Schwer von Begriff: Was ist eigentlich... der Deutsche Akademische Austauschdienst?

In der Bildungspolitik wimmelt es von Begriffsungetümen. SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt kennt sie alle, er stellt in dieser Folge ein Piratenschiff namens DAAD vor. Das setzt sich für die Studentenverschickung ein - denn der Nachwuchs soll die Welt sehen.

Was den deutschen Akademiker besonders auszeichnet, ist: dass er zu Hause bleibt. Ja, es ist wahr, und es beginnt schon früh. Das hat die Kultusministerkonferenz festgestellt: "Der/die deutsche Studierende ist sesshaft."

Ein Ziel des DAAD: Möglichst viele gute Studenten und Wissenschaftler auf dem Erdball einsammeln und an deutschen Unis unterbringen
DPA

Ein Ziel des DAAD: Möglichst viele gute Studenten und Wissenschaftler auf dem Erdball einsammeln und an deutschen Unis unterbringen

Der/die föderale Bildungskrake kann ganz zufrieden sein: Im Reich der KMK geht es ärmlich, aber sauber zu, da hat keiner Zeit für Besuche bei den Ausländern. Hat man nicht erst unter der Flagge des "Bologna-Prozesses" die deutschen Studiengänge so eng geschnürt, dass für Auslandssemester sowieso keine Zeit mehr ist? Und Geld soll man nicht fürs Reisen ausgeben, sondern für Studiengebühren.

Sesshaft? Das wollen wir doch mal sehen. Wie die "Black Pearl" kreuzt ein abenteuerlustiger Dienst durch die Karibik des freien Geistes. An Bord fast 300 Männer und Frauen ohne Augenklappen, die Mannschaft unter dem furchtlosen Kapitän kämpft gegen den Fluch der deutschen Bildungspolitik: die Provinzialität. Und jeder an Bord weiß, was das dumpfe Grollen im Untergrund zu bedeuten hat: Der/die Riesenkrake will das Piratenschiff in die Tiefe reißen.

Noch weht stolz die schwarze Flagge: "DAAD" steht drauf, jeder kennt die Plakate aus den Uni-Fluren, DAAD ist mehr als die Abkürzung für Deutscher Akademischer Austauschdienst, es ist ein Freibeutersymbol. Der DAAD, eine unabhängige Vereinigung, die von den deutschen Hochschulen getragen und überwiegend vom Bund finanziert wird, versucht seit Jahren, die akademischen Anstalten und ihre Angehörigen vom Joch der Länder-Bildungsbürokratie zu befreien.

Fünf Ziele hat sich der global aktive Verein gesetzt: Möglichst viele gute deutsche Studenten, Graduierte und Wissenschaftler auf den sieben Weltmeeren der globalen Bildungswelt zu verteilen. Möglichst viele gute Studenten und Wissenschaftler auf dem Erdball einzusammeln und an deutschen Unis unterzubringen. Den deutschen Universitäten ein bisschen Weltläufigkeit beizubringen. Universitäten in aller Welt ein bisschen von deutscher Kultur und deutscher Sprache nahezubringen. Fünftens: mit deutschem Geistes-Know-how der Wissenschaft in der Dritten Welt auszuhelfen.

Ein Netzwerk von Agenturen, Geschäftsstellen und Botschaftern arbeitet tatsächlich in fast jedem Winkel der Erde für den DAAD. Mehr als 55.000 Erdenkinder werden im Jahr finanziell gefördert, rund 21.000 davon aus dem Machtbereich der KMK. Dabei geht es ganz elitär zu: Gefördert wird nur das obere Leistungsdrittel jedes Jahrganges. Es soll ja der Welt was bringen: "Wandel durch Austausch", hat der Käpt'n Generalsekretär verkündet.

Sesshaft? Das wollen wir doch mal seh'n. Wo wollen wir denn mal studieren? Wie wär's mit Physik in Peking?

Kein Problem, Luzie fragen. Luzie ist die computeranimierte Seeräuberbraut auf der Web-Seite des DAAD, die ohne zu zögern der Internetseite der Pädagogischen Universität Peking verbindet.

Und was ist mit Geld? Kein Problem. Luzie bietet für dieses Studium eine Auswahl von 17 verschiedenen Förderprogrammen an. Um die 325 Euro im Monat etwa spuckt der DAAD aus. Formulare hält Luzie per Download bereit.

Ach, Luzie, wollen wir nicht lieber ein bisschen Arabisch studieren? Luzie: Wo denn? Wie wär's mit Tanger?

Wird vom DAAD verwaltet: das Erasmus-Programm

Wird vom DAAD verwaltet: das Erasmus-Programm

Luzie: Kein Problem. Sie schickt sogar einen Erfahrungsbericht von Gerda aus Graz, die auch Arabisch in Tanger studiert hat und darauf hinweist, dass das Studentinnenheim streng getrennt vom Studentenheim ist, beide werden leider abends um zehn fest verschlossen.

Mit dem Erasmus-Programm, das jeder Student kennt, hat das alles wenig zu tun. Der EU-Austausch wird zwar auch vom DAAD verwaltet, aber diese Abteilung gehört nicht mit aufs Piratenschiff. Die Philosophie, die hinter der Studentenverschickung in Europa steht, ist dieselbe, die den Bologna-Prozess regiert: Da geht es nicht um Vielfalt und Freiheit, sondern um Effektivität.

Masse, nicht Klasse: Die Auslandsaufenthalte der Erasmus-Studenten dauern oft nur drei Monate, mehr Zeit ist nicht, und mehr Geld gibt's nicht.

Nicht Vielfalt, Vereinheitlichung ist das Ziel der europäischen Bildungspolitik. Dazu liegen die Bildungspiraten vom DAAD quer. Wegen der wohlfeilen Konkurrenz der Erasmus-Bewegung wurden sie gezwungen, ihre eigenen europäischen Studentenaustausch-Programme einzustellen.

Der/die Krake grollt der "Black Pearl". Aus dem zweiten Teil der Geschichte über die Piraten der Karibik wissen wir, dass Johnny Depp, der tapfere Generalsekretär, am Ende von dem stinkenden Monster verschlungen wird, mitsamt seinem Hut. Aber keine Angst, Leute, es gibt jetzt einen dritten Teil.

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