Im nächsten Jahr dürfen die Amerikaner einen Präsidenten wählen - und Wahlkampfzeit ist auch in den USA Geschenkezeit. Barack Obama hat sich nun eine Gruppe ausgesucht, die gerade mit in Amerika eher unüblichen Bildungsprotesten auf sich aufmerksam macht: Hochverschuldete Uni-Absolventen bilden die Speerspitze der Occupy-Wallstreet-Bewegung. Sie sollen nun entlastet werden - und zwar schon vor der Präsidentschaftswahl im Herbst nächsten Jahres. Das gab das Weiße Haus am Dienstag bekannt.
Bislang müssen Amerikaner, die einen staatlichen Studienkredit aufgenommen haben, 25 Jahre lang 15 Prozent von ihrem verfügbaren Einkommen zurückzahlen - eine Obergrenze, die der Kongress auf Obamas Vorschlag hin im vergangenen Jahr festgelegt hatte. Nach dieser Zeit werden die restlichen Schulden erlassen.
Obama will nun den Prozentsatz senken und die Rückzahlungszeit verkürzen: Die Schuldner sollen maximal zehn Prozent ihres verfügbaren Einkommens zurückzahlen und das höchstens 20 Jahre lang. Ursprünglich sollte dieser Plan erst 2014 wirksam werden, doch Obama will ihn nun aufs kommende Jahr vorziehen. 1,6 Millionen Studienkreditempfänger könnten davon profitieren, schätzt das Weiße Haus.
Die Schulden von US-Absolventen sind in der Regel sehr hoch: Durchschnittlich belaufen sie sich nach Ende der Ausbildung auf 24.000 Dollar, berichtet das Institute for College Access & Sucess, eine Organisation, die sich für bezahlbare Bildung einsetzt. Wie die Federal Reserve Bank of New York errechnet hat, liegen die aufsummierten Studienkreditschulden der Amerikaner mit einer Billion Dollar derzeit höher als ihre Kreditkartenschulden. Mehr als 36 Millionen Amerikaner stehen beim Staat mit Bildungskrediten in der Kreide.
Im Sommer schickte Obama via Twitter die Botschaft an die Amerikaner, ihm täten die hochverschuldeten Studenten leid. Er und seine Frau hätten ihr Studium mit 120.000 Dollar Schulden beendet. Seine Familie habe fast zehn Jahre lang jeden Monat mehr für die Studienkredite zurückzahlen müssen als für ihre Hypothek.
Studiengebühren im vergangenen Jahr stark gestiegen
Aus deutscher Sicht sind die Studiengebühren in den USA ohnehin schon immens hoch: An einem öffentlichen College betragen sie etwa 7600 Dollar jährlich, an privaten Hochschulen teilweise mehr als 40.000 Dollar. Und sie steigen weiter an: von 2010 auf 2012 allein um weitere 8,5 Prozent, meldete die gemeinnützige Organisation College Board am Dienstag.
Bei Obamas Wahlsieg 2008 hatten besonders viele Studenten und Erstwähler dem Demokraten ihre Stimme gegeben. Der Präsident verkündete seinen Plan in Denver, Colorado, zum Abschluss einer Wahlkampftour durch die westlichen Bundesstaaten der USA, die für seine Wiederwahl 2012 entscheidend sein können.
Zwar ist die Arbeitslosenquote von Uni-Absolventen noch immer niedriger als die der Gesamtbevölkerung, doch auch junge Akademiker hat die Jobkrise in den USA unlängst stark gebeutelt. Einer der wütenden Studenten, für die Obamas Bildungsschuldenerlass gedacht ist, ist Nate Grant, 22, Absolvent und Demonstrant vor der New Yorker Wall Street. "Mit Studenten sollte kein Profit gemacht werden", stand auf seinem Demoplakat, mit dem er eine Woche lang in New York auf der Straße saß.
Der "Los Angeles Times" sagte er, sein älteren Bruder, der nie zur Uni gegangen sei, lebe gut als Paketausfahrer: "Er ist verheiratet und schuldenfrei - abgesehen von seiner Hypothek. Und ich stehe hier mit 90.000 Dollar Schulden und einem Stück Papier. Irgendwie bereue ich dieses College-Ding."
fln
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