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Livestream für Medizinstudenten: Darmspiegelung im Heimkino

Von Marie-Charlotte Maas

Luftröhrenschnitt, ganz nah: In einem Sektions-Web-Stream können Medizinstudenten sich live und in Farbe ansehen, wie an Leichen operiert wird. Wo ungeübte Zuschauer erschaudern, bleiben angehende Mediziner locker - und lassen sich von blutigen Bildern das gemeinsame Dinner nicht verderben.

Ein sonniger Frühlingsabend im Mai, kurz nach 18 Uhr in einer Wohngemeinschaft im Frankfurter Stadtteil Niederrad: Raphael brät Gyros, Mitbewohnerin Jessica schnippelt Erdbeeren, Nachbarin Isabel rückt ein paar Stühle zurecht. Gleich soll er beginnen, der gemütliche Filmabend mit Snacks und kühlen Getränken. Gezeigt wird: "Die Luftröhrenchirurgie nach einem Schilddrüsenkarzinom". Handlung: Ein Toter wird operiert. Machart: Extremste Nahaufnahmen, quälend lange Einstellungen, Kamerafahrten ins Körperinnere. Ein 90-Minuten-Streifen für hartgesottene Splatterfans. Oder für Medizinstudenten wie Raphael, Jessica und ihre Gäste, die nun, einer nach dem anderen, an der Haustür klingeln.

Bei dem Schocker handelt es sich um eine Live-Übertragung im Internet, die in der Serie "Sectio chirurgica" läuft. Die ist bei angehenden Ärzten in ganz Deutschland mittlerweile ähnlich beliebt wie "Dr. House" und "Grey's Anatomy". Etwa acht Prozent aller Nachwuchsmediziner schalten ein.

In der 2010 gestarteten Sendung zeigen Chirurgen an Leichen, wie man nach den Regeln der Kunst untersucht und operiert: Herz-OPs, Darmspiegelungen, Entfernung der Prostata. Bei den Toten handelt es sich um Körperspender, deren Zahl seit Jahren rasant steigt. Übertragen wird aus dem Medizinischen Institut der Universität Tübingen, zuschauen dürfen alle Medizinstudenten der Republik, sofern sie sich registriert haben. 40.000 Hochschüler schalteten bei den bisher 48 Übertragungen ein, die meisten davon sitzen dabei irgendwo in einer WG-Küche oder in einem Studentenheim.

Raphaels Clique ist fast immer dabei. "Irgendwie hat das schon fast Kultstatus", sagt er. Man sei ganz dicht dran am OP-Tisch, bekomme viel zu sehen und lerne dabei mehr als in den Vorlesungen.

Kurz vor sieben geht's los: Zehn angehende Ärzte rücken in Raphaels Zimmer zusammen, Sitzmöbel und Bett sind besetzt, manche Nachwuchsmediziner balancieren Teller mit Gyros und Schalen mit Erdbeeren auf ihren Knien. Unterm Fenster steht ein Tischchen mit Laptop, auf dem gerade der Countdown läuft. 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 - 0! Es erschallt laute Orchestermusik wie beim Hollywood-Löwen von Metro Goldwyn Meyer. Dazu prangt in großen Lettern "Klinische Anatomie Tübingen" auf dem Bildschirm.

"Wir schalten nun rüber in den OP"

Nach ein paar Sekunden erscheint Bernhard Hirt, Oberarzt in der Tübinger Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Erfinder der "Sectio chirurgica". "Meine Damen und Herren", sagt er, "ich freue mich, Sie heute Abend begrüßen zu dürfen." Der Mann macht ein bisschen auf Ranga Yogeshwar, den smarten Wissensmoderator von der ARD, und bittet nun eine Dame Anfang vierzig auf die Bühne, deren Schilddrüse er zur Einstimmung auf die folgende OP per Ultraschall untersuchen möchte. Das kommt bei einigen Gästen nicht ganz so gut an. Langweilig. Man geht noch einmal kurz in die Küche, um Gyros-Nachschub zu holen, und ist erfreut, als Hirt kurz vor halb acht endlich sagt: "Wir schalten nun rüber in den OP."

Dort liegt ein toter Mann auf dem Tisch, dessen Gesicht aus ethischen Gründen bedeckt ist. Die OP übernimmt Dr. Paul-Stefan Mauz, ein Tübinger Chirurg. Er setzt den ersten Schnitt am Hals, alle schauen jetzt hochkonzentriert zu. Raphael zeigt seinem Kommilitonen Mako, wo er das Messer ansetzen würde. "Warum machen die immer so ein großes Loch?", fragt einer der Gäste. "Ich weiß nicht, ich glaub, da war ich nicht da", antwortet ein anderer. Raphael schlägt den Anatomie-Atlas auf, die Studenten vergleichen nun die Bilder im Buch mit denen aus dem Körperinneren, die auf dem Bildschirm zu sehen sind.

Alle, die zuschauen, können über einen Live-Chat Fragen an den Operateur senden. "Wie groß ist die Gefahr eines Pneumothorax bei einem solchen Eingriff?", will einer wissen. "Wie wird ein Patient bei einer solchen OP beatmet?"

Da schmeckt sogar Gyros, inklusive Zwiebeln und Tsatsiki

Für Laien sind die Live-OPs schwer verdaulich, Raphael und seine Kommilitonen erschrecken nur einmal kurz, als Operateur Mauz seinen Finger in eine Öffnung am Hals bohrt. "Uuuh!" - da entfährt sogar den Hartgesottenen ein Laut der Abscheu.

Ansonsten sind sich aber alle einig: Ohne den Geruch nach Formaldehyd, den sie normalerweise in den Präparierkursen zu ertragen haben und der sich gefühlt tagelang in den Nasenschleimhäuten hält, ist das Lernen auf diese Weise deutlich netter. Da schmeckt sogar Gyros, inklusive Zwiebeln und Tsatsiki.

Für Medizinstudenten sind die Live-OPs ein Geschenk. Denn Präparierkurse, bei denen sich lernen lässt, wie der Körper jenseits aller Modelle von innen aussieht, werden an den Unis trotz der vielen Körperspenden zu selten angeboten. Das Studium, sagt Bernhard Hirt, werde leider dominiert von dem, was Studenten wirklich quält: "das Faktenlernen".

Gegen halb neun ist die Luftröhren-OP beendet, Moderator Hirt verabschiedet sich von den Zuschauern. "Dies ist die letzte Sendung in diesem Semester", sagt er, wünscht allen Zuschauern Erfolg im Studium und verkündet: "Wir gehen jetzt Würstel grillen im Garten der Anatomie."

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1.
ganta 13.09.2012
Na wow. Das ist ja mal ganz neu. Das kann man schon seit Jahren auf Youtube gucken. Außerdem, wer so schlau ist Medizin zu studieren, dem könnte ja auch mal einfallen, beim Pflegepraktikum mal ne Woche in den OP zu wechseln ;) Tv gucken ist ja schön. Aber Live is das ganze nochmal um einiges besser.
2. ...
Newspeak 13.09.2012
Ich weiß nicht, warum man solche Dinge zensieren muß bzw. den Zugang restriktiv einschränken? Als ob so viele Menschen sich das zum Spaß anschauen würden. Und selbst wenn. Ist es schlecht, wenn mehr Menschen mehr über ihren Körper wüssten? Ich bin jedenfalls kein Mediziner, sondern nur Naturwissenschaftler, und wäre trotzdem interessiert. Das Ganze ist ein bißchen zu elitär konzipiert, um wirklich aufklärerisch zu sein. Begründet wird das mit der Würde der Toten. Man hat sich deshalb auch selbst dazu verpflichtet, das Ganze nicht aktiv zu bewerben. Aber an einer anderen Stelle der Homepage sucht man dann die Medizinstudenten-WG zwecks Homestory. Alles ein bißchen verlogen. Solche Dinge sollten kein Herrschaftswissen sein. Aber vielleicht haben die Herren Mediziner auch Angst, sich unvorteilhaft darzustellen. Den Status als Halbgötter-in-Weiß zu entzaubern. Es gab jedenfalls zu früheren Zeiten, als die Medizin noch nicht so eine selbstverliebte Wissenschaft war, öffentliche Sektionen. Aber wenn Menschen zuviel wissen könnten, wirkt das ja gesellschaftszersetzend. Man wird bewusst dumm gehalten. Man kann nur hoffen, daß es irgendwann Angebote gibt, die dieses Angebot überflüssig machen.
3. Gut so
schenky79 13.09.2012
Ich habe an dieser Veranstaltung vor einiger Zeit auch schon teilgenommen. Sie ist für Medizinstudenten lehrreich und interessant. Dass Vorlesungen (theoretisch) und auch die Sectio chirurgica nicht öffentlich zugänglich sind, ist für mich selbstverständlich. Die Körperspender haben (aus welchen Gründen auch immer) ihren Körper zu wissenschaftlichen Zwecken und ausserdem der Lehre gespendet. Es ist nur zu verständlich wenn sie vor der Sensationsgeilheit diverser Mitbürger geschützt werden. Mehr ist es nämlich nicht. Ist ja bestimmt "cool" mal ne echte Leiche zu sehen und noch eine OP dazu.Prima! Nein. Würde man den Zugang öffentlich machen, wäre der Tatort bald ohne Zuschauer. Nichts da mit elitärem Gehabe. Solche Argumente kommen immer von denen die keine Ahnung haben, aber davon reichlich. Warum sie sich benachteiligt fühlen, verstehe ich nicht. Wenn Sie wirklich an der Medizin und nicht an der Sensation interessiert sind, können Sie jederzeit ein Praktikum absolvieren und sich OPs live anschauen. Aber das ist natürlich weniger bequem als das vom heimischen PC aus zu verfolgen.
4. optional
BigBrainElephant 13.09.2012
Sehr gute Idee mit der Sendung, diese kann der Qualität der medizinischen Ausbildung nur zuträglich sein. @schenky79: Ihre Sorge bzgl. Sensationsgeilheit erscheint absolut unbegründet. Was ist denn heutzutage cool daran eine Leiche zu sehen oder eine OP ? Woher kommt diese Sorge ? Leichen kann sich heuzutage jeder im Netz ansehen soviel er will, sowas ist keine Sensation. Wenn Sie sagen newspeak hätte keine Ahnung müssen Sie auch sagen wovon er denn keine Ahnung hat, ansonsten ist es überflüssig und die Unterstellung der Sensationsgeilheit bleibt so unbegründet wie vor diesem Satz. Ich habe etwas technisches studiert und wäre auch durchaus an mehr medizinischem Wissen interessiert, einfach weil ich ein vielseitig interessierter Mensch bin und gerne lerne, gerade im medizinischen Bereich. Insofern sehe ich nichts schlechtes daran, wenn dieses Wissen mehr Leuten zugänglich wird, es gibt keinen Nachteil dadurch. Vielleicht könnte man doch einfach die Menschen entscheiden lassen, die Ihren Körper zur Verfügung stellen. Eine Abfrage, ob sie einverstanden sind, dass das gewonnene Wissen auch einer breiteren Masse zur Verfügung gestellt wird sollte von heute auf morgen ralisierbar sein. Ich wäre auf das Ergebnis gespannt, ich denke viele würden das befürworten und zulassen. und mal ehrlich, ein Praktikum als Berufstätiger, warum kommen Sie hier mit dem Argument der Bequemlichkeit ? Was ist denn schlecht daran das Lernen in diesem Fall anstelle von unmöglich (ein Praktikum als Berufstätiger halte ich für selten möglich, wenn man Verpflichtungen hat) sehr einfach zu machen ? Sagen Sie nicht Sie machen sich das Leben gerne schwer. Insofern widersprechen Sie sich irgendwie selbst und ich habe beim Lesen Ihres Postings den Verdacht, dass in der Ausführung von Newspeak doch mehr Wahrheit steckt....
5.
Nouchi 14.09.2012
Ich studiere Medizin in Tübingen und bei uns wird diese Veranstaltung separat zum Präparierkurs angeboten. Ich finde es von den Veranstaltern sehr nett, dass sie durch die online-Übertragung auch Medizinstudenten anderer Unis die Möglichkeit geben daran teilzuhaben. Das ist nicht selbstverständlich. Und zu ganta, Newspeak und Co: Diese Veranstaltung dient dazu Medizinstudierenden die Anatomie näher zu bringen. Das ist keine "Live-OP" wie man sie sich aus Grey's-Anatomy oder sonstwas vorstellen würde. Besonders schön ist, wie in dem Artikel schon beschrieben, der Anblick der konservierten Leichen nicht. Es hat auch nichts mit einer normalen OP zu tun, in der man irgendwo in dritter Reihe auf den Zehenspitzen versucht irgendwas zu sehen. Es ist einfach nur Studentenunterricht. Und das am Studentenunterricht nur Studenten teilnehmen finde ich weder elitär, noch sonstwas. Zusätzlich sollten Sie noch wissen, dass es eine Schweigepflicht für Mediziner gibt. Alle Medizinstudenten haben so eine Schweigeplfichtserklärung unterschrieben. Und die Schweigepflicht ist eines der höchsten Güter in der Medizin. Sie kann nicht einfach ausgehebelt werden, weil irgendjemand interessiertes auch gerne mal da reinschnuppern würde. Denn dann säßen Herr Hirt und Co ganz schnell hinter Gittern und es gäbe für niemanden mehr eine Sectio Chirurgica.
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