Schwer von Begriff: Was ist eigentlich... der Bologna-Prozess?

In der Wissenschaftspolitik wimmelt es von Begriffsungetümen. SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt kennt sie alle und nimmt sich in dieser Folge den Bologna-Prozess vor. Voran geht es schon - was am Ende jedoch dabei herauskommt, bleibt spannend.

In der "International Herald Tribune" haben sie sich neulich lustig gemacht über eine besondere Art von Autounfällen in Deutschland: Fahrer, die sich blind ihrem Navigationssystem anvertrauen, kollidieren mit entgegenkommenden Autos in Einbahnstraßen oder fahren über den Fähranleger direkt ins Wasser. Fazit: Wenn man den Deutschen in bestimmtem Ton sagt, wo es langgeht, machen sie jeden Quatsch mit - egal, wo es endet.

Bekannt für Nudelsoßen und einen Prozess: Die italienische Stadt Bologna
ENIT

Bekannt für Nudelsoßen und einen Prozess: Die italienische Stadt Bologna

Das ist ungerecht oder jedenfalls zu einfach. Dass der Weg wichtiger als das Ziel sei, gilt zumindest seit der Zeit des Universitätsgründers und Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt als Kerngedanke deutscher Bildung.

Im alten Europa hat es sich eingebürgert, solche Verwirrungen zwischen Weg und Ziel als "Prozess" zu bezeichnen. Das Schöne an einem Prozess ist, dass es, wie beim Auto, vorangeht. Das Unschöne ist, dass man nicht genau weiß, wohin.

Der Bologna-Prozess der Europäischen Union kommt aus Bologna. Dort haben im Jahr 1999 die Wissenschaftsminister Europas beschlossen, die wissenschaftliche Ausbildung der jungen Europäer zu vereinheitlichen und zu reformieren - ein Prozess, der zunächst mal bis 2010 führen soll.

Und zu welchem Ziel? Es soll ein einheitlicher europäischer Wissenschaftsraum geschaffen werden.

Gut. Aber wozu? Es werden einheitliche Qualitätsmaßstäbe eingeführt. Studentenleistung wird in Credit-Points (CrP) gemessen. Ein Leistungspunkt für 30 Stunden Arbeit.

Lernen in Modulen

Interessant, aber welchem Zweck dient das? Ab 180 CrP kann man in ganz Europa einheitlich den Bachelor-Abschluss machen, ab weiteren 120 gibt es den Master. Überall in Europa, irgendwann. Das "European Credit Transfer-System" steuert das Ganze. Dann wird auch die Doktorarbeit in den Prozess einbezogen: "Verzahnung des Europäischen Hochschulraumes mit dem Europäischen Forschungsraum."

Eindrucksvoll, wenn es gelingt. Aber was ist der Vorteil? Ein Maschinenbaustudent aus Aachen kann dann, eines Tages, während des Studiums ohne weiteres nach San Sebastián in Spanien wechseln.

Wieso? Das kann er jetzt doch auch schon!

Aber dann wird alles genauestens überprüft. Der Prozess sieht vor, einen "europäischen Qualifikationsrahmen" von einem "nationalen Qualifikationsrahmen" ausfüllen zu lassen, der zum Aufbau einer "nationalen Bologna-Struktur" führt.

Dazu gehört die Arbeitsgemeinschaft "Fortführung des Bologna-Prozesses" unter Beteiligung des Bundesforschungsministeriums, der Kultusministerkonferenz, der Hochschulrektorenkonferenz, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der Studierendenschaften und des Akkreditierungsrates, der die Akkreditierung der neuen Studiengänge in Deutschland überwacht und dies abstimmt mit den europäischen Akkreditierungsnetzwerken, von denen wir aus Platzgründen nur die Abkürzungen nennen wollen: etwa ENQA oder ECA.

In Deutschland besonders kompliziert

Die europaweite Durchsetzung des Lernens in sogenannten Modulen (früher: Vorlesungen, Seminare und Übungen) wird von Agenturen wie EUA und EURASHE begleitet, auch ESIB kommt zum Zug, nicht zu vergessen die ENIC/NARIC-Netze, das sind Arbeitsgemeinschaften, die sich zum Beispiel mit der Frage befassen, wie Studienabschlüsse aus Aserbaidschan in Bayern zu bewerten sind.

In 45 Ländern, von Albanien bis Zypern: Es geht voran mit dem Prozess, der in Deutschland besonders kompliziert ist, weil es ja eine nationale Bildungspolitik überhaupt nicht gibt. Jeder Schritt muss noch mal mit 16 Bundesländern abgestimmt werden. Auch der deutsche Kulturföderalismus ist ja ein Prozess mit einem erprobten Navigationssystem: der Kultusministerkonferenz.

Die KMK hat 2003 beschlossen, die neuen Studienabschlüsse "flächendeckend" bis 2010 in Deutschland einzuführen. Dann soll es nur noch Bachelor und Master geben. Der Bachelor, nach sechs Semestern gleich 180 Credit-Points, soll ein "berufsqualifizierender Abschluss" sein. Diese Vorgabe macht viele ziemlich ratlos. Sie kann nur bedeuten: Wissenschaft kommt später.

Also bauen die Unis ihre Wissenschaften auf Fachhochschulniveau um. Das bildungspolitische Navigationssystem (früher: Schwarzes Brett) für den braven Kunstgeschichtsstudenten an der TU Berlin markiert den Weg: "BA-KULT KUWI 1" - so heißt die neue Grundlagenveranstaltung. Was das für den nationalen Qualifikationsrahmen bedeutet, wird den Studenten noch vor der ersten Befassung mit dem unsterblichen Michelangelo beigebracht: "Das Modul vermittelt überwiegend: Fachkompetenz 30 Prozent, Methodenkompetenz 30 Prozent, Systemkompetenz 30 Prozent, Sozialkompetenz 10 Prozent". Und was bringt das? "Prüfungsäquivalente Studienleistungen 120 h". Alles in allem 300 Stunden oder 10 Credit-Points.

Noch Fragen?

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS

© UniSPIEGEL 1/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite