Ex-Stanford-Professor Thrun: "Die Uni nutzt Methoden wie vor tausend Jahren"

Er war Professor an der US-Eliteschmiede Stanford - doch Sebastian Thrun, Experte für Künstliche Intelligenz, hat genug vom alten Uni-Geschäft. Im Interview erklärt er, warum er nur noch über eine Web-Plattform lehren will und was Hochschulen mit Ex-Freundinnen gemeinsam haben.

Bye, bye Stanford: Professor Thrun macht Schluss mit der Uni Fotos
Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Thrun, Sie haben ihre Professorenstelle in Stanford aufgegeben und möchten nun mit der Online-Universität Udacity die Hochschulbildung verändern. Wie haben Sie das bitteschön Ihren Kollegen erklärt?

Thrun: Viele meiner Kollegen möchten auch online unterrichten, würden dafür aber nicht unbedingt die Uni verlassen. Stanford-Professor zu sein ist eine schöne Sache. Aber es ist wie bei einem Bergsteiger: Das Klettern macht immer mehr Spaß, als auf dem Gipfel zu stehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gegen eine Ausbildung nur für Eliten, gegen teure Studiengebühren und halten Noten für einen Fehler im Bildungssystem. Warum geht einer wie Sie überhaupt an eine elitäre Uni wie Stanford?

Thrun: Weil ich das auch erst seit kurzer Zeit weiß. Es war für mich ein Lernprozess. Immerhin habe ich auch lange in diesem System mitgemacht. Mein Kurs im vergangenen Jahr hat mich aber ziemlich stark verändert.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen ihre Weltvorlesung, in der Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen Ihre Stanford-Vorlesung über Künstliche Intelligenz übers Netz abgehalten haben, einschließlich Prüfung. Weltweit konnte sich jeder kostenlos einschreiben. Was haben Sie dabei gelernt?

Thrun: Durch das Internet-Lehrprojekt habe ich gemerkt, was für eine wahnsinnige Macht dieses Medium hat. Als wir 160.000 Anmeldungen hatten, wurden wir von Stanford gebeten, keine weiteren Studenten mehr aufzunehmen. 23.000 Studenten haben am Ende eine Prüfung abgelegt und bestanden. Ich habe wirklich Tausende von Danke-E-Mails bekommen. Mit dieser einen Vorlesung habe ich mehr Menschen beeinflusst, als zuvor in meiner gesamten akademischen Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt Ihnen an der realen Universität?

Thrun: Das ist so, als wenn sie sich gerade in eine neue Frau verliebt haben und fragen: Was fehlt ihnen an der Ex? Erst mal gar nichts. Obwohl, die Arbeit mit den Doktoranden in Stanford war immer sehr gut. Aber für mich geht es nicht um das eine oder das andere. Es geht mir darum, Menschen zu erreichen, die man sonst nicht erreichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 20 Jahre an Universitäten gelehrt. Wie sollten Studenten heute lernen?

Thrun: Studenten lernen am Besten, wenn sie selbst ein Problem lösen müssen. Was wirklich nicht klappt sind die klassischen Vorlesungen. Für die Meisten sind sie zu schnell oder unverständlich. Ich selbst kann mich an einen deutschen Professor erinnern, der vor ein paar Jahren eine Antrittsvorlesung zur Künstlichen Intelligenz gehalten hat, also in meinem Fachgebiet - und ich habe nichts verstanden!

SPIEGEL ONLINE: Warum hat sich virtuelles Lernen bisher nicht durchsetzen können?

Thrun: Ich bin da ratlos. Trotz moderner Medien benutzen wir immer noch Unterrichtsmethoden wie vor 1000 Jahren. Dabei sollte Unterricht wie ein guter Film funktionieren. Er muss so spannend sein, dass man erst ausschaltet, wenn er vorbei ist. Ich glaube, Universitäten sind oft weniger innovativ als sie gerne wären.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die Nachteile der Online-Lehre?

Thrun: Musizieren etwa muss man mit den Händen, das können sie nur begrenzt online unterrichten. Außerdem fehlt die direkte Interaktion mit Menschen. Wenn sie einen Doktor machen oder in der Forschung aktiv sind, dann ist die persönliche Begegnung sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Mit zwei anderen Robotik-Forschern haben Sie nun das Unternehmen Udacity gegründet. Was kann man bei Ihnen lernen?

Thrun: Sie können an zwei Vorlesungen teilnehmen. Mein Kollege bringt einem das Programmieren bei und nach sieben Wochen können Sie Ihre eigene Suchmaschine erstellen. Ich zeige meinen Studenten, wie Sie ein selbstfahrendes Auto programmieren. Wir erklären Ihnen das nicht abstrakt, sondern Sie müssen als Teil der Ausbildung selbst etwas bauen. Das hat einen ganz eigenen Wert.

SPIEGEL ONLINE: Noch ist alles kostenlos. Wie ist die Resonanz?

Thrun: Wir haben über 80.000 Studenten, das finde ich erst mal eine rentable Zahl. Wir haben aber auch dazugelernt und benutzen inzwischen eine bessere Aufnahmetechnik und haben ein gutes Feedback-System.

SPIEGEL ONLINE: Sind diese Online-Studenten dann wieder nur Amerikaner und Europäer?

Thrun: Nein, zwar stammen zwei Drittel von dort, aber ein Drittel kommt auch aus Schwellen- und Entwicklungsländern.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Leuten, die keinen Zugang zur notwendigen Technik haben?

Thrun: Die gibt es. Aber im heutigen, überkommenen Hochschulwesen sind Personen ausgeschlossen, die im falschen Land wohnen, die zu alt, zu jung oder krank sind, und die, wie in den USA, keine 10.000 Dollar Studiengebühren bezahlen können. Ich denke, es geht darum, mehr Menschen Bildung zu ermöglichen, auch wenn man nicht direkt alle erreichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten auch für Google. Welchen Einfluss hat das Unternehmen auf Udacity?

Thrun: Tagsüber arbeite ich bei Google, nachts nehme ich meine Video-Podcasts für Udacity auf. Es gibt drei Gründer und eine Firma, die zur Finanzierung noch bei uns eingestiegen ist. Google gehört nichts und hat auch keinen Einfluss.

Das Interview führte Jonas Leppin

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Zur Person
  • DPA
    Sebastian Thrun, 44, wurde in Solingen geboren. Er studierte Informatik in Hildesheim und Bonn und lehrte an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, Pennsylvania. Bis zum vergangenen Jahr arbeitete er als Professor für Künstliche Intelligenz an der Universität Stanford in Kalifornien. Thrun war an der Entwicklung von Google Street View beteiligt und arbeitet derzeit wieder für das amerikanische Unternehmen. Seine Leidenschaft gilt dem fahrerlosen Auto. Mit der Online-Universität Udacity möchte er die Vorlesungen im Internet revolutionieren.
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