Vermasseltes Wettrudern: Das "Ärgernis", das aus der Themse kam
Trenton Oldfield sprang beim Wettrudern zwischen Cambridge und Oxford ins Wasser - aus Protest gegen "elitäres Denken". Die Richter setzten ihn nun vorerst auf freien Fuß, belegt mit einer kuriosen Auflage.
Andere mögen aus Protest Plakate in die Höhe halten, Parolen skandieren oder Schuhe werfen. Trenton Oldfield sprang ins kalte Wasser der Themse. Sein Protest richtete sich gegen einen der berühmtesten Studentenwettkämpfe der Welt, und er konnte sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen: 250.000 Zuschauer säumten die Ufer der Themse am Ostersamstag, um das Ruderrennen zwischen den Achtern der Universitäten Cambridge und Oxford zu verfolgen - als Oldfields Kopf plötzlich zwischen den Booten auftauchte. Beinahe wurde er von einem Ruder am Kopf getroffen. Der Schiedsrichter unterbrach das Rennen, Oldfield wurde von der Polizei verhört und vor Gericht geladen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Der 35-Jährige ist gegen Kaution frei, am Montag erschien er in langem Mantel, Hemd und Krawatte vor dem Amtsgericht Feltham, das den Fall schnell an ein höheres Gericht verwies. Am 23. Mai soll der Crown Court in Isleworth, ebenfalls im Großraum London, entscheiden. Der Fall habe viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, sagte eine Sprecherin des Gerichts in Feltham. Das Gericht belegte Oldfield bis zum nächsten Termin mit einer kuriosen Auflage: Er darf nicht näher als hundert Meter an die Strecke herankommen, auf der 8000 Läufer in gut drei Wochen die olympische Fackel durch das Land tragen sollen.
Der gebürtige Australier hatte verkündet, er habe mit seiner Themse-Aktion gegen einen "elitären Pseudo-Wettbewerb zweier Bildungsinstitutionen, die damit bloß sich selbst zelebrieren", protestieren wollen. In einem Online-Manifest unter dem Titel "Elitedenken führt zu Tyrannei" verteidigte er seinen Sprung ins Wasser als "Akt des zivilen Ungehorsams" und Widerstand gegen eine Veranstaltung der Eliten. "Ich stehe hundertprozentig hinter meinen Taten. Auch wenn das Gefängnis bedeuten sollte", hatte er getwittert.
Es war das 158. Rennen zwischen den Ruderteams aus Oxford und Cambridge, rund zehn Minuten lang verlief es packend: Oxford lag knapp vorn. Dann hielten die Ruderer plötzlich inne, die Kameras filmten den Kopf eines Schwimmers und dessen breites Grinsen. Trenton Oldfield, so wird man später erfahren, hatte sein Ziel erreicht, er hatte das altehrwürdige University Boat Race gestoppt.
Dass damit das Drama noch nicht zu Ende war, bekam Oldfield nicht mehr mit. Die Organisatoren fischten ihn aus dem Wasser und starteten das Rennen neu, diesmal auf halber Strecke der 6,8 Kilometer. Doch schon bald kamen sich die Boote zu nahe, die Riemen krachten zusammen. Hanno Wienhausen, dem 29-jährigen Leverkusener im Boot von Oxford, brach das Blatt. Cambridge zog, mit einem Ruderer mehr, am Gegner vorbei und gewann deutlich.
"Du hast uns den Höhepunkt unserer Karriere genommen"
Der Jubel aber blieb aus, die Aufmerksamkeit galt im Ziel Oxfords Bugmann Alex Woods. Er kollabierte vor Erschöpfung und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Siegerehrung des Chaos-Rennens entfiel.
Freude hatte an dem Rennen wohl keiner der Athleten. Karl Hudspith, der als Präsident des Oxford University Boat Club selbst im Boot saß, richtete sich auf Twitter frustriert an Oldfield: "Mein Team ging [im Training] sieben Monate durch die Hölle, dies war der Höhepunkt unserer Karriere, und du hast ihn uns genommen." Es war nicht das letzte böse Wort zwischen den Ruderern und dem Störenfried.
Die öffentlichen Reaktionen waren gespalten. Während Oldfield in einigen Tweets Sympathie entgegengebracht wurde, verurteilten britische Ruderfreunde und viele Medien sein Vorgehen: Er habe die Falschen getroffen, lautete der Tenor, nämlich hart arbeitende Studenten, die Sport auf höchstem Niveau ausübten. Zudem musste sich Oldfield gegen Vorwürfe wehren, seine Haltung sei scheinheilig, weil er selbst aus gut betuchten Verhältnissen stamme.
Er hat in Australien eine Privatschule besucht und an der angesehen London School of Economics (LSE) einen Master absolviert. Danach war er für eine Reihe von Projekten im Bereich Städteentwicklung tätig. Er erklärte, er habe die Schule mit 16 verlassen, weil sie ihn angewidert habe. Gerade sein Einblick in elitäre Institutionen habe seine Kritik geschärft.
Der 35-Jährige wollte vor dem Prozess nicht mit SPIEGEL ONLINE sprechen. Auch den Ruderern aus Oxford verweigerte er den Dialog. Deren Präsident Karl Hudspith lud ihn via Twitter in die Universitätsstadt und zum Training ein, damit er seine Ansichten revidieren könne. Als Oldfield offenbar nicht auf das Angebot einging, nannte Hudspith ihn einen Feigling.
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- Montag, 23.04.2012 – 15:40 Uhr
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