346833982&sr=8-2
3. Keine Angst!
ridgleylisp 05.09.2012
Keine Angst! Den Autoren wird schon etwas einfallen. Unser Sex-besessener Zeitgeist wird schon dafür sorgen. Nur ein bisschen kreativ sein: Wie wär's mit Sex unter Islamisten. Mit all den eifersüchtigen Ehefrauen! Oder unter EU-Komissaren. Wie bitte, nicht glaubwürdig? Na, irgendwas ließe sich da doch machen.
4. An der Uni sollen Studis also Folgendes wollen:
nichtsoeinfach 05.09.2012
Sex, Sex an ungewöhnlichen Orten, Sex mit ungewöhnlichen Leuten, Saufen, Saufen mit superduften Kumpels, gern auch vom anderen Geschlecht, dann Saufen, das in Sex übergeht, auch andere Drogen als Alkohol, diese Drogen runtersaufen und dann Sex auf die ungewöhnlichste Art haben. Dafür geht man auch ins Ausland. Wofür sonst? Um Denken, Erkenntnis, Bildung geht es nie und nimmer. Was für eine Bankrotterklärung.
5.
dosmundos 05.09.2012
Wie konnten Sie Donna Tartts "Geheime Geschichte" in dieser Aufstellung vergessen? Vom buchstäblich klassischen Bildungsideal über eine Extremform des "Mikrokosmos Campus" und Sex bis hin zu Bacchanalien ist da doch nun wirklich alles dabei...
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