Russlands Guttenberg heißt Pawel Astachow. Der Absolvent einer KGB-Hochschule ist der Mann, der für Wladimir Putin eine der schmutzigsten Kampagnen in Russland inszeniert hat: Als Kinderschutzbeauftragter war Astachow die treibende Kraft hinter dem Verbot von Adoptionen russischer Kinder durch US-Bürger. Der Jurist warf Washington vor, Misshandlungen und Morde russischer Waisen in den USA zu vertuschen. Tatsächlich war das Gesetz Vergeltung für von den USA verhängte Einreisesperren gegen korrupte russische Beamte.
Jetzt haben Plagiatsjäger im Netz Astachow als Plagiator entlarvt. Der Kreml-Vertraute soll seine Habilitation zu 80 Prozent aus anderen Quellen zusammenkopiert haben. Astachow geht in die Offensive: Den Betreibern der Plagiat-Seite Dissernet.org empfiehlt er einen Besuch "beim Psychoanalytiker". Die Prüfung seiner Arbeit obliege allein der Obersten Prüfkommission.
Die freilich steckt selbst mitten in einem Skandal, seit Ermittler den Chef der Kommission Anfang Februar abführten, wegen des Verdachts auf Unterschlagung von 200 Millionen Dollar. Kommissionschef Felix Schachmalow gilt in Moskaus Boulevard-Blättern als "Pate der Dissertationen". Mit 35 Jahren fungierte er schon als Doktorvater von Putins ehemaligem Innenminister, hatte aber auch einen Draht zur nordkaukasischen Mafia.
Einer der Köpfe von Russlands Anti-Plagiat-Bewegung ist der Moskauer Physikprofessor Andrej Rostowzew.
SPIEGEL ONLINE: Woher stammt die Idee zur Plagiatejagd?
Rostowzew: Ich war im Oktober zu Forschungen in Hamburg und bin auf die Plattform Vroniplag aufmerksam geworden. Die Idee, fingierte Dissertationen zu enttarnen, lag aber schon länger in der Luft. Aber Vroniplag hat gezeigt, wie das funktionieren kann. Der Fall Schavan hat uns angespornt.
SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie vor?
Rostowzew: Ich habe ein sehr simples Programm geschrieben. Wir nennen es den "Dissertationshäcksler". Es zerlegt eine Dissertation automatisch in Textteile von fünf bis zehn Worten. Dann analysiert es diese Textschnipsel über Suchmaschinen wie Google oder Yandex auf Übereinstimmungen.
SPIEGEL ONLINE: Das ist ein sehr grobes Raster.
Rostowzew: Niemand von uns hat die Kapazitäten, Doktorarbeiten von 500 Seiten per Hand durchzuarbeiten. Aber das Programm zeigt uns, wo wir genauer hinsehen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Die Ergebnisse veröffentlichen Sie auf Dissernet.org. Haben Sie sich an Vroniplag orientiert?
Rostowzew: Ja und nein. Die Seite ist ähnlich aufgebaut. Es gibt aber einen großen Unterschied. Vroniplag ist ein echtes Wiki, jeder kann mitmachen. In Russland aber kann so ein Projekt nicht offen sein. Im russischen Internet tummeln sich zu viele Trolle, Leute von Kreml-treuen Jugendgruppen, die unsere Arbeit sabotieren.
SPIEGEL ONLINE: Wer genau arbeitet an Ihrer Plattform mit?
Rostowzew: Ich kenne 15 bis 20 Personen, aber jeder kann neue Mitglieder dazuholen, das funktioniert nach dem Prinzip der persönlichen Empfehlung. Einige haben sich auf die Arbeiten von Politikern spezialisiert, andere auf Hochschullehrer.
SPIEGEL ONLINE: Professoren schreiben auch ab?
Rostowzew: Und wie! Aber Wissenschaftler übernehmen meist kleinere Stücke aus fremden Arbeiten. An manchen Stellen schreiben sie auch selbst.
SPIEGEL ONLINE: Hört sich nicht nach ein paar unterschlagenen Zitaten an.
Rostowzew: In Deutschland wird vielleicht mal ein Absatz übernommen oder zwei Satzfragmente aus unterschiedlichen Quellen. Dazu kommt nicht korrektes Zitieren. So etwas schauen wir uns gar nicht erst an. Bei uns kommt es vor, dass 50 Seiten Wort für Wort kopiert werden, samt Grafiken, Tabellen und Rechtschreibfehlern.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?
Rostowzew: Da ist Putins Kinderrechtsbeauftragter, der Jurist Pawel Astachow. Er hat sogar seine Schlussfolgerungen abgeschrieben. Oder ein Abgeordneter der Kreml-Partei "Einiges Russland". Er hat über die Wettbewerbsfähigkeit der Lebensmittelindustrie geschrieben und dafür einfach eine frühere Arbeit über das "Marktpotential von Konditorei-Unternehmen" kopiert. Er hat einfach überall den Begriff "dunkle Schokolade" ersetzt durch "russisches Rindfleisch".
SPIEGEL ONLINE: Wie entstehen solche Dissertationen?
Rostowzew: Im Internet gibt es unzählige Angebote für "schlüsselfertige Doktorarbeiten". Ich bin sicher: Viele von denen, die jetzt auffliegen, haben ihre Arbeiten selbst nie gelesen.
SPIEGEL ONLINE: Wird an den Universitäten geschmiert?
Rostowzew: Das kann ich nicht sagen. Manchmal heißt es vielleicht einfach: Michail Michailowitsch ist ein respektierter Mann, er wird der Hochschule später sicher helfen. Und in den Dissertationsräten sitzen lauter Freiwillige. Warum sollen die tagelang eine Dissertation prüfen? Sie bekommen nichts dafür.
SPIEGEL ONLINE: Über 200 der 447 russischen Abgeordneten sind Doktoren oder Professoren, im Bundestag sind es 119 von 620. Warum ist ein Titel so reizvoll?
Rostowzew: Das ist eine Frage der Reputation. Das gute Auto, die Villa in Nizza, der Doktor auf der Visitenkarte - das gehört für viele dazu. Und nach dem Ende der Politikkarriere eröffnet ein Titel die Möglichkeit auf einen Lehrstuhl.
SPIEGEL ONLINE: Haben die Enthüllungen Konsequenzen?
Rostowzew: Bislang nicht. Stattdessen hat der staatliche 1. Kanal einen Bericht gesendet, in dem es um die angeblichen Schwächen von Plagiat-Software geht. Die Botschaft ist klar: Die Enthüller werden selbst diskreditiert, die Plagiatoren geschützt. Die Grenzen zwischen echter Wissenschaft und Wissenschatsimitation verwischen immer mehr.
SPIEGEL ONLINE: Unterstützt Sie wenigstens das Bildungsministerium?
Rostowzew: Ich habe Anfang April einen Vortrag gehalten, da saß der Minister im Publikum. Am Ende stand er auf und ging ohne eine Nachfrage. Man kann das nachvollziehen. Die Leute vom Ministerium haben selbst ihre Eier in der Pfanne, wie man bei uns sagt. Sie sind selbst betroffen.
Das Interview führte Benjamin Bidder
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