Schuhwerfer in Cambridge: Deutscher Doktorand plädiert auf nicht schuldig

"Shame on you!" Chinesische Studenten waren empört, als der deutsche Student Martin J. seinen Schuh auf ihren Premier Wen Jiabao warf. Jetzt steht der Schuhwerfer in Cambridge vor Gericht. Der Doktorand will jedoch die öffentliche Ordnung nicht gestört haben.

Es sollte ein politisches Statement sein, jetzt brachte es den jungen Mann vor Gericht. Bei einer Rede des chinesischen Regierungschefs Wen Jiabao an der Universität von Cambridge griff sich der Deutsche Martin J. seinen linken Turnschuh und warf ihn in Richtung des Premiers auf die Bühne. Er verfehlte Wen um etwa einen Meter. Augenzeugen berichteten, der Wurf sei eine respektable Leistung gewesen, weil die Distanz groß und der Winkel recht spitz war.

Bei der Voranhörung vor Gericht betonte der 27-jährige Doktorand der Pathologie am Dienstag, er sei "nicht schuldig". Die Anklage wirft ihm Störung der öffentlichen Ordnung, Beleidigung und Aufruf zur Gewalt vor. Bei einer Verurteilung drohen dem jungen Mann bis zu sechs Monate Haft und eine Geldbuße von rund 5700 Euro. Bis zum Prozess am 10. März bleibt der junge Mann frei, möchte aber bis zum Ende des Verfahrens nicht mit der Presse sprechen.

Um so lauter hatte er sich Anfang Februar im Hörsaal während der Rede des chinesischen Premiers Wen geäußert: "Wie kann sich die Universität für diesen Diktator prostituieren? Wie könnt Ihr den Lügen zuhören, die er erzählt? Steht auf und protestiert", hatte der Doktorand vor seinem Schuhwurf gerufen.

Ein Video auf Youtube zeigt, wie in dem abgedunkelten Hörsaal der Schuh auf der Bühne landete. Einige dem Akzent nach chinesische Stundenten sprangen ihrem Regierungschef verbal zur Seite, und riefen dem Werfer zu, er solle sich schämen. Unter "Shame on you"-Rufen ließ sich Martin J. von der Polizei widerstandslos festnehmen.

Aus China hieß es zunächst, Wen Jiabao verurteile den Angriff als "verachtenswertes Verhalten". Inzwischen hat der Student allerdings offiziell bei der chinesischen Botschaft für den Wurf um Entschuldigung gebeten.

In einem Brief an die chinesische Botschaft in London, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, schrieb er: "Ich bitte Sie, meine Entschuldigung an das chinesische Volk und an den Ministerpräsidenten dafür, dass ich seine Rede an der Universität von Cambridge unterbrochen habe, anzunehmen. Mir ist klar, dass ich nicht den nötigen Respekt und die Höfflichkeit gezeigt habe, die einem Gast der Universität zustehen. Ich möchte Ihnen versichern, dass es nicht meine Absicht war, das chinesische Volk zu beleidigen."

Den Brief hatte die Universität im Namen des Doktoranden an die Botschaft geschickt. Das führte bei manchen Beobachtern zu der Vermutung, der junge Mann habe die Zeilen auf Drängen seiner Fakultät geschrieben. Nach dem Eingang des Briefes am Montag hatte Chinas Premier Wen offiziell um Nachsicht mit dem Studenten gebeten.

"Ausbildung ist die beste Hilfe für einen jungen Menschen", ließ Wen über die chinesische Botschaft in London mitteilen. Es sei zu hoffen, dass die Universität den jungen Mann weiterstudieren lasse.

Inspiration für den Schuhwurf des Studenten war wohl eine ähnliche Attacke auf den früheren US-Präsidenten George W. Bush in Bagdad im vergangenen Jahr. Der Fersehjournalist, der den Schuh warf, sitzt seit Dezember in Untersuchungshaft. Ein weiterer Trtittbrettfahrer attackierte jüngst den israelischen Botschafter in Stockholm mit einem geworfenen Schuh.

cht/dpa/AFP

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