Schavan zur Plagiatsaffäre: "Ich werde kämpfen"

Von Jan Friedmann und

Annette Schavan wehrt sich gegen die Plagiatsvorwürfe. Am Nachmittag berät der Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf über einen möglichen Titelentzug. Eine missliche Lage für die Prüfer: Entweder sie entscheiden gegen den eigenen Gutachter - oder sie bringen eine Ministerin zu Fall.

Die Vorwürfe treffen sie und sie verfolgen sie, doch sie macht weiter wie geplant. Bloß keine Schwäche zeigen jetzt. Annette Schavan ist nach Israel gereist, trotzt Plagiatsaffäre, und spricht über deutsch-israelische Forschungszentren, deren Arbeit sich beschäftigen wird mit dem Thema "Leben unter extremen Bedingungen".

Sie selbst betreibt gerade Politik unter verschärften Bedingungen, sie muss die Plagiatsvorwürfe aus der Welt schaffen, um ihr Ministeramt zu retten. Und sie gibt sich entschlossen, auch im Ausland: "Ich werde kämpfen. Das bin ich mir schuldig, und das bin ich der Wissenschaft schuldig", sagte sie in Jerusalem.

Mehr allerdings wollte sie erst einmal nicht sagen, sondern das weitere Prüfungsverfahren abwarten. Denn an diesem Mittwochnachmittag tagt an ihrer alten Uni in Düsseldorf der zuständige Promotionsausschuss, um über jenes Gutachten zu beraten, das der Ministerin "eine leitende Täuschungsabsicht" in ihrer Arbeit vorwirft.

Die Uni steht dabei unter Druck: Sowohl aus der Wissenschaft als auch aus der Union kommt heftige Kritik, zuletzt kritisierte Fraktionschef Volker Kauder "schwere Verfahrensfehler" an der Hochschule, so zitiert ihn die "Mitteldeutsche Zeitung". Ähnlich klang das auch bei anderen CDU-Politikern in den letzten Tagen. Die SPD hingegen geht in die Offensive: Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann sagte, Schavan solle sich überlegen, ob "sie von sich aus zurücktritt und Deutschland diese Debatte erspart". Die Ministerin habe zwar Anspruch auf ein "faires, korrektes Verfahren", allerdings sei sie als Bildungs- und Forschungsministerin "irreparabel beschädigt". Die Israel-Reise der Ministerin bezeichnete Oppermann als "Abschiedsreise".

Es ist offen, ob Schavan diese Affäre überstehen wird. Die Mitglieder des Promotionsausschusses werden sich in jedem Fall mit Kritik auseinandersetzen müssen: Wenn sie in ihrer Beurteilung von Schavans Doktorarbeit dem Gutachter Rohrbacher folgen, wird ihnen vorgeworfen werden, dass sie ein überhartes Exempel statuieren wollen. Überhart gerade deshalb, weil es sich bei der Autorin der Dissertation um eine prominente Politikerin handelt. Wenn sie zu einem milderen Schluss kommen, wird es heißen, sie seien eingeknickt vor dem Druck aus Politik und Wissenschaft. Gleichzeitig würde die Tätigkeit des eigenen Vorsitzenden konterkariert, der selbst die Arbeit über Monate akribisch geprüft hat.

Eigentlich lässt die von Rohrbacher konstatierte "leitende Täuschungsabsicht" nicht viel Spielraum. Sein Befund ist klar: Die Arbeit weise "das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise" auf. Plagiat hieße: Der Titel ist weg.

"Hier geht es um die Entziehung von Lebenschancen"

Sollte der Promotionsausschuss schon jetzt ein Votum abgeben, dann ist der weitere Weg vorgezeichnet: Die Sache Schavan geht dann in den Fakultätsrat, jenes Gremium, welches über die Aberkennung entscheidet. In ihm sitzt eine größere Zahl von Mitgliedern, einige sind schon im Promotionsausschuss vertreten. Die Uni hat aber angekündigt, zunächst Schavan die Möglichkeit zur Stellungnahme einzuräumen.

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Schavans Doktorarbeit: Hochschule in der Zwickmühle
Formal müssen die zuständigen Gremien nur zu einem Mehrheitsvotum kommen. Ein knapper Entscheid würde allerdings legitimatorische Probleme aufwerfen, sagt Wolfgang Löwer, Professor für Öffentliches Recht in Bonn und Ombudsmann bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). "Hier geht es um die Entziehung von Lebenschancen", sagt Löwer. "Da muss man gut nachdenken."

An der Universität Bonn zum Beispiel bestätigte im Frühjahr der Fakultätsrat einstimmig den vorherigen Beschluss des Promotionsausschusses, der FDP-Beraterin Margarita Mathiopoulos den Doktortitel zu entziehen, wogegen sich Mathiopoulos wehrt. Auch im Falle von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) entzog dessen Fakultät an der Universität Bayreuth den Titel einstimmig. Niedersachsens Kultusminister Althusmann (CDU) durfte hingegen einen Titel behalten. Die Kommission an der Universität Potsdam kam einstimmig zu dem Beschluss, dass trotz erheblicher Mängel eine Täuschung nicht vorliege.

Doch was Potsdam für richtig hält, muss für Düsseldorf noch nichts heißen, jede Arbeit ist ein Einzelfall. Die Hochschulen sind unabhängig voneinander, selbst an einer Universität können in unterschiedlichen Fachbereichen abweichende Auffassungen gelten. Die Mitglieder des Promotionsausschusses müssen nach den Regeln urteilen, die für ihre eigene Fakultät gelten, sie sind nur den Maßstäben sauberen wissenschaftlichen Arbeitens verpflichtet. Sie haben über einen Text zu befinden, nicht über das ganze Drumherum.

Es ist aber gut möglich, dass die zuständigen Gremien erst einmal Zeit gewinnen wollen. Diese könnte genutzt werden, um weitere Gutachten einzuholen und Schavan anzuhören. Dann würde die Hängepartie allerdings noch Wochen, womöglich Monate dauern. Für alle Beteiligten eine schwere Bürde, aber womöglich das geringste unter allen Übeln.

Mit Material von dpa und dapd

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1.
niska 17.10.2012
Zitat von sysopAnnette Schavan wehrt sich gegen die Plagiatsvorwürfe. Am Nachmittag berät der Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf über einen möglichen Titelentzug. Eine misslichen Lage für die Prüfer: Entweder sie entscheiden gegen den eigenen Gutachter - oder sie bringen eine Ministerin zu Fall. Schavans Plagiatsaffäre: Promotionsausschuss tagt an Uni Düsseldorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/schavans-plagiatsaffaere-promotionsausschuss-tagt-an-uni-duesseldorf-a-861723.html)
Christdemokratische Theologen komplett ohne Unrechtsbewusstsein. Einfach immer wieder schön, wenn Realität und Anspruch so weit auseinanderklaffen, dass das ganze Auftreten zur Realsatire wird.
2. Was soll das heißen?
gottgegenuns 17.10.2012
"Hier geht es um die Entziehung von Lebenschancen" Was soll das heißen? Wer lange genug nicht erwischt wird und damit weit genug gekommen ist, sollte belassen werden, wo er ist? Das ist dann das Ende jeder Objektivität. Allenfalls kann man noch gelten lassen, dass die deutsche "Titelgläubigkeit" Ursache für manche überflüssige Promotion ist. Wer diese indes auch noch abschreibt oder schreiben läßt, sollte auf jeden Fall rausfliegen.
3. Die...
vincent1958 17.10.2012
Zitat von sysopAnnette Schavan wehrt sich gegen die Plagiatsvorwürfe. Am Nachmittag berät der Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf über einen möglichen Titelentzug. Eine misslichen Lage für die Prüfer: Entweder sie entscheiden gegen den eigenen Gutachter - oder sie bringen eine Ministerin zu Fall. Schavans Plagiatsaffäre: Promotionsausschuss tagt an Uni Düsseldorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/schavans-plagiatsaffaere-promotionsausschuss-tagt-an-uni-duesseldorf-a-861723.html)
..Aberkennung eines Dr.Titels ist die "Entziehung von Lebenschancen"!!Welch eine zynische Aussage in Zeiten von Kinderarmut,Geringverdiensten,Altersarmut etc....diese Damen und Herren haben jedes Mass für die Realität verloren...!
4. Unschuldsvermutung
lordofaiur 17.10.2012
Zitat von sysopAnnette Schavan wehrt sich gegen die Plagiatsvorwürfe. Am Nachmittag berät der Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf über einen möglichen Titelentzug. Eine misslichen Lage für die Prüfer: Entweder sie entscheiden gegen den eigenen Gutachter - oder sie bringen eine Ministerin zu Fall. Schavans Plagiatsaffäre: Promotionsausschuss tagt an Uni Düsseldorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/schavans-plagiatsaffaere-promotionsausschuss-tagt-an-uni-duesseldorf-a-861723.html)
Welches Rechtsverständnis hat der SPD-Mann und Jurist Oppermann denn? Kann jemand einfach irgendetwas behaupten und der Angeschuldigte ist irreparabel geschädigt? Ich dachte es gilt bei uns die Unschuldsvermutung. Ohne das abschließende Ergebnis der Universität hat Schavan eine reine Weste. Schon komisch was in unserem Land da abläuft. Es werden 30 Jahre alte Doktorarbeiten überprüft. Wem nützt das nur? Ein Schelm wer Böses denkt. Da scheint Methode dahinterzustecken.
5. http://schavanplag.wordpress.com
sandzank 17.10.2012
schaut einfach unter eindeutige Plagiate - wer sich die "Bauernopfer" durchliest, dem läufts kalt den Rücken runter. Shavans Doktortitel ist keiner, denn ein Plagiat reicht bereits für einen Täuschungsversuch!!!!!!
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