Schlauer Stift: Los, erkenn' meine Sauklaue!

Bei Vorlesungen mitschreiben und sie zugleich akustisch aufzeichnen, mit einem neuen Gerät, kaum größer als ein normaler Kugelschreiber - klingt hilfreich fürs Studentenleben. Funktioniert das wirklich? Matthias Thiele ließ sich zum Praxistest anstiften und nahm den "Smartpen" mit in den Hörsaal.

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Smartpen: Was kann der schlaue Stift?
Verdammt, irgendwo muss der Zettel doch sein. "Volksmeinung im NS-Staat", Übung, Wintersemester. Die Ordner im Regal sind natürlich noch immer nicht beschriftet. Nach einer Viertelstunde Blättern die erste Spur: ein Thesenblatt der fünften Sitzung, "Tausch und Schwarzhandel am Ende des Zweiten Weltkrieges". Da ist der Zettel!

Gerade noch entziffern lässt sich "illegale Transaktionen in der Hinterstube". Aber was mag der Satz darunter bedeuten? Und die Literaturangabe? Ich sollte mir eine bessere Handschrift angewöhnen. Oder auf technische Hilfe vertrauen - zum Beispiel auf den Smartpen.

Davon habe ich kürzlich auf einer Zugfahrt gehört. Am Nachbartisch saßen zwei Nerds, die über ihre eReader ins Gespräch gekommen waren. Sie redeten von einem Stift, der zugleich Diktiergerät ist, von Spezialpapier und Schrifterkennung. Der eine: "Ich wundere mich, dass die Dinger in Deutschland noch nicht weiter verbreitet sind." Der andere: "Es ist halt blöd, dass es das Papier hier noch nicht zu kaufen gibt. Bei meiner letzten USA-Reise habe ich mir einen ganzen Koffer voller Blöcke mitgebracht."

Erster Eindruck: Liegt angenehm in der Hand - aber was kann der Stift?

Stift mit Aufnahmefunktion? Spezialpapier? Eine Internetrecherche, einige Mails und Telefonate später liegt ein Smartpen vom Hersteller Livescribe mit 2 Gigabyte Speicher auf meinem Schreibtisch. In der geringsten Tonqualität reicht das für etwa 200 Stunden Aufnahmen. Der "Smartpen Pulse" wirkt auf den ersten Blick unscheinbar: Der fingerdicke Stift schreibt wie ein ganz normaler Kugelschreiber, liegt angenehm in der Hand. Ein kleines Display zeigt die Uhrzeit an, sobald man den Stift einschaltet.

Doch wie funktioniert das System nun genau? Das Geheimnis ist das spezielle Schreibpapier: Es ist mit winzigen Punkten übersät, damit orientiert sich eine unterhalb der Kugelschreibermine installierte Infrarotkamera auf dem Blatt. Weil jedes Blatt anders gemustert ist, weiß der Stift zudem, auf welcher Seite gerade geschrieben wird. Mit bloßem Auge und normalem Leseabstand sind die Punkte kaum zu erkennen, insofern stören sie auch nicht.

Digitale Notizblöcke - Alternativen zum Smartpen
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dpa
Nie wieder Notizen abtippen - das versprechen auch andere Hersteller digitaler Notizblöcke. Und für Studenten, die emsig in Vorlesungen und Seminaren mitschreiben, ist das ziemlich verlockend: drei weitere Geräte (ohne Tonaufzeichnungs-Funktion) im Kurztest.
Mit Normalpapier: General Keys Mobile Pro
Pearl
Mit Normalpapier und ohne spezielle Unterlage kommt das billigste der getesteten Geräte aus. Man klemmt ein feuerzeuggroßes Kästchen an der oberen Ecke des Blattes fest, auf das man seine Notizen schreiben möchte. Der Spezialkugelschreiber liegt angenehm in der Hand, das Gerät digitalisiert das Geschriebene zuverlässig.

Nervig allerdings: Beginnt man eine neue Seite, ist es ein ziemliches Gefummel, bis der Empfänger fixiert ist. Das ist schon am Schreibtisch zeitraubend und ganz sicher nichts für Leute, die in einem überfüllten Vorlesungssaal auf der Fensterbank sitzen und mitschreiben. MyScript liegt bei, allerdings ist der Mobile Pro nur etwas für Windows-Nutzer. Preis: 69,95 Euro.
Vier in einem: Aiptek MyNote Premium II
Aiptek
Der MyNote Premium II vereint vier Funktionen in einem Gerät: digitaler Schreibblock, Tablet, Datenspeicher und Kartenlesegerät. Geliefert wird er in einem passenden Etui, die Verarbeitung ist hochwertig.

Als digitaler Notizblock funktioniert das Gerät mit Normalpapier. Die Schreibunterlage speichert die Bewegungen des Spezialstiftes, der allerdings nicht sehr gut in der Hand liegt; die Mine gleitet nicht sonderlich flüssig übers Papier.

Wer das Gerät als Grafiktablett benutzen möchte, tauscht sie gegen eine Plastikmine aus; das geht sehr einfach. MyScript liegt bei, die Software funktioniert aber ebenso wie der Treiber nur unter Windows. Auf den eingebauten Speicher passen 100 Seiten, er lässt sich mit Karten erweitern. Preis: 129,95 Euro.
Klemmbrett: ACECAD DigiMemo A 502
Blu Innovation Press
Dieses digitale Klemmbrett ähnelt nicht nur äußerlich dem MyNote von Aiptek: Auf 32 MB kann er ebenfalls rund 100 Seiten speichern. Allerdings wirkt die Verarbeitung des DigiMemo auf den ersten Blick etwas billig. Dafür liegt der Stift besser in der Hand und schreibt flüssiger als beim Konkurrenzprodukt.

Zudem ist der DigiMemo günstiger, dafür liegt nur eine Testversion der Handschriftenerkennung MyScript bei, und eine Ledermappe kostet 50 Euro extra. Kleines Manko: Als Grafiktablett lässt sich das Gerät nicht nutzen. Preis: 99 Euro

Am unteren Ende jedes Blattes sind die Bedienungsfelder aufgedruckt. Hier lässt sich auch die Audio-Aufnahme starten: Das Feld "record" mit der Kulispitze antippen, ein kurzer Signalton, und die Tonaufzeichnung beginnt. Jedes gesprochene Wort und jedes Geräusch wird jetzt mit den Notizen zeitlich verknüpft.

Das kann ungemein helfen, wenn man einen Abschnitt beim Nachlesen nicht mehr zuordnen kann: Einfach den Stift wieder einschalten, die Stelle im Text mit der Mine kurz antippen - schon spielt der integrierte Lautsprecher die Tonaufnahme genau an der Stelle ab, an der die Notiz aufgeschrieben wurde. Wer Aufzeichnungen diskret abhören möchte, kann einen Kopfhörer anschließen.

Gutes Gerät mit kleinen Tücken

Zum Archivieren verbindet man den Hightech-Kuli mit einem Computer. Den Job erledigt die dem Set beiliegende Docking-Station; die im Paket enthaltene Software (läuft auf PC und Mac) digitalisiert alle Seiten des Blockes. So lassen sich Notizen beliebig oft vervielfältigen oder als PDF speichern. Die Tonaufnahmen können auch als eigene Dateien abgespeichert werden, in guter Qualität, wenn auch nicht radiotauglich.

Drei Haken hat der Smartpen:

Da ist zunächst einmal ein rechtliches Problem: Das nichtöffentlich gesprochene Wort ist in Deutschland strafrechtlich geschützt, außerdem besitzt der Redner ein Urheberrecht an seinen Worten. "Ob eine Vorlesung öffentlich ist oder nicht, darüber kann man streiten", sagt Sibylle Gierschmann, Lehrbeauftragte für Medienrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Aber schon aus Gründen der Höflichkeit sollte man den Dozenten darüber informieren, dass man seine Lehrveranstaltung aufzeichnet." Und in der kleinen Gruppe eines Seminars sollte man auch seinen Kommilitonen Bescheid geben, wenn man den Smartpen benutzt.

Der zweite Haken ist der Preis: Immerhin rund 150 Euro kostet das Smartpen-Einstiegsmodell. Hinzu kommt das teure Spezialpapier. Vier Blöcke à 100 Blätter kosten rund zwischen 20 und 30 Euro, zwei gebundene Notizbücher mit 100 Blättern gibt es ab 25 Euro, fünf Ersatzminen schlagen mit 6 bis 10 Euro zu Buche. Zwar kann man mit Hilfe der Software alternativ selbst die kleinen Orientierungspunkte auf gewöhnliches Schreibpapier drucken. Aber das ist nervig und auch kaum günstiger - zumindest wenn man einen Tintenstrahldrucker mit Original-Herstellerpatrone benutzt.

Und schließlich: Die handschriftlichen Notizen lassen sich laut Herstellerangaben in ein Word-Dokument umwandeln. Dazu muss man allerdings die Handschriftenerkennung-Software MyScript für 30 Euro hinzukaufen. Die ist lernfähig, aber an meiner Sauklaue scheitert sie dennoch allzu oft. Da geht Abtippen oft schneller.

Fazit: Die beiden Technik-Nerds im Zug hatten Recht. Der Stift ist für Vorlesungen, Seminare und Gesprächsnotizen wirklich genial. Die Schreibblocks sind allerdings ein Vielfaches teurer als die aus Normalpapier. Nur in einem irrten meine Mitreisenden: Man muss nicht mehr in die USA fliegen, um sich das Spezialpapier zu kaufen. Mittlerweile gibt es den Smartpen samt Zubehör auch in Deutschland.

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1. Ganz neu ist das nicht
HansenDampf 04.02.2010
Hallo zusammen, ganz neu ist die Technik nicht. Vor einigen Jahren verkaufte Logitech ihre "IO"-Stifte mit der (scheinbar) gleichen Technologie ("Anoto"-Papier). war aber wohl kein nachhaltiger Erfolg, wurde eingestellt und an eine andere Company verkauft. ich selbst hatte Probleme, weil die PC-Software nicht Vista-kompatibel war (XP ging) und auch kein Update mehr erstellt wurde. Tonaufnahmen konnte der aber nicht... Das ist in der Tat neu. Ich fand das Ding ganz praktisch und auch die Schrifterkennung war ganz gut. Allerdings: Direkt in den PC tippen ist trotzdem schneller, zumal man seine Notizen doch nochmal komplett durchschauen muss und das kostet Zeit... Also aus heutiger Sicht investiert man das Geld lieber in einen Netbook und hat deutlich mehr Funktionen... Viele Grüße Jan Zirn
2. "Uraltes Konzept" verschlimmbessert!
Dumme Fragen 04.02.2010
Ich möchte an den guten alten IBM Transnote (von 2001) erinnern! Der konnte das auch, allerdings war es ein komplettes Notebook samt Papierhalterung und Schreibstift! Und man konnte auf ganz normalem Papier schreiben, zeichnen, malen, ohne dass der Rechner laufen mußte... Ein Superteil! Leider nur mit Pentium3-600 MHz, was selbst unter Win2K etwas sehr langsam war... http://komotch2.minidns.net/tps/trans.htm http://www.pencomputing.com/frames/ibm_transnote.html Aber ich könnte mir vorstellen, dass Lenovo das Konzept wieder auflegen wird, wenn der Apple iPad erfolgreich sein sollte *daumendrück*
3. Nerds.
Mockingbird 05.02.2010
Wenn man als Autor schon *unbedingt* andere Menschen in Kategorien einordnen muss, die hauptsächlich für US-High-School-Kinder relevant sind, muss es dann ausgerechnet die beleidigendere Variante sein? Der Begriff "geek" hat ja wenigstens etwas vom negativen Beiklang verloren und wird sogar mit ein wenig Respekt benutzt -- ab und an sogar mit Stolz und/oder einem gewissen Coolnessbonus. Aber nein, lieber "nerds" benutzen, da kann man sich gleich, obwohl man einen Technik-Artikel schreibt, von diesen ganzen Strebern distanzieren. Und gleich noch zu verstehen geben, dass man besser aussieht als sie ("nerd" ist meistens auch eine Aussage über Aussehen und soziale Kompetenz...). Was soll der Unsinn? Zwei Möglichkeiten: Der Autor lebt so weit hinter dem Mond, dass er immer noch stolz auf technisches Desinteresse/Unwissen ist und Begriffe wie "nerd" benutzt. Und schreibt dann zu solchen Themen. Ein Rätsel. Oder er hat keine Ahnung, was "nerd" bedeutet und wie es benutzt wird -- und hat es einfach trotzdem mal benutzt (es muss heutzutage ja Englisch sein). Nochmal ganz langsam zum Einprägen lesen, Herr Thiele: "nerd" ist eine Beleidigung. Die beiden Herren - mit mehr Ahnung und Kompetenz über das Thema, über das Sie jetzt schreiben, wohlgemerkt - haben bestimmt keine öffentliche Beschimpfung verdient.
4. uralt
sbur 05.02.2010
Das ist doch mal wieder typisch SPON-Netzwelt und Multimedia etc seit Kremp und Co hier schreiben. Das gab es schon längst, nur fehlen mal wieder journalistischer Weitblick und/oder Recherche. Nokia hatte einen eigenen Anoto-Stift (Erkennung und Speciherung der Stiftbewegungen auf Spezialpapier), vorher gab es auch schon den PC-Note-Taker (Klemmbrett erkennt Bewegungen des Stiftes auf Normalpapier) . Wirklich, uralt. EIn netter Hinweis auf die neue Technik (mit Audio), aber ohne einen eindeutigen Hinweis und Aufzählung bestehender TEchniken mal wieder nur... ein Schüleraufsatz!
5. Teures Spezialpapier
Andreas Henn 05.02.2010
Zitat von sysopBei Vorlesungen mitschreiben und sie zugleich akustisch aufzeichnen, mit einem neuen Gerät, kaum größer als ein normaler Kugelschreiber - klingt hilfreich fürs Studentenleben. Funktioniert das wirklich? Matthias Thiele ließ sich zum Praxistest anstiften und nahm den "Smartpen" mit in den Hörsaal. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,673564,00.html
Noch eine existierende Variante: I.R.I.S.notes. Spezialstift + kleiner Sensor, den man an einem normalen Blatt befestigt. Per mitgeliefertem USB-Kabel anschliessen, mit der ebenfalls mitgelieferten Software auf den PC übertragen, Handschrifterkennung inklusive (ok, mit meiner Sauklaue kommmt sie nur begrenzt zurecht :-( Läuft problemlos unter Vista und Windows 7, XP und Mac nicht getestet (mangels Geräten).
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