Von Christine Prußky
Nein, das will Wolfgang Marquardt nicht beantworten. Was ihm als Allererstes durch den Kopf schoss, als er an jenem Oktobertag die Zeitung zur Hand nahm und las, was sich da ereignet hatte an der Universität Düsseldorf. Ein vertrauliches Papier, gerichtet an die 15 Mitglieder des Promotionsausschusses, ist im Untersuchungsverfahren zum Plagiatsverdacht gegen Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan an die Medien gelangt. Von einer "plagiierenden Vorgehensweise" soll darin die Rede sein und von einer "leitenden Täuschungsabsicht".
Ein brisanter Fall. Der lässt sich nicht leicht kommentieren. Vor allem, wenn man wie Professor Dr. Wolfgang Marquardt gerade Vorsitzender des Wissenschaftsrats ist, Deutschlands wichtigstem forschungspolitischem Beratungsgremium. In dem Amt ist er so etwas wie der Chefdiplomat der Wissenschaft im politischen Berlin. Er muss seine Worte gut wägen. Und so nutzt Wolfgang Marquardt schließlich einen Begriff, zu dem in jenen Oktobertagen viele greifen: "irritiert". Ja, das sei er gewesen.
Wie Plagiatsjäger der Wissenschaft auf die Sprünge helfen
"Nur wenn die Wissenschaft das Vertrauen in ihre Qualitäts- und Bewertungsmaßstäbe rechtfertigt, kann sie die für sie notwendige Freiheit gegen den Anspruch auf eine stärkere, externe Kontrolle und Standardbildung verteidigen", heißt es gestelzt im Positionspapier zur Qualitätssicherung der Promotion. Vor ziemlich genau einem Jahr vom Wissenschaftsrat als Reaktion auf den Plagiatsfall Guttenberg verabschiedet, trägt das Papier streckenweise den Charakter eines Mahnschreibens: "Jedes Versagen der internen Qualitätssicherung schadet nicht nur den im Einzelfall betroffenen Gutachtern und der Fakultät, sondern schadet der Wissenschaft insgesamt, da es einen Vertrauensverlust bewirkt, der langfristig die Autonomie der Begutachtungsprozesse bedroht." Das trifft den Nerv der Wissenschaft. Einen Nerv, den die Plagiatejäger mit jedem einzelnen Fall ein Stück weiter freilegten.
Seitdem herrscht gespannte Stille: Wie fällt die Entscheidung aus? Schavan bestreitet die Vorwürfe und will um den Doktortitel kämpfen. "Das bin ich mir schuldig, und das bin ich der Wissenschaft schuldig", erklärte sie Mitte Oktober. Sollte ihr die Fakultät den Doktortitel entziehen, hätte sie die Möglichkeit, vor dem Verwaltungsgericht dagegen zu klagen.
Brauchen Unis externe Gutachter zur Plagiatserkennung?
"Was wir hier haben, ist ein hochprominenter Fall mit einer grenzwertigen Arbeit", sagt der Bonner Jurist und Plagiatsexperte Prof. Dr. Wolfgang Löwer und mahnt zur Gelassenheit und Besinnung auf das wissenschaftliche Handwerk: "Eine Universität sollte keine externen Gutachter benötigen, um ein Plagiat festzustellen. Das kann sie selbst. Ist sie wegen widerstreitender wissenschaftlicher Meinung nicht dazu in der Lage, kann sie den Titel nicht entziehen. Damit die Entscheidung bei der Überprüfung vor Gericht Bestand hat, muss sie wissenschaftlich hinreichend und eindeutig belegt sein."
Dass genau das im Verfahren Schavan nach dem Bekanntwerden des Sachstandsberichts noch möglich ist, bezweifelt Prof. Dr. Max Emanuel Geis, Staatsrechtler an der Universität Erlangen. Anders als sein Bonner Kollege hält Geis sehr wohl einen Neustart für geboten.
Danach sieht es jedoch nicht aus. "Unsere Prüfung läuft nach den üblichen Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis", erklärte Piper im Interview der "Süddeutschen Zeitung" und wies damit auch Vorwürfe von CDU-Generalsekretär Volker Kauder zurück. "Die Art und Weise, wie mit Frau Schavan umgegangen wird, ist ein Armutszeugnis für eine deutsche Universität", sagte Kauder nicht zuletzt zum Ärger des Deutschen Hochschulverbands mit seinen rund 27.000 Professoren.
"Kritikwürdig und ungerechtfertigt"
"Die Universität Düsseldorf ist Herrin des Verfahrens. Kritikwürdig ist nicht der Umgang der Universität mit dem Plagiatsfall Schavan, kritikwürdig sind vielmehr sachlich ungerechtfertigte Einwände und Verfahrensempfehlungen aus Politik und Teilen der Wissenschaft, die im laufenden Verfahren den Respekt gegenüber der Universität Düsseldorf vermissen lassen", erklärte Verbandspräsident Prof. Dr. Bernhard Kempen via Pressemitteilung und mahnte alle Beteiligten, ihre Worte im Plagiatsfall Schavan sorgfältig zu wägen. "Sich ihre Verantwortung bewusst zu machen", forderte Anfang November auch der Vorsitzende Philosophischen Fakultätentags, Prof. Dr. Tassilo Schmitt von den Wissenschaftsfunktionären. "Interessegeleitete und unsachliche Stellungnahmen sowie ungerechtfertigte Beschuldigungen" seien zu unterlassen. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch was darf in der Wissenschaft als selbstverständlich vorausgesetzt werden, wenn sich Professoren einer Disziplin öffentlich darüber streiten müssen, worin ein Plagiat zu sehen ist?
"Die Frage, was ein Plagiat ist und was nicht, ist nicht genau beantwortet", sagt der Bamberger Wirtschaftwissenschaftler Prof. Dr. Johann Engelhard. Die dazu nötige Debatte hat er als Dekan und Mitglied der Universitätsleitung an seiner Hochschule schon geführt. Was auf lokaler Ebene gelingen mag, gerät auf Bundesebene zum Mammutwerk. Die Erfahrung jedenfalls machte Engelhard im Allgemeinen Fakultätentag (AFT), dem er als Vorsitzender des Fakultätentages für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angehört. Und doch bleibt er dabei: "Die Verständigung darauf, wann der Sachverhalt eines Plagiats im jeweiligen Fach gegeben ist, muss erfolgen."
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