Schreiben bei Nacht: Ich mach dich fertig, Aufschieberitis

Von Maximilian Popp

Yoga, Atemtraining, Scheuklappen: Es gibt viele Mittel gegen Prokrastination - die leider oft nicht helfen. Die Uni Jena versuchte es mit einer "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten". Die Idee: Raus aus der Isolation und gemeinsam gegen die Blockaden kämpfen.

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Stefan Hoyer / PUNCTUM

Studenten in Jena: Gemeinsam wollen sie Schreibblockaden überwinden

Julia, 21, aus Jena, sagt, sie liege nachts oft wach und grübele, aus Sorge um die Hausarbeit. Andre, 26, aus Erfurt, erzählt, er habe es mit Waldspaziergängen und asiatischem Kampfsport versucht, um zur Ruhe zu kommen - erfolglos. Marie, 20, aus Jena, klagt, niemand habe ihr das Verfassen langer Texte beigebracht.

Drei Studenten, ein Problem: Schreibblockade. Julia, Andre, Marie und knapp 50 andere Studenten haben an einem Frühlingsabend einen Stuhlkreis gebildet, um das Problem zu lösen. Es ist eine Art Selbsthilfegruppe, die hier auf Einladung der Universität Jena zusammengekommen ist. Sie will bei Kaffee und Club-Mate versuchen, Schreibblockaden und Konzentrationsschwierigkeiten zu überwinden. Es wird therapiert bis weit nach Mitternacht. Bringt das was?

Peter Braun lehrt Germanistik und Medienwissenschaften in Jena, er ist der Leiter des akademischen Schreibzentrums und hat die Veranstaltung für die Hochschule organisiert. Sie nennt sich die "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten", und es gibt sie nicht nur in Jena, sondern auch in zwölf weiteren deutschen Uni-Städten. Die Studierenden sollen ihr WG-Zimmer oder die Bibliothek verlassen und gemeinsam mit Gleichgesinnten an ihren Projekten feilen.

"Viele empfinden Schreiben als einsame Tätigkeit", sagt Professor Braun. "Das muss nicht so sein. Wir wollen unsere Studenten aus der selbst auferlegten Isolation befreien."

Office-Yoga und Atemtraining

Braun steht auf einer Bühne im "Haus auf der Mauer", einer Begegnungsstätte in der Jenaer Innenstadt. Er trägt Jackett und Jeans und redet auf die Studenten ein. "Niemandem fällt Schreiben auf Anhieb leicht. Aber es gibt Regeln, die wirklich jeder lernen kann", sagt er. Der Germanist musste für die Veranstaltung zusätzlich Stühle aus dem Keller in den Seminarraum schaffen, so groß war der Andrang.

Christiane Meysel, 21, sitzt mit einer Freundin im Publikum und macht sich Notizen, während Braun referiert. Die Deutschstudentin hat schon vieles versucht, hat Ratgeberliteratur gelesen und sich mit Kommilitonen ausgetauscht. Doch ihre Schreibblockade ist sie nicht losgeworden. In wenigen Wochen, erzählt sie, müsse sie eine Hausarbeit im Fach Landeskunde einreichen. Sie tue sich schwer damit anzufangen. "Als Student bist du Einzelkämpfer", sagt sie.

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Lern-Tipps: Nur nicht übertreiben
Germanist Braun bietet für den Abend verschiedene Übungen und Workshops an: "Wie motiviere ich mich?" oder "Wie finde ich ein Thema?". Außerdem werden Office-Yoga und Atemtraining geboten. Peter Braun hat dafür einige Mitarbeiter engagiert, Tutoren aus dem Schreibzentrum wie Clara Tönicke. Sie sagt, sie habe häufig miterlebt, wie Kommilitonen verkrampfen, wenn es ans Schreiben von längeren Texten geht. Sehr häufig helfe es schon, die eigenen Ängste anderen mitzuteilen.

Internetanschluss kappen und Handy ausschalten

Christiane hat sich bei Clara für den Workshop "Wie konzentriere ich mich?" angemeldet; sie lässt sich zu leicht ablenken. Clara sagt, es gebe da einen Trick, den jeder beachten könne. Sie nennt ihn die "Scheuklappen-Methode". Dabei solle man versuchen, Einflüsse, die bei der Arbeit stören könnten, auszublenden. Also: Internetanschluss kappen, Handy ausschalten, Mitbewohner aus der Wohnung jagen.

Im Arbeitsraum im "Haus auf der Mauer" sitzen die Studenten über ihre Laptops gebeugt und schreiben. Ihre Augen sind gerötet. Es ist kurz nach Mitternacht. Die belegten Brote, die manche in Tupperdosen verpackt mitgebracht haben, sind längst aufgebraucht. Die Luft ist stickig. Es riecht nach Schweiß. Zu hören ist nichts außer dem Klacken der Tastaturen.

Das Schreiben werde in den Schulen und Universitäten vernachlässigt, glaubt Peter Braun. Die Studenten seien nicht darin geübt, eigene Texte zu verfassen. Viele seien deshalb überfordert, wenn sie zum ersten Mal eine Hausarbeit abliefern sollen. "Sie haben kein Gespür dafür, was gute Sprache auszeichnet." Dabei sei Schreiben zu 95 Prozent erlernbares Handwerk.

Christiane Meysel tritt spät nachts ins Freie. Es ist kühl geworden. Die meisten anderen Studenten sind schon gegangen. Christiane sagt, sie nehme viele interessante Anregungen mit nach Hause. Aber schreiben wolle sie dann doch lieber allein.

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