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Schüler-Nachhilfe: Lehrerverbände und Kultusminister warnen vor Scientology

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Sektenexperten befürchten, dass Scientologen den deutschen Nachhilfemarkt unterwandern. Mit unverfänglichem Werbematerial würden Schüler in die Institute gelockt. SPIEGEL ONLINE erklärt, wie man zwielichtige Nachhilfeangebote erkennt.

Der Deutsche Lehrerverband hat Eltern und Lehrer zur Wachsamkeit aufgerufen, weil Scientology sich verstärkt in die Schülernachhilfe einschalte. "Scientology arbeitet unglaublich trickreich mit Tarnorganisationen", sagte Verbandspräsident Josef Kraus am Montag. Zwar sei das rechtsstaatliche Korsett um die Scientologen enger geworden; es gebe jedoch weiterhin 60 bis 80 Tarnorganisationen, mit denen die Gemeinschaft versuche, Einfluss auszuüben.

Scientology-Symbol: Unterwanderung der Schüler-Nachhilfe?
REUTERS

Scientology-Symbol: Unterwanderung der Schüler-Nachhilfe?

Scientology wies die Vorwürfe zurück. Die Nachhilfeeinrichtungen hätten "nichts mit Scientology Kirchen und Missionen zu tun, auch wenn diese teilweise von Scientology-Mitgliedern geführt werden", so Sprecherin Sabine Weber. Religiöse Inhalte vermittelten die Lernzentren nicht. Die Lernstudios sind in der Organisation "Applied Scholastics" zusammengefasst, einem Projekt, das die Lernmethoden von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard verbreitet.

Sektenexpertin Helga Lerchenmüller, die sich beim Stuttgarter Verein "Aktion Bildungsinformation"(ABI) um Verbraucherschutz in Bildungsfragen kümmert, ortet indes Gefahren in den Lernstudios. "Kinder werden dort von Nachhilfelehrern schleichend auf eine spätere Scientology-Karriere vorbereitet", sagte Lerchenmüller SPIEGEL ONLINE. Die Hubbard-Lerntechnik sei der Einstieg in die Scientology-Methode. Den Familien könnte auch suggeriert werden, dass die schulischen Probleme des Kindes familiäre Ursachen haben und die Eltern einen entsprechenden Kurs bei der Organisation belegen sollten.

Der SPIEGEL berichtete bereits Mitte Juni über das Scientology-Engagement auf dem Bildungsmarkt. Eltern sollten zwielichtige Angebote zunächst im Internet recherchieren, empfiehlt Lerchenmüller. Die Webseite von "Applied Scholastics" hat in einer Datenbank 30 deutsche Niederlassungen ihrer Nachhilfeunternehmen registriert; noch vor einem Jahr waren dort nur zehn Schulen verzeichnet. Die Dunkelziffer der mit Hubbard-Methoden lehrenden Institute sei aber wahrscheinlich viel höher, vermutet Lerchenmüller. Der Trick: Meist wirke das Werbematerial der Lernstudios unverfänglich, Hinweise auf Scientology würden vermieden.

Kultusministerin sieht keinen Anlass für Hysterie

Als Lizenznehmerin von "Applied Scholastic" ist beispielsweise auch die Hamburger Scientologin Dörte Jansen aufgeführt. Die Autorin des Studenten-Nachschlagewerkes "Hochschulglossar" weist auf ihrer Webseite nur an einer Stelle auf ihre Verbindung zu Scientology hin: Sie habe "viele Lerntheorien studiert und 'Lernen wie man lernt' nach L. Ron Hubbard als anwendbar und sehr erfolgreich für mich und meine Teilnehmer gefunden". Sie wolle in ihrer Arbeit mit Studenten vor allem "Missverständnisse" von Formulierungen klären, sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Sie arbeite als einzige der in der "Applied Scholastic"-Liste erwähnten Deutschen ausschließlich in der Erwachsenenbildung, sagte Jansen. Dabei finde sie meist nicht erwähnenswert, dass sie Scientologin sei. Das Hubbard-Lernkonzept betrachte sie als losgelöst von der Scientology-Kirche. Nicht verstehen kann Jansen, dass in der vergangenen Woche auch der Deutsche Philologenverband und die Kultusminister Alarm geschlagen hatten - schließlich gehe es den Scientologen darum, Deutschland mittels der Hubbard-Methoden aus der Bildungsmisere zu helfen.

In den 30 von Scientologen betriebenen Instituten würden Lernhilfe und gezielte Missionierung vermischt, warnte hingegen Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands. "Scientology nutzt dabei offensichtlich aus, daß sich Kinder, die Lernschwierigkeiten haben, häufig in einer Identitätskrise befinden und Minderwertigkeitskomplexe haben", sagte Meidinger der Zeitung "Die Welt". Besonders aktiv seien Nachhilfe-Scientologen in Hamburg, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Ute Erdsiek-Rave nimmt die "zunehmende Einflussnahme von Scientology im Nachhilfe-Bereich sehr ernst". Die SPD-Politikerin bat Eltern oder Lehrer mit Scientology-Erfahrungen um Rückmeldungen. Gleichzeitig sehen Erdsiek-Rave und der Deutsche Lehrerverband allerdings keinen Anlass für Hysterie. Es sei nicht so, dass vor jeder Schultür ein Scientology-Mitglied warte, betonte Josef Kraus. Die 30 bislang bekannten Nachhilfeeinrichtungen der Scientology-Organisation seien eine "verschwindend geringe Zahl". Eine Alarmstimmung sei daher nicht nötig.

"Propaganda-Aktion von Scientology"

Ähnlich äußerte sich Jutta Habets, Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz: Zwar versuche Scientology, mit Nachhilfeangeboten Kinder und Erwachsene an die Ideologie ihres Gründers Ron Hubbard heranzuführen. Man könne jedoch nicht sagen, dass die seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtete Organisation damit nennenswerten Erfolg habe, so Habets.

Der Berliner Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche, Thomas Gandow, warnte dennoch vor den Methoden der Gemeinschaft. Vor allem beim Sprachenlernen und bei Rechtschreibschwächen versuche Scientology, Kinder mit einer speziellen Studiertechnik zu beeinflussen. Ziel sei dabei, durch eine systematische Umdefinition von Wortbedeutungen das Verständnis und die Wahrnehmung der Realität zu verändern. So sollten etwa die Wörter "Dianetics" und "Scientology" positiv besetzt werden.

Außerdem würden Eltern gezielt zu Persönlichkeitstests und Kommunikationskursen eingeladen, um den Kontakt über die Kinder zu vertiefen, so Gandow: "Die ganze Sache ist eine Propaganda-Aktion von Scientology." Die Schülernachhilfe biete der Organisation eine Möglichkeit, sich nach den gerichtlichen Niederlagen der neunziger Jahre wieder in der Gesellschaft zu verankern. Schönwetterkommunikation nennen die das", erklärte Gandow.

Scientology hingegen betonte, die von Ron Hubbard entwickelten Lernmethoden würden ausschließlich verwendet, um Schulstoff zu vermitteln. Dabei würden nur allgemein anerkannte Nachschlagewerke genutzt, so Scientology-Sprecherin Sabine Weber: "Es werden keinerlei religiöse Inhalte vermittelt." Sie bezeichnete die von Scientology verwendete Methode als eine der effektivsten Lernstrategien, die es gebe.

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