Schock an der Uni Bayreuth: Schatten auf der Lichtgestalt

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Absolvent Karl-Theodor zu Guttenberg war der Star im Werbefilmchen der Uni Bayreuth. Doch nach der Plagiatsaffäre rückt die Hochschule von ihm ab. Auch der Minister-Auftritt vor dem Alumni-Verein ist abgeblasen - und die Studenten blinzeln verdutzt ins mediale Scheinwerferlicht.

Ruhe, bitte: Bayreuther Studenten genervt vom Schummelbaron Fotos
DPA

Karl-Theodor zu Guttenberg hat nicht nur seinen Doktortitel, sondern vorübergehend einen werbewirksamen Posten verloren. Bis vor kurzem durfte er im Imagefilm der Uni Bayreuth zu Studenten und Studienanfängern sprechen, untermalt von klassischer Musik. Er trägt Anzug, Krawatte, die Hände hat er gefaltet. Er wirkt staatsmännisch und der Appell, der folgt, erinnert an die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. "Sie stehen vor zwei Entscheidungen", spricht er in die Kamera. "Die erste: Was soll ich studieren? - Jura. Es lohnt sich. Die zweite: Wo? Fraglos nur ein Ort: Bayreuth."

Damals verkündete die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in Bayreuth noch stolz, dass Guttenberg schnell bereit gewesen sei, sich an dem Imagefilm zu beteiligen. "Das ist natürlich toll - auch weil es zeigt, dass sich Alumni gerne für die Universität Bayreuth engagieren", hieß es in einer Pressemitteilung. Heute ist das Video, das die tiefe und enge Verbundenheit des ehemaligen Doktors Guttenberg mit seiner Alma Mater zeigt, von der Internetseite der Fakultät verschwunden. "Es ist klar, dass das Video nicht einfach im Netz stehen bleiben kann", sagt jemand von der Fakultät, der - wie so viele - nicht namentlich zitiert werden möchte. Nun werde man in Ruhe diskutieren, inwiefern der Imagefilm überarbeitet werde.

Das entfernte Werbevideo sehen? SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Szene, in der Guttenberg ein Jura-Studium empfiehlt und seine ehemalige Uni lobt. mehr...

Den Bayreuth Studenten geht es zur Zeit vor allem um eines: Ruhe. Sie fühlen sich in Guttenbergs Doktor-Debakel hineingezogen, ohne dass sie damit etwas zu tun hätten. "Viele Studenten finden es sehr schade, dass die Guttenberg-Schelte mit der Uni Bayreuth verknüpft wird", sagt ein Doktorand. Bis Freitagmittag hatte kein Doktorand aus Bayreuth den offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet; zu dem Zeitpunkt forderten in dem Schreiben bereits über 100 Doktoranden verschiedener Unis Merkel auf, Guttenbergs Plagiat als Täuschung zu benennen.

Guttenberg wird doch keine Doktoranden ehren

Journalisten belagern seit Tagen die Uni, schreiben Zitate in ihre Blöcke und zeichnen O-Töne auf. Das nervt die Studenten mittlerweile. Wobei sie natürlich selbst immer wieder die Verbindung zu ihrem wohl berühmtesten Ehemaligen gesucht haben. Den Glühwein, den der Verteidigungsminister noch beim letzten Bayreuther Weihnachtsmarkt ausschenkte, nahmen viele gerne an. Außerdem sollte der Verteidigungsminister im Mai bei einem Festakt die Doktoranden seiner alten Fakultät ehren. Die Einladung des Alumni-Vereins und Guttenbergs Zusage zum "Homecoming 2011" stammten aus der Zeit, bevor die Plagiatsvorwürfe gegen den CSU-Politiker bekannt wurden, hieß es aus der Universität.

Würde er, der Ex-Doktor, die Doktoranden wie geplant ehren, käme es wohl nicht zur gewünschten Ruhe. So verwundert es nicht, dass der stellvertretende Vorsitzende des Almuni-Netzwerkes, Björn Thiele, sagt: "Die Einladung wurde in gegenseitigem Einvernehmen gelöst." Mehr will er eigentlich gar nicht sagen, lässt aber noch durchblicken: Das Alumni-Netzwerk stehe weiterhin zu Guttenberg. Denn der Minister sei schließlich einer von ihnen.

Die Fachschaft der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät mag sich nicht zum Fall äußern. "Wir sind natürlich dabei, uns eine Meinung zu bilden", sagt ein Vertreter - auch er besteht auf Anonymität. Der Meinungsbildungsprozeß sei noch nicht abgeschlossen. Außerdem platze Guttenbergs Doktordebakel just in ihre Klausurenphase.

Viele Bayreuther Studenten sagen, die Meinung unter den Studenten sei gespalten. "Wir reden natürlich über Guttenberg", so Benjamin Horn, der Vorsitzende des Studierendenparlaments. "Wir haben aber keine Angst", sagt er. "Wovor auch?" Einige Journalisten würden den Studenten Befürchtungen unterjubeln: Sie müssten doch Sorge haben, dass ihr Abschluss mit dem Prädikat "Uni Bayreuth" nichts mehr Wert sei. "Das ist Quatsch", sagt er, "absoluter Quatsch!"

Bayreuther Professor: "Wir sind einem Betrüger aufgesessen"

Die Vertreter des Studierendenparlamentes hätten sich per Mail darüber ausgetauscht, wie sie mit der Presse umgehen sollen. Aber über das Ergebnis dieser Debatte will Studentenvertreter Horn nichts sagen.

Die meisten seiner Mitparlamentarier antworten schriftlich. So schreibt Johannes Wegmann, Mitglied der Grünen Hochschulgruppe, dass es sich um einen "Einzelfall" handele, der nicht exemplarisch für die Praxis an der Uni stehen könne. Trotzdem müssten natürlich die noch offenen Fragen zu Guttenbergs Promotion geklärt werden. War es Betrug - oder Schlampigkeit? Seiner Uni, die den Titel im Eilverfahren aberkannte, aber keine Stellung zur Betrugsabsicht bezog, macht Wegmann aber keinen Vorwurf - sie sei "zielorientiert und gewissenhaft" vorgegangen.

Michael Weh, Vorsitzender der Juso-Hochschulgruppe, schreibt, durch die schnelle Entscheidung sei klar, dass die Dissertation in Teilen ein Plagiat ist. "Auch wenn man nicht so mutig war, die gesamte Arbeit als Plagiat einzustufen, so ist dieses Urteil doch von hoher Bedeutung", schreibt er. Es bestehe aber noch Aufklärungsbedarf: Die Öffentlichkeit habe "ein berechtigtes Interesse" zu erfahren, was die Kommission für Selbstkontrolle in der Wissenschaft zum Tatbestand der vorsätzlichen Täuschung herausfinden werden.

Wenn sich die Studenten wirklich Sorgen um ihren Uni machen, zeigen sie es derzeit nicht. So blieb es dem in Bayreuth lehrenden Staatsrechtler und Jura-Professor Oliver Lepsius überlassen, am Donnerstag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zum Fall Guttenberg zu erklären: "Wir fühlen uns getäuscht. Wir sind einem Betrüger aufgesessen." Und er zeigte auf, welcher Ruf für die Uni auf dem Spiel steht: "Wir gehören zu den zehn besten rechtswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland."

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