Doktoranden zur Schavan-Affäre: "Seit Guttenberg sind wir abgestumpfter"

Gegen Guttenberg demonstrierten Tausende Akademiker, im Fall Schavan bleibt die Empörung aus. Im Interview sagt Tobias Bunde, Anführer der Doktoranden-Proteste, warum er und seine Kollegen sich in der aktuellen Affäre zurückhalten - und wie die Plagiatsfälle die Wissenschaft verändert haben.

Annette Schavan: Bildungsministerin im Titelkampf Zur Großansicht
REUTERS

Annette Schavan: Bildungsministerin im Titelkampf

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen Protestbrief an die Bundeskanzlerin geschickt, als sie dem damaligen Minister Karl-Theodor zu Guttenberg Rückendeckung in der Plagiatsaffäre gab. Muss die Bundesregierung nun wieder mit Post von Ihnen rechnen?

Bunde: Nein, erst mal nicht. Bei Schavan liegt die Sache anders. Sie polarisiert nicht so wie Guttenberg, aber vor allem hat sich der Kontext seit der ersten Plagiatsaffäre massiv gewandelt. Die Vorwürfe gegen Guttenberg haben viele als Lappalie abgetan; die Kanzlerin sagte, sie habe keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, die großen Wissenschaftsverbände waren extrem zurückhaltend.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten Angst, er könnte davonkommen?

Bude: Immerhin hat sich auch die Universität Bayreuth davor gedrückt zu klären, ob tatsächlich ein Täuschungsversuch vorlag. Die wollten die Sache schnell vom Tisch haben. Da hatten wir als Doktoranden das Gefühl, das Wort ergreifen zu müssen. Ich glaube nicht, dass die Kanzlerin noch einmal so etwas sagen würde - und die Wissenschaft nimmt die Vorwürfe auch ernst.

SPIEGEL ONLINE: Ein erstes Uni-Gutachten erkennt auch bei Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht".

Bunde: Die Universität sollte eine Gelegenheit bekommen, das aufzuklären und Frau Schavan sollte sich äußern können. Wenn sich die Täuschungsabsicht bestätigt, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie daraus nicht die richtigen Konsequenzen ziehen wird. Es war aber nie unser Ziel, einen Politiker abzuräumen.

SPIEGEL ONLINE: Schavan juckt Sie also nicht besonders?

Bunde: Seit Guttenberg sind wir Doktoranden schon abgestumpfter. Es gab einfach sehr viele Plagiatsaffären. Aber kalt lässt uns auch der Fall Schavan nicht.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin geht es um die Bundesbildungsministerin.

Bunde: Das ist richtig. Es sieht jedoch so aus, als hätte Schavan zwar unsauber gearbeitet und nicht korrekt zitiert, aber Guttenbergs Arbeit war eine Collage aus fremden Ideen, das kann man nicht vergleichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie stecken gerade selbst mitten in Ihrer Doktorarbeit über internationale Politik. Fürchten Sie nach den ganzen Plagiatsfällen, dass man sie jetzt strenger unter die Lupe nimmt?

Bunde: Nein, ich kriege eher Ärger von meinem Doktorvater, weil ich zu viel zitiere. Zehn Fußnoten pro Seite sind ein bisschen viel, sagt er. Das ist wohl Geschmackssache. Aber natürlich darf man keine Fußnoten weglassen, wenn man Gedanken anderer übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Warum nehmen es einige Politiker offenbar nicht so genau mit den Fußnoten?

Bunde: Viele Dissertationen, die sich hinterher als plagiiert herausstellten, wurden nur für den Titel geschrieben. Diese Arbeiten braucht keiner. Der Doktortitel gehört in die Wissenschaft und nicht in den Alltag. Frau Schavan möchte ich da allerdings ausklammern, sie scheint das wissenschaftliche Arbeiten ernst genommen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie lassen sich Plagiate vermeiden?

Bunde: Ein regelmäßiger Austausch, eine gute Betreuung und Kritik untereinander sind der beste Weg. Die Wissenschaft muss sich aber auch noch klarer über ihre Standards werden. Und ein relaxter Umgang mit den zwei Buchstaben vor dem Namen würde ebenfalls helfen.

Das Interview führte Heike Sonnberger

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Und was ist mit dem erhöhten Gehalt nach der Promotion?
sohst 18.10.2012
Bei akademischen Plagiaten geht es nur zur Hälfte um die Ehre. Die andere und häufig wichtigere Hälfte des Interesses der Plagiateure ist die höhere Gehaltseinstufung sowohl im öffentlichen Dienst als auch in vielen Bereich der freien Wirtschaft. In dieser Hinsicht ist die Erschleichung eines Doktorstitels der erste Schritt eines qualifizierten Betrugs.
2. Enttäuscht?
Stelzi 18.10.2012
Irgendwie habe ich da fast einen enttäuschten Unterton bei Frau Sonnberger vernommen, kann das sein? Herr Bunde hat so gar nicht nach Frau Schavans Kopf verlangt - ist ja langweilig!
3. das
ziegenzuechter 18.10.2012
Zitat von sysopGegen Guttenberg demonstrierten Tausende Akademiker, im Fall Schavan bleibt die Empörung aus. Im Interview sagt Tobias Bunde, Anführer der Doktoranden-Proteste, warum er und seine Kollegen sich in der aktuellen Affäre zurückhalten - und wie die Plagiatsfälle die Wissenschaft verändert haben. Schavans Plagiatsaffäre: Doktoranden planen keine Prosteste - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/schavans-plagiatsaffaere-doktoranden-planen-keine-prosteste-a-862017.html)
wundert mich nicht. inzwischen empfindet man es schon als normal, dass wir von betruegern regiert werden.
4.
schnalz 18.10.2012
"Es war aber nie unser Ziel, einen Politiker abzuräumen." "Frau Schavan möchte ich da allerdings ausklammern, sie scheint das wissenschaftliche Arbeiten ernst genommen zu haben." Der Heuchler...
5. Frau Schavan nahm es wohl ziemlich ungenau mit wissenschaftlichem Arbeiten.
Medienkenner 18.10.2012
Herr Bunde disqualifiziert sich selbst, wenn er sagt: "Frau Schavan ... scheint das wissenschaftliche Arbeiten ernst genommen zu haben". Angesichts der von Frau Schavan wörtlich übernommenen und nicht als Zitate gekennzeichneten diversen Textstellen kann von "ernsthaftem wissenschaftlichem Arbeiten" wohl kaum die Rede sein.
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