Hamburg - Der in die Kritik geratene Gutachter zur Dissertation von Bundesbildungsministerin Annette Schavan war offenbar nicht die erste Wahl der Universität Düsseldorf. Als Vorsitzender des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät hatte Stefan Rohrbacher der CDU-Politikerin in einer akribischen Expertise eine "leitende Täuschungsabsicht" attestiert (SPIEGEL 42/2012).
Die Universität erklärte, für die Prüfung sollte "ein Mitglied oder Angehöriger der Universität gewonnen werden". Nach dem Rückzug von Schwarzer sei Rohrbacher beauftragt worden. Es handele sich um ein "übliches Vorgehen".
Schavan wird vorgeworfen, Zitate in ihrer Doktorarbeit nicht hinreichend kenntlich gemacht und dabei bewusst getäuscht zu haben. Die Ministerin bestreitet dies. Der SPIEGEL hatte vorige Woche berichtet, dass es ein internes Papier zu Schavans Doktorarbeit von 1980 gibt, in dem Rohrbacher Schavan eine Täuschungsabsicht unterstellt.
Düsseldorfer Uni-Rektor wehrt sich gegen Vorwürfe
Der Düsseldorfer Uni-Rektor Michael Piper versicherte, die Prüfung des Vorgangs laufe nach den üblichen Regeln ab, und setzte sich gegen Angriffe aus Politik und Wissenschaft zur Wehr. "Weil es um eine verdiente Ministerin geht, sind die Maßstäbe plötzlich andere. Das hat nichts mit wissenschaftlicher Aufklärung zu tun", beklagte Piper in der "Süddeutschen Zeitung".
Der Rektor wandte sich insbesondere gegen Äußerungen von Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), der der Universität Verfahrensfehler vorgeworfen hatte - und Dilettantismus. Piper hob hervor, die Universität habe alles getan, um Rohrbachers Bericht vertraulich zu halten. Zum Beispiel sei dieser nicht elektronisch verschickt, sondern nur in Papierform persönlich übergeben worden, um die Verbreitung zu erschweren: "Wir sind bestohlen worden." Die Universität hat wegen der Verbreitung und Veröffentlichung des Gutachtens Anzeige gegen unbekannt erstattet.
Über den Stand des Verfahrens in der Affäre schweigt die Uni Düsseldorf derzeit. Ohne das Einverständnis der Politikerin dürfe man keine weitere Auskunft geben, hatte Piper unter Verweis auf Schavans Anwälte gesagt.
Einer Emnid-Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" zufolge sprechen sich 59 Prozent der Bundesbürger für einen Rücktritt Schavans als Ministerin aus, sollte ihr der Doktortitel aberkannt werden. 34 Prozent halten das nicht für notwendig. Selbst die Mehrheit der Unionsanhänger (54 Prozent) hält in diesem Fall den Rücktritt für geboten. Allerdings glauben 43 Prozent der Befragten Schavans Aussage, sie habe nicht bewusst getäuscht.
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© DER SPIEGEL 43/2012
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