Umstrittene Doktorarbeit: Mutmaßliche Plagiatsopfer entlasten Schavan

"Viel zu unwichtig" und "verzeihbar": Annette Schavan soll sich in ihrer Doktorarbeit bei anderen Autoren bedient haben, ohne es kenntlich zu machen. Doch die mutmaßlichen Plagiatsopfer zeigen sich gelassen.

Plagiatsopfer über den Fall Annette Schavan: "Das ist mir viel zu unwichtig" Zur Großansicht
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Plagiatsopfer über den Fall Annette Schavan: "Das ist mir viel zu unwichtig"

Mögliche Plagiatsopfer entlasten Annette Schavan: So wollen Autoren, bei denen die Bildungsministerin in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben soll, nicht gegen die Politikerin vorgehen. Der Schweizer Erziehungswissenschaftler Fritz Oser, 75, sagte der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"): "Ich fühle mich nicht plagiiert - und nicht beschädigt."

Der emeritierte Professor sprach zwar von Fehlern in der Dissertation von 1980, die Übernahmen aus einem seiner Bücher sei "unsauber gemacht". Er werde aber sicher nicht rechtlich gegen Frau Schavan vorgehen. "Das ist mir viel zu unwichtig - und dazu habe ich auch gar keine Zeit." Schavan solle auch "um Gottes Willen" nicht der Titel entzogen werden, zitiert ihn die "SZ".

Der Psychologe Ernst Stadter ließ der Zeitung mitteilen: "Wenn jemand einen Fehler macht und dazu steht, dann ist es verzeihbar. Wenn sie aber nicht dazu steht, dann muss sie darauf hingewiesen werden." Schavan hatte Passagen von Stadter übernommen, ohne ihn zu erwähnen. Auch er plane aber keine weiteren Schritte gegen die Ministerin.

Vor zehn Tagen war ein vertraulicher Untersuchungsbericht der Universität Düsseldorf bekannt geworden. Er wirft Schavan vor, in der Dissertation Textpassagen unsauber übernommen sowie Zitate nicht deutlich kenntlich gemacht zu haben. Der Gutachter spricht von einer "leitenden Täuschungsabsicht". Die Ministerin bestreitet dies.

Viele der Autoren, mit deren Zitaten Schavan unsauber umgegangen sein soll, sind inzwischen verstorben. Die Gelassenheit der noch lebenden Beschädigten verhindert noch mehr Wirbel um die Affäre. Wobei strafrechtliche Vorwürfe im Fall Schavan ohnehin längst verjährt wären.

Anders im Plagiatsfall Guttenberg: Damals waren bei der Staatsanwaltschaft 199 Strafanzeigen eingegangen. Eine der Anzeigen war von einer Autorin gestellt worden, von der Guttenberg abgeschrieben hatte. Das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Urheberrechtsverletzung wurde später eingestellt - gegen eine Zahlung von 20.000 Euro an die Deutsche Kinderkrebshilfe.

Über den Stand des Verfahrens in der Schavan-Affäre schweigt die Uni Düsseldorf derzeit. Ohne das Einverständnis der Politikerin dürfe man keine weitere Auskunft geben, hatte der Uni-Rektor Michael Piper unter Verweis auf Schavans Anwälte gesagt.

lgr/dapd

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insgesamt 74 Beiträge
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1. Entlasten?
snark 24.10.2012
Was heißt hier, die "Plagiatsopfer" "entlasten" Schavan? Dass sie keine rechtlichen Schritte einleiten wollen, ist verständlich -- das wäre ja auch reichlich albern. Das eigentliche Opfer in dieser Affäre ist die gute wissenschaftliche Praxis. Für die Frage, ob Schavan dagegen verstoßen hat, sind privatrechtliche Klagen völlig irrelevant. Dass sie dagegen verstoßen hat, sagt ja auch Oser ("unsauber gemacht") -- ob der Verstoß so gravierend ist, dass deswegen der Titel entzogen werden muss, hat der betroffene Promotionsausschuss zu entscheiden.
2. Irre !
Surgeon_ 24.10.2012
Stecken die Plagitasopfer mit der Betrügerin unter einer Decke ?? Selbst wenn der Fall nicht so schlimm wie die anderen von Koch-Mehrin, Guttenberg und Co. ist, ist er dennoch so wichtig, da auch dadurch alle hart arbeitenden ehrlichen Doktoranden beschädigt werden ! Und dann bei einer Ministerin ! Hier sind besondere Maßstäbe anzulegen ! Daher ist ! der Frau der Titel mit allen Konsequenzen auch beruflich abzuerkennen !!
3. Entlasten??????
fatherted98 24.10.2012
...was hat das mit Entlastung zu tun. Wenn ich jemanden etwas wegnehme und er mich nicht verklagt ist es immer noch Diebstahl...oder was ist das für ein neues Rechtsempfinden bei SPON?
4. Entscheidend ist doch, das sie getäuscht hat....
zensorsliebling 24.10.2012
Es ging doch nie um Urheberrechte. Ein Doktorand muss, jedenfalls an einer anständigen Hochschule, eine Ehrenerklärung abgeben. Deren Kern ist, dass keine anderen als die kenntlich gemachten Hilfsmittel und Quellen zur Erstellung der Arbeit verwendet wurden. Auf diesen Füßen steht die Arbeit und damit der Titel. Aber vielleicht war es bei Schavan anders. Sie wurde ja offensichtlich zur Promotion zugelassen, obwohl sie keine regulären Abschluß erzielt hatte. Vielleicht brauchte Sie auch keine Ehrenerklärung abzugeben. Warum jetzt plötzlich über Urheberrechte diskutiert wird, verstehe ich nicht.
5. so
martin-z. 24.10.2012
Zitat von snarkWas heißt hier, die "Plagiatsopfer" "entlasten" Schavan? Dass sie keine rechtlichen Schritte einleiten wollen, ist verständlich -- das wäre ja auch reichlich albern. Das eigentliche Opfer in dieser Affäre ist die gute wissenschaftliche Praxis. Für die Frage, ob Schavan dagegen verstoßen hat, sind privatrechtliche Klagen völlig irrelevant. Dass sie dagegen verstoßen hat, sagt ja auch Oser ("unsauber gemacht") -- ob der Verstoß so gravierend ist, dass deswegen der Titel entzogen werden muss, hat der betroffene Promotionsausschuss zu entscheiden.
sehe ich das auch. wäre ja auch noch schöner, wenn sie deshalb aus dem schneider wäre. die frau hat auf ihrem posten nichts zu suchen. egal ob sie ihren titel verliert oder nicht. sie hat unsauber gearbeitet und betrogen also kann sie nicht ausgerechnet bildunsministerin sein.
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