Schavans Plagiatsaffäre: Forschungsministerin im Titelkampf

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Sie schämte sich öffentlich für Guttenberg, jetzt steht sie selbst unter Druck: Annette Schavan hat bei ihrer Dissertation getäuscht, sagt der Uni-Gutachter. Noch ist unklar, ob die Bildungsministerin ihren Doktortitel verliert. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Stationen einer Affäre.

Ministerin Schavan: Schämte sich nicht nur heimlich Zur Großansicht
dapd

Ministerin Schavan: Schämte sich nicht nur heimlich

"Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich." Es ist dieser Satz, den Annette Schavan nicht loswerden und den man in den kommenden Tagen immer wieder zitieren wird. Sie muss sich messen lassen an diesem Satz.

Gesagt hat sie ihn auf dem Höhepunkt der Affäre um ihren damaligen Kabinettskollegen Karl-Theodor zu Guttenberg, in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Angela Merkel hatte ihren Minister zuvor in Schutz genommen, mit einem Satz, den man ihr nachtrug wie man jetzt Schavan ihren Satz nachtragen wird. Die Kanzlerin hatte damals gesagt, sie habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt.

Als Ministerin für Bildung und Forschung wollte Schavan all die wütenden Wissenschaftler besänftigen, die sich aufregten über Merkel und Guttenberg. Schavan sagte, es sei richtig, dass Guttenberg den Doktortitel verliere. Abgekupferte Passagen auf Hunderten Seiten seiner Doktorarbeit seien keine Lappalie. "Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt. Und der Schutz geistigen Eigentums ist ein hohes Gut." Sie schämte sich öffentlich, sie distanzierte sich, der Verteidigungsminister trat schließlich zurück.

Jetzt muss Schavan selbst um ihren Titel bangen. Ein Gutachter der Uni Düsseldorf wirft ihr nach SPIEGEL-Informationen vor, in ihrer Dissertation getäuscht zu haben. In einer vertraulichen Analyse, die dem SPIEGEL vorliegt, schreibt er von einer "leitenden Täuschungsabsicht" und erkennt "das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise". 60 Textstellen auf 351 Seiten beanstandet er, jetzt muss die Fakultät entscheiden, ob Schavan ihren Titel verliert oder behalten darf.

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Schavans Doktorarbeit: "Leitende Täuschungsabsicht"
Was ist seit Guttenberg geschehen? Wie geriet ausgerechnet die Bildungs- und Forschungsministerin auf die andere Seite, wie wurde sie von der Mahnerin zur Verdächtigen? Ihr persönlicher Titelkampf zieht sich nun bereits über drei Runden:

Runde 1: Warum sich plötzlich so viele für Doktorarbeiten interessieren

Nach Guttenberg durchstöbern Plagiatsjäger - und Journalisten - Dutzende Doktorarbeiten, von prominenten und weniger prominenten Autoren. Allein die Aktivisten der Internetseite VroniPlag enttarnten einige Plagiatoren, etwa die FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis.

Aus dem Expertenthema Dissertationen wird eines für den Mainstream. Plötzlich wird diskutiert: Warum promovieren eigentlich Jahr für Jahr 25.000 Menschen in Deutschland, wenn doch nur jeder Zehnte von ihnen in der Wissenschaft bleiben will? Politiker und Spitzenmanager müssen seither damit rechnen, ins Visier der Dokumentaristen zu geraten - immerhin führt jeder fünfte Bundestagsabgeordnete den Doktor im Namen und auch jeder zweite Vorstandsvorsitzende.

Dass auch Schavan in ihrer Promotionsschrift "Person und Gewissen", eingereicht 1980, unsauber gearbeitet hat, kann sich kaum jemand vorstellen. Schavan gibt sich als überzeugte Akademikerin, die sich um den Ruf der Wissenschaft sorgt.

Runde 2: Wie die Plagiatsjäger Schavan ins Visier nehmen

Erste Vorwürfe gegen Schavan tauchen im Netz auf. Auch bei VroniPlag wird der Fall diskutiert, allerdings ohne dass der Name Schavan genannt wird. Die Aktivisten stimmen ab und entscheiden sich mit knapper Mehrheit dagegen, den Fall öffentlich zu machen. Sie sehen die Dissertation der Ministerin als Grenzfall.

Doch ein anonymer Plagiatsjäger, der sich "Robert Schmidt" nennt, startet einen Alleingang. Auf der Seite schavanplag veröffentlicht er die Vorwürfe. Es geht im Wesentlichen darum, dass Schavan an mehreren Stellen eine verbreitete, aber verpönte akademische Abkürzung genommen haben soll: Anstatt sich durch Primärquellen zu quälen, soll sie einfach Zusammenfassungen und Sekundärliteratur genutzt haben, ohne das ausreichend zu kennzeichnen.

Es ist ein heftiger Vorwurf, wenn auch von einer ganz anderen Qualität als das Copy-Paste-Verfahren von Guttenberg. Schavan reagierte und forderte "Schmidt" auf, sich zu erkennen zu geben: "Mit Anonymität kann ich nicht umgehen."

Die meisten Berichte gehen eher in die Richtung: Vielleicht ist es keine perfekte Doktorarbeit, aber absichtliches Plagiieren, das trauen der Ministerin viele nicht zu.

Runde 3: Die Uni prüft, Schavan schweigt

Die Uni Düsseldorf, an der Schavan promovierte, beginnt mit der Prüfung. Es sei sehr aufwendig, die über 30 Jahre alte Arbeit zu checken, heißt es. Viele Quellen seien in der Bibliothek nicht auf Anhieb verfügbar, sondern müssten einzeln bestellt werden. Das nehme viel Zeit in Anspruch.

Schavan will über das Thema nicht mehr öffentlich sprechen, sondern auf die Ergebnisse der Uni warten. Es tauchen auch falsche Vorwürfe auf, zum Beispiel soll Schavan bei sich selbst abgeschrieben haben - ein sogenanntes Eigenplagiat. Das lässt sich nicht halten.

Parallel dazu arbeitet auch "Robert Schmidt" weiter und durchforstet akribisch die Dissertation der Ministerin. Nach fünf Monaten veröffentlicht er seinen Bericht: Demnach habe die Ministerin nicht nur geschludert, sondern betrogen. Die Verstöße seien "in etlichen Fällen nicht entschuldbar".

In den Berichten und im Netz wächst das Misstrauen: Hat Schavan tatsächlich getäuscht? Warum prüft die Uni so lange?

Die nächsten Runden: Wie geht es weiter?

Nachdem das Gutachten des Uni-Prüfers bekannt wird, wehrt sich Schavan und weist jede Täuschungsabsicht "entschieden" zurück. Die Vorwürfe würden sie tief treffen und sehr schmerzen, teilt sie dem SPIEGEL mit.

Es wird darauf ankommen, wie sich die Gremien an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität verhalten. Das für Schavan verheerende Gutachten werden sie nicht ignorieren können. Ob sie aber ebenso urteilen wie der Gutachter, ist unklar. Am Mittwoch will der zuständige Promotionsausschuss tagen. Neben dem Gutachter sitzen im Ausschuss drei weitere Professoren, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und ein Studentenvertreter. Sie geben eine Empfehlung an den Fakultätsrat ab, der dann über eine Aberkennung des Doktortitels zu entscheiden hat.

Wie viele Runden die Ministerin dann noch übersteht, ist offen.

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insgesamt 115 Beiträge
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1. Nicht nur Plagiieren,
nettermensch 14.10.2012
wahrscheinlich hat sie auch eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, die da sinngemäß lautet: ---Zitat--- Hiermit erkläre ich, dass ich diese Arbeit eigenständig verfasst habe und alle wörtlich oder dem Sinn nach aus anderen Quellen übernommenen Passagen als solche gekennzeichnet sind. ---Zitatende--- Kann und darf so jemand weiterhin das Bildungsministerium inne haben ?
2. Wann?
herbyk 14.10.2012
Die Frage ist nicht, ob sie zurücktritt, sondern wann.
3. Ähh, ja, nee, vielleicht
kalle_lutz 14.10.2012
Zitat von nettermenschwahrscheinlich hat sie auch eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, die da sinngemäß lautet: Kann und darf so jemand weiterhin das Bildungsministerium inne haben ?
Ich Balle bei solchen Nachrichten mittlerweile nur noch meine Faust in meiner Hosentasche! Ich hab`s mittlerweile fast geschafft, mich sonst darüber nicht mehr allzu-viel Aufzuregen!
4. Der Voksmund
Pat-Riot 14.10.2012
Zitat von nettermenschwahrscheinlich hat sie auch eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, die da sinngemäß lautet: Kann und darf so jemand weiterhin das Bildungsministerium inne haben ?
nennt die Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung auch Meineid. Haben wir nach dem berühmten "Meineidbauern" (Stück von Anzengruber) nun eine Meineidministerin im Amt? Schwer erträglicher Gedanke.
5.
spon-facebook-10000328156 14.10.2012
Obwohl I. seit mindestens vierzig Jahren feststeht, daß der Doktorgrad, wie alle anderen akademischen Grade kein Bestandteil des Namens ist *), II. daß der meistens mit den zwei Buchstaben Dr genannte Doktorgrad unvollständig angegeben ist und III. daß die einmal vor mehr oder weniger langer Zeit erworbenen Grade keine Garantie sind für besonderes Fachwissen, besondere Leistung, Leistungsbereitschaft und fachspezifische Fähigkeiten sowie Kompetenz jeder Art, wird der Doktorgrad nach wie vor in Institutionen (Bundestag, Landtage, Rundfunk und Fernsehen), Unternehmen, Verlagen, Organisationen, Behörden, Vereinen usw. wie ein Leuchtzeichen vor den Namen in Wort und Schrift gesetzt und damit der Eindruck erweckt, es handele sich bei den Gradträgern jeweils um eine besondere Klasse Mensch. Und diejenigen, die sich dem unbegründeten Anspruch auf Anrede mit dem Titel beugen und damit längst überholte Traditionen pflegen, tun es meistens, weil * sie glauben, es sei wichtig, notwendig, angemessen, höflich und/oder üblich, ** es ihnen an Selbstbewußtsein fehlt und/oder *** sie sich nicht trauen, einen Zopf abzuschneiden, der zwar den Kopf ziert, jedoch nicht dessen Inhalt offenbart. *) Der BGH hat im Jahre 1962 die Auffassung des vorlegenden Oberlandesgerichts (Celle) und des Bayerischen Oberlandesgerichts bestätigt, wonach akademische Grade kein Bestandteil des Namens und auch keine Berufsbezeichnung sind (Entsch. d. BGH, Bd. 38, S. 380 ff.).
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