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Sächsische Studenten ziehen blank: "Paaren statt sparen"

Anderswo erlahmen die Proteste, in Sachsen geht es erst richtig los. Leipziger Studenten ließen bei einem "Softporno" nackte Tatsachen sprechen. Zudem sperrten sie den Kanzler aus und besetzen das Rektorbüro - aber nur zu festen Zeiten: 16.30 Uhr, tschüss, bis morgen. Die medienwirksamen Aktionen sind umstritten. Von Christoph Heiter

Leipziger Rektorat: Besetzung nach strengen Regeln
Universität Leipzig / Sylvia Dorn

Leipziger Rektorat: Besetzung nach strengen Regeln

Leipzig, 8.30 Uhr. Vor dem Büro des Uni-Rektors versammelt sich ein gutes Dutzend Studenten zum "offenen Frühstück". Der Kaffee ist schon fertig. Das Rektorat ist wieder "besetzt", wie es ein Transparent draußen am Gebäude verkündet. Und zwar genau bis 16.30 Uhr, wenn das "Tagesabschluss-Plenum" über die Bühne gegangen ist. Wenig später gehen die Lichter aus, die Studenten ziehen ab. Bis zum nächsten Morgen.

"Wir haben Druck gemacht und viel erreicht", sagte Andreas Meier, einer der Rektoratsbesetzer, auf der Uni-Vollversammlung am Mittwochmittag. In der Tat: PC mit Internetzugang, eigener Telefonanschluss, das Faxgerät von einer Prorektorin. Die Besetzer residieren in einem improvisierten Büro im Rektoratsflur - und sie halten sich sogar brav an die Bürozeiten.

Schatten-Sex hinter Stoffwand

Sie werden toleriert, vom Kanzler der Universität und inzwischen auch vom StudentInnen-Rat (StuRa). Der hatte sich anfangs von der Gruppe distanziert, jetzt darf sie sich als Teil des Streiks fühlen. Ein Streik, den 5000 der insgesamt 30.000 Leipziger Studenten am 7. Januar per Akklamation beschlossen haben. Zu einem Zeitpunkt, als die Streikfront in Berlin gerade zu bröckeln begann.

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Leipziger Protestaktion: Studenten drehen Soft-Porno

Die jüngste öffentlichkeitswirksame Aktion: Dreharbeiten für einen Softporno mit dem Titel "Die Bildung ist nicht die Hure der Wirtschaft". Dozent Dr. Vögler gibt sich als Experte zum Stopfen von Haushalts-, Bildungs- und weiteren Löchern... Studentin Chantal bietet sich als Studienobjekt an - und lässt die Hüllen fallen. Unter dem Gejohle der Zuschauer gibt's nackte Tatsachen. Hinter einer Stoffwand folgt Schatten-Sex unter dem Motto "Paaren statt sparen."

Mit einem Hauch von Erotik hatten auch Berliner Studenten schon die Öffentlichkeit gesucht. Im Leipziger StuRa-Forum reichten die Kommentare am Tag nach dem Dreh von "albern" bis "alle Achtung". Der Leipziger Streik nennt sich "konstruktiv". Seminare und Vorlesungen finden weiterhin statt. Zugleich laufen Alternativ-Veranstaltungen, veröffentlicht im "kommentierten alternativen Vorlesungsverzeichnis".

Da wird dann zwar, wie Anfang der Woche, auch zum x-ten Mal die "Bildung zu Grabe getragen", aber die Leipziger haben auch originellere Ideen: ein Kürzungsparcours in der Innenstadt, Studienplätzchen für Passanten, Referate in Linienbussen, ein Flötenkonzert mit Streichern, Patenschaften von Bürgern für Studenten, die "dann regelmäßig den Pateneltern vom Uni-Alltag berichten können".

Die Studentenschaft ist gespalten. Darf sich ein Streik, der den Uni-Betrieb ausdrücklich aufrecht erhält, überhaupt so nennen? "Projektwoche" wäre passender, meint ein Kritiker. Eine Gruppe namens "Wertkritische Kommunisten" verteilt auf dem Campus Flugblätter gegen die Politik des Streikkomitees. Der Abschlusssatz: "Für einen Streik, der seinem Begriff gerecht wird, sind wir allerdings jederzeit zu haben."

Vorlesung in Leipzig: Keine Totalblockade
DPA

Vorlesung in Leipzig: Keine Totalblockade

"Wir versuchen einen Spagat", weiß auch StuRa-Sprecher Benjamin Schulz. Protest ja, Blockade nein. Die erste Woche des "konstruktiven Streiks" sei sehr erfolgreich verlaufen, sagte er am Mittwoch bei einer Vollversammlung, auf der eine Fortsetzung des Protests für zunächst zwei weitere Wochen beschlossen wurde. Beistand gibt Uni-Rektor Franz Häuser: "Wenn die Studierenden mit zahlreichen Aktionen auf die Bildungsmisere aufmerksam machen, Vorlesungen nicht blockieren, sondern gemeinsam mit Hochschullehrern in eine kritische hochschulpolitische Diskussion eintreten, findet das die Zustimmung der Universitätsleitung."

Die Diskussion geht am Donnerstag auf einem "Bildungskonvent" weiter, zu dem auch Vertreter der Landesregierung kommen - und der Bundesregierung. Das ist ein Ergebnis der bislang spektakulärsten Aktion der Studiosi: In der vergangenen Woche blockierten Hunderte den Zugang zum City-Hochhaus, in dem Bundeskanzler Gerhard Schröder vor Journalisten über die Leipziger Olympiabewerbung sprechen wollte.

Der Kanzler "wie im Seminar"

Der Kanzler musste mitsamt Journalisten in ein Hotel umziehen und die Pressekonferenz "unter Bedingungen abhalten, wie wir sie oft in Seminaren erleben: ein überfüllter Raum mit unzureichender technischer Ausstattung", erklärte Diana Schmidt, Sprecherin des Streikkomitees, anschließend erfreut. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn sprach zu den Studenten und sagte Diskussionstermine zu.

Musste ausweichen: Kanzler Schröder mit Fan-Artikel
AP

Musste ausweichen: Kanzler Schröder mit Fan-Artikel

Die Leipziger Protestler mahnen unter anderem eine "bedarfsgerechte Finanzierung" der Unis an, lehnen Studiengebühren ab. Daher fordern sie auch von der sächsischen Landesregierung, die Verfassungsklage zurückzunehmen, die sich gegen das Gebührenverbots für das Erststudium im Hochschulrahmengesetz richtet. Zudem dürfe Freistaat den Studentenwerken nicht wie geplant in den nächsten Jahren Zuschüsse in Höhe von sechs Millionen Euro streichen.

Diesen Forderungen wollen die Studenten am Freitag bei einer Demo vor dem Landtag in Dresden Nachdruck verleihen, möglichst gemeinsam mit vielen Dresdner Kommilitonen. Doch die Landeshauptstadt liegt derzeit im "Tal der Meinungslosen", wie die "Sächsische Zeitung" schrieb. Proteste finden kaum statt, auch wenn der StuRa der Technischen Universität inzwischen wenigstens beschlussfähig ist - Ende 2003, zu Beginn der bundesweiten Protestwelle, sah das noch anders aus.

Das Motivationsproblem aber bleibt. Im Dresdner StuRa blickt man fast neidisch gen Sachsens Westen: "Leipzig hat halt eine andere Streikkultur."

Noch. Nicht umsonst erklärten am Mittwoch gleich mehrere Vertreter des Leipziger Streikkomitees: "Wir machen weiter. Aber irgendwann werden auch wir mal müde."


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