Von Almut Steinecke
Anna und Clemens knien einander gegenüber auf dem Fußboden, schauen sich in die Augen, bekommen einen Lachanfall. Werden wieder ernst. Winkeln gleichzeitig ihre Arme an, als würden sie ihre Hände an eine unsichtbare Fensterscheibe legen. Verengen ihre Augen zu Schlitzen. Bewegen sich in Zeitlupe aufeinander zu, wie zwei Raubtiere, kurz vorm Angriff. Es zuckt in Annas Mundwinkeln.
Das Lachen gluckst aus ihr heraus, auch Clemens fängt wieder an.
Er macht, was Anna macht. Und Anna macht, was Clemens macht, mal gibt der eine den Takt vor, mal der andere. "Spiegeln" nennt man das in der Theatersprache, und die beiden Studenten der Universität Köln gönnen sich heute eine zweistündige Auszeit, um diese Sprache zu lernen. Die Studiobühne Köln, das älteste deutsche Universitätstheater, bietet den vielbeschäftigten Nachwuchsakademikern an, auf diese Weise Lernstress abzubauen und das eigene Körperbewusstsein zu stärken, etwa für mehr Präsenz in der Prüfung. Das wöchentliche zweistündige Angebot im Rahmen des Studium generale ist kostenfrei - und nach Meinung der Initiatoren sinnvoller denn je.
"Wir nehmen die Augen auf Augenhöhe"
Im zunehmend verschulten System verbrächten die angehenden Akademiker immer mehr Zeit am Schreibtisch, sagt Schmid, gerade vor Prüfungen. Er merkt das daran, dass während der heißen Examensphasen weniger Studenten in seine Theaterkurse kommen. "Dabei sind die Workshops gerade vor Prüfungen eine gute Abwechslung, sie helfen, der Aufregung eine Richtung zu geben." Auftritte vor Publikum, verspricht er, also beim Referat und erst recht im Examen, fielen leichter. Was die Geplagten zum Beispiel lernen: Sollten die Gedanken einmal haken, lässt es sich immer noch improvisieren.
An diesem Dienstagnachmittag im Februar ist gerade Prüfungszeit, deshalb sind nur neun Studenten in den Keller der alten Mensa gekommen, in einen hohen Raum mit Gummiboden und Samtvorhängen an den Wänden. Die sieben Frauen und zwei Männer tragen Sportkleidung, dehnbar, bequem. Schmid durchbricht die Stille. "Wir nehmen die Augen auf Augenhöhe", sagt er leise, "wir nehmen wahr, wie wir stehen, wo wir stehen, wir schließen die Augen, wir hören die Geräusche im Raum, wir nehmen unseren Puls wahr, wir spüren dem Puls durch den ganzen Körper nach."
"Macht es leicht, möglichst leicht"
Er fordert die Studenten auf, sich gegenseitig einen Ton, eine Bewegung "zuzuwerfen", da pflanzt sich ein "Ah" fort von einem zum anderen, oder ein Fußtrampeln, wie La Ola, die Welle.
Der Körpereinsatz steigert sich von Übung zu Übung. "Wir werfen uns einen Holzstab zu, nehmt das Gefühl mit von dem Stab, begleitet seinen Flug mit eurem Blick, macht es leicht, möglichst leicht."
Schmid will, dass die Teilnehmer "Bauch und Kopf in Einklang bringen, überflüssige Spannungen wahrnehmen, abbauen, sich so erden und die Konzentration fördern". Das klingt unspektakulär und ein bisschen esoterisch. Funktioniert aber, sagen Schmids Schüler. Caroline Kur, 27, erstes Semester Medizin, fühlt sich nach der Theaterarbeit "irgendwie wacher" im Kopf.
Auch Corinna Harder, 23, siebtes Semester Psychologie, spürt nach eigenem Bekunden, wie sich der Gedankenknoten lockert - sie bringt im Moment viel Zeit über ihren Büchern zu, es nahen Klausur und mündliche Prüfung. "Ich stopfe gerade nur Wissen, Wissen, Wissen in meinen Kopf hinein", sagt Corinna. "Im Actshop kann ich was herauslassen. Danach kann ich viel besser lernen."
Es sei wohltuend, dass es einmal nicht um Richtig oder Falsch gehe, sagt Clemens Hoheisel. Der 28-Jährige studiert im sechsten Semester Medienpsychologie. Hier reagiere niemand negativ auf die Darbietungen, das empfindet Clemens als außergewöhnlich angesichts der allgegenwärtigen Zensuren im Uni-Alltag. "Wir dürfen uns hier in einem geschützten Raum zum Affen machen."
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