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Schavan-Show bei Anne Will: Eimerweise Eigenlob

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In Deutschland protestieren Studenten von Konstanz bis Rostock - doch für die Bildungsministerin wurde der Abend bei "Anne Will" zum Fest. Die Gastgeberin lässt Schavan einen Volltreffer nach dem nächsten landen, niemand gibt der sonnig strahlenden "Annette ohne Land" Kontra.

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NDR

Sonntagnacht, als es sich Anne Will und Gäste in roten Ledersitzschalen im Fernsehstudio in Berlin-Adlershof gemütlich machten, harrten an den Universitäten der Hauptstadt nach wie vor Studenten auf kalten Hörsaalböden aus. Sie halten die Auditorien besetzt, beharrlich und seit Wochen, denn dass sie in den Bachelor-Studiengängen noch das kleinste Modul ihrer 30-Stunden-Woche mit einer Prüfung abschließen müssen und oft nur von der Türe aus oder auf Treppen sitzend Vorlesungen hören, ärgert sie.

Ungemütliche Zeiten für eine Bundesbildungsministerin, sollte man denken, wenn sie sich in ein Fernsehstudio zu einer profilierten Journalistin setzt, die gern "politisch denkt, persönlich fragt", wie es auf der Sendungs-Homepage zu "Anne Will" steht. Sie war obendrein flankiert von dem Studenten Ben Stotz, 27, organisiert bei der Partei "Die Linke" und Planer des Bildungsstreiks in Berlin.

"Gestrig" nannte Annette Schavan (CDU) die Studentenproteste im Sommer, als sie erstmalig aufgeflackert waren, und daran knüpft die Ministerin trotz vorgetäuschtem Verständnis für die Protestierer an: "Studenten haben in jedem Jahrzehnt einmal gestreikt", sagt Schavan. Und in Schavans Gesicht kann man lesen, wie sie den Satz am liebsten fortsetzen würde: Und es hat doch nie etwas gebracht.

Keiner gibt der einsamen Fachfrau Kontra

Schavan ist die einzige Fachfrau in der Runde, in der auch SPD-Urgestein Rudolf Dreßler, 69, sitzt. Er versucht es mit einer Attacke: Dass Studiengebühren unentschiedene Abiturienten vom Studieren abhalten, hatte Dreßler nachgelesen. Stimmt, und das dazugehörige Papier aus Schavans Ministerium soll die Ministerin als Fan der Campusmaut im Sommer zunächst zurückgehalten haben.

Dreßlers Einwand lächelt Schavan weg und kontert mit einer frischen Zahl: "So viele Erstsemester gab's noch nie", sagt die Ministerin mit Blick auf den Erstsemesterrekord 2009 - freilich ohne auf die doppelten Abi-Jahrgänge im Saarland, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hinzuweisen oder zu erklären, warum marode und überfüllte Unis plötzlich solch magische Anziehungskraft auf Studenten haben sollen.

Am meisten krankt Wills Runde daran, dass keiner in der Lage und willens ist, der sonnig strahlenden Ministerin Kontra zu geben. Die schlaue Füchsin Schavan, zehn Jahre Bildungsministerin in Baden-Württemberg und im fünften Jahr Hausherrin mit sehr beschränkten Kompetenzen im Bundesbildungsministerium, freut das ungemein. Zwar hat sie seit der Föderalismusreform die schon zuvor mauen Möglichkeiten ihres Amtes fast vollends eingebüßt, was ihr den spöttelnden Beinamen "Annette ohne Land" eintrug - doch hier bei Will kann sie sagen, was sie will, Widerspruch bleibt mangels Sachkenntnis der Runde aus.

Eimerweise Eigenlob

So preist Schavan das weit von der Realisierung entfernte Stipendiensystem, 300 Euro für die besten zehn Prozent eines Jahrgangs sind für irgendwann geplant, als "Förderung, so gut wie es sie nie gab". Dann verklärt sie die Forschungsmilliarden der Exzellenzinitiative zur großen Bildungsinvestition, obwohl Schavan wie jeder streikende Student und jeder Dozent weiß, dass die für die Studenten wichtige universitäre Lehre darbt wie eh und je. Während Studenten wegen der Bologna-Reformen Krawall schlagen, stellt die Ministerin fest, das Ausland blicke neidisch nach Deutschland, weil "wir mit Bologna schon so weit sind". Im Studio hakt keiner nach, leichtes Spiel für Schavan.

Student Stotz genügt es zu sagen, dass er gegen Studiengebühren ist. Außerdem muss er neben seinem Studium arbeiten, weil er, wie 80 Prozent seiner Kommilitonen, kein Bafög bekommt. Das ist zwar richtig und zeigt, dass tatsächlich nur wenige von der staatlichen Bildungsstütze profitieren, doch Schavan hört nur "Bafög" und sagt "wird bald erhöht".

Als es dann weg von den Studenten und in die Niederungen der frühkindlichen Bildung mit Englischkursen für Zweijährige geht, weiß der alte SPD-Mann Dreßler nicht mehr weiter. "Ich bin weit davon entfernt zu sagen, ich kann das Inhaltliche beurteilen, was hier diskutiert wird", sagt er freimütig. Er gab es wenigstens zu.

60 Minuten Ministerinnen-Show

Fachfrau für Turbo-Kitas mit anspruchsvollem Zwergenunterricht ist Astrid Nelke, ehemals PR-Beraterin der CDU-Organisation Frauen Union, jetzt freiberuflich und Soziologin. Sie hat ihre drei Kinder für viel Geld so viel und so früh wie möglich lernen lassen - und reagiert äußerst gereizt, als Moderatorin Will anmerkt, Eltern wie sie treibe vielleicht nicht so sehr das Kindeswohl, sondern eher die Angst, nicht alles versucht zu haben. "Tagesspiegel"-Journalist und "Zeit"-Kolumnist Harald Martenstein legt noch eins drauf, "Wahnsinn" sei das, Kinder so mit Wissen vollzupumpen. PR-Beraterin Nelke greift irritiert zum Wasserglas, diskutiert wird weiter nicht.

Warum es in der Bildung zugeht wie auf der Autobahn, warum Kinder in "Fast Track"-(Überholspur)-Kitas gehen und Studenten in drei Jahren fertig studieren sollen, will Martenstein von Schavan noch wissen. Niemand müsse wie sie mit 25 in Theologie promovieren, sagt sie, und verwandelt das Schlusswort, das ihr Anne Will überlässt, zum absurden Höhepunkt ihres Auftritts. Schavan, Apologetin des Bezahlstudiums und leistungsabhängiger Stipendien und Verteidigerin des bürokratischen Ungetüms Bologna-Reform, sagt: "Wir haben viel über Strukturen und über Geld geredet, aber nicht über Inhalte." Bildung müsse "Herzensbildung" sein - und dann sind 60 Minuten einsame Ministerin-Show zum Glück vorbei.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
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1. Peinliche Schavan-Show
hänschen klein 30.11.2009
das haben Sie richtig analysiert. Eigentlich eine gute Idee mal Leute einzuladen, die nicht immer da sind. Dumm nur, dass Martenstein zwar gut schreiben aber nicht reden kann. Er scheint eine Tastatur zu benötigen, um seinen Gedankenfluss in Bahnen zu lenken. Eine peinliche PR-Beraterin, ein netter aber grenzseniler SPDler und schliesslich ein heillos übermotivierter Studentenaktivist haben nicht die intellektuellen Möglichkeiten, um Schavans dreister Selbstbeweihräucherung etwas entgegen zu setzen. Kalkül der Redaktion?
2. .
frubi 30.11.2009
Zitat von sysopIn Deutschland protestieren Studenten von Konstanz bis Rostock - doch für die Bildungsministerin wurde der Abend bei "Anne Will" zum Fest. Die Gastgeberin lässt Schavan einen Volltreffer nach dem nächsten landen, niemand gibt der sonnig strahlenden "Annette ohne Land" Kontra. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,664158,00.html
Naja, Frau Will hat zwischendurch schon die ein oder andere kritische Frage gestellt, hat aber dann Frau Schaven mit Nonnsense sich reinwaschen lassen.
3. Was soll's?
guenter_w 30.11.2009
Bei "Anne Will" geht es mir wie es früher bei "Sabine Christiansen" war - noch keine Sendung war sehenswert. Ich habe also nichts verpasst. Früher galt "ein Löw.." als die Zeit die man brauchte, von Gerhard Löwenthal auf ein anderes Programm umzuschalten. Man könnte "ein Will" einführen, käme man nicht zuvor schon auf die Idee seine Zeit nutzvoller zu verwenden.
4. Was will man erwarten
Hovac 30.11.2009
Demonstrationen als gestrig zu bezeichnen zeigt das Demokratieverständnis der Anette(das Recht auf korrekte Anrede hat sie in meinen Augen verloren) ausreichend. Theologen scheinen mir ausserdem nicht gerade als optimale Besetzung, um die höhere Bildung zu diskutieren.
5. Immer nur Lächeln......
KarlKäfer, 30.11.2009
Ich habe abgeschaltet. Was macht das alles für einen Sinn, wenn Fakten einfach negiert und (passiv aggressiv) weggelächelt werden ? Wenn die Protestierenden irgendwann erkennen, dass ihre Sorgen nicht ernst genommen werden, vergeht evtl. auch Schavan & Co das Lächeln.
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