Gerade noch entziffern lässt sich "illegale Transaktionen in der Hinterstube". Aber was mag der Satz darunter bedeuten? Und die Literaturangabe? Ich sollte mir eine bessere Handschrift angewöhnen. Oder auf technische Hilfe vertrauen - zum Beispiel auf den Smartpen.
Davon habe ich kürzlich auf einer Zugfahrt gehört. Am Nachbartisch saßen zwei Nerds, die über ihre eReader ins Gespräch gekommen waren. Sie redeten von einem Stift, der zugleich Diktiergerät ist, von Spezialpapier und Schrifterkennung. Der eine: "Ich wundere mich, dass die Dinger in Deutschland noch nicht weiter verbreitet sind." Der andere: "Es ist halt blöd, dass es das Papier hier noch nicht zu kaufen gibt. Bei meiner letzten USA-Reise habe ich mir einen ganzen Koffer voller Blöcke mitgebracht."
Erster Eindruck: Liegt angenehm in der Hand - aber was kann der Stift?
Stift mit Aufnahmefunktion? Spezialpapier? Eine Internetrecherche, einige Mails und Telefonate später liegt ein Smartpen vom Hersteller Livescribe mit 2 Gigabyte Speicher auf meinem Schreibtisch. In der geringsten Tonqualität reicht das für etwa 200 Stunden Aufnahmen. Der "Smartpen Pulse" wirkt auf den ersten Blick unscheinbar: Der fingerdicke Stift schreibt wie ein ganz normaler Kugelschreiber, liegt angenehm in der Hand. Ein kleines Display zeigt die Uhrzeit an, sobald man den Stift einschaltet.
Doch wie funktioniert das System nun genau? Das Geheimnis ist das spezielle Schreibpapier: Es ist mit winzigen Punkten übersät, damit orientiert sich eine unterhalb der Kugelschreibermine installierte Infrarotkamera auf dem Blatt. Weil jedes Blatt anders gemustert ist, weiß der Stift zudem, auf welcher Seite gerade geschrieben wird. Mit bloßem Auge und normalem Leseabstand sind die Punkte kaum zu erkennen, insofern stören sie auch nicht.

Am unteren Ende jedes Blattes sind die Bedienungsfelder aufgedruckt. Hier lässt sich auch die Audio-Aufnahme starten: Das Feld "record" mit der Kulispitze antippen, ein kurzer Signalton, und die Tonaufzeichnung beginnt. Jedes gesprochene Wort und jedes Geräusch wird jetzt mit den Notizen zeitlich verknüpft.
Das kann ungemein helfen, wenn man einen Abschnitt beim Nachlesen nicht mehr zuordnen kann: Einfach den Stift wieder einschalten, die Stelle im Text mit der Mine kurz antippen - schon spielt der integrierte Lautsprecher die Tonaufnahme genau an der Stelle ab, an der die Notiz aufgeschrieben wurde. Wer Aufzeichnungen diskret abhören möchte, kann einen Kopfhörer anschließen.
Gutes Gerät mit kleinen Tücken
Zum Archivieren verbindet man den Hightech-Kuli mit einem Computer. Den Job erledigt die dem Set beiliegende Docking-Station; die im Paket enthaltene Software (läuft auf PC und Mac) digitalisiert alle Seiten des Blockes. So lassen sich Notizen beliebig oft vervielfältigen oder als PDF speichern. Die Tonaufnahmen können auch als eigene Dateien abgespeichert werden, in guter Qualität, wenn auch nicht radiotauglich.
Drei Haken hat der Smartpen:
Da ist zunächst einmal ein rechtliches Problem: Das nichtöffentlich gesprochene Wort ist in Deutschland strafrechtlich geschützt, außerdem besitzt der Redner ein Urheberrecht an seinen Worten. "Ob eine Vorlesung öffentlich ist oder nicht, darüber kann man streiten", sagt Sibylle Gierschmann, Lehrbeauftragte für Medienrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Aber schon aus Gründen der Höflichkeit sollte man den Dozenten darüber informieren, dass man seine Lehrveranstaltung aufzeichnet." Und in der kleinen Gruppe eines Seminars sollte man auch seinen Kommilitonen Bescheid geben, wenn man den Smartpen benutzt.
Der zweite Haken ist der Preis: Immerhin rund 150 Euro kostet das Smartpen-Einstiegsmodell. Hinzu kommt das teure Spezialpapier. Vier Blöcke à 100 Blätter kosten rund zwischen 20 und 30 Euro, zwei gebundene Notizbücher mit 100 Blättern gibt es ab 25 Euro, fünf Ersatzminen schlagen mit 6 bis 10 Euro zu Buche. Zwar kann man mit Hilfe der Software alternativ selbst die kleinen Orientierungspunkte auf gewöhnliches Schreibpapier drucken. Aber das ist nervig und auch kaum günstiger - zumindest wenn man einen Tintenstrahldrucker mit Original-Herstellerpatrone benutzt.
Und schließlich: Die handschriftlichen Notizen lassen sich laut Herstellerangaben in ein Word-Dokument umwandeln. Dazu muss man allerdings die Handschriftenerkennung-Software MyScript für 30 Euro hinzukaufen. Die ist lernfähig, aber an meiner Sauklaue scheitert sie dennoch allzu oft. Da geht Abtippen oft schneller.
Fazit: Die beiden Technik-Nerds im Zug hatten Recht. Der Stift ist für Vorlesungen, Seminare und Gesprächsnotizen wirklich genial. Die Schreibblocks sind allerdings ein Vielfaches teurer als die aus Normalpapier. Nur in einem irrten meine Mitreisenden: Man muss nicht mehr in die USA fliegen, um sich das Spezialpapier zu kaufen. Mittlerweile gibt es den Smartpen samt Zubehör auch in Deutschland.
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