Seehund-Forschung: Fischköpfe für den pummeligen Assi

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Für Fisch tut Henry alles. Früher war der Seehund bissig, heute trägt er beim Schwimmen Strumpfmaske und Kopfhörer, als wäre das gar nichts. So erforscht Doktorand Sven Wieskotten, was das Raubtier mit seinen Barthaaren alles wahrnimmt - und im Warnemünder Becken ist Henry ganz Profi.

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Sven Wieskotten und Henry arbeiten seit acht Jahren zusammen. Erst Diplomand und Seehund, jetzt Doktorand und Seehund. Henry hat in dieser Zeit gelernt, dass er es sich gefallen lassen muss, wenn Wieskotten ihm die Augen verbindet und Kopfhörer aufsetzt. Sven Wieskotten hat gelernt, seine Hochfrequenzpfeife so lässig zwischen den Lippen zu balancieren wie einst James Dean eine Zigarette. Das ist praktisch, denn Henry muss an einem Arbeitstag sehr oft angepfiffen werden.

Der Doktorand pfeift immer, wenn Henry etwas richtig macht, zum Lohn gibt es ein Stück Fisch. Jedes Mal, das erhöht die Motivation. Und je motivierter Henry ist, desto schneller kommt Wieskotten mit seinen Studien voran.

Hydrodynamische Spurverfolgung ist das Spezialgebiet des 33-Jährigen. Er untersucht in seiner Dissertation an der Uni Rostock, wie leistungsfähig die Barthaare der Robben ist, ihr sogenanntes Vibrissensystem. Seine Ergebnisse könnten bei der Entwicklung neuer Sensortechniken helfen und so etwa den Bau von Unterwasserrobotern revolutionieren.

Mit Strumpfmaske dem Gummifisch hinterher

Seehunde können mit geschlossenen Augen der Spur eines Fisches folgen, ähnlich wie Hunde der Fährte eines Hasen nachjagen. Was Seehunde auszeichnet: Mit ihren Barthaaren nehmen sie kleinste Verwirbelungen im Wasser wahr und können sogar die Richtung eines Paddelschlages bestimmen, wenn das Paddel schon wieder im Boot liegt.

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Forschende Biologen: Frischfisch für Henry

Das haben die Warnemünder Forscher in unzähligen Experimenten herausgefunden, sie seien auf diesem Gebiet mit führend in der Welt, sagt Wieskotten. Damit Henry bei dem Versuchen nicht schummelt und auch wirklich nur seine Barthaare einsetzt, bekommt er die Augen mit einer Strumpfmaske verbunden und Kopfhörer aufgesetzt. Dann zieht eine Kollegin einen Plastikfisch an einer Angel durchs Wasser und an irgendeiner Stelle aus dem Aquarium heraus.

Hängt der Fisch über der Wasseroberfläche, nimmt Sven seinem Schützling die Kopfhörer ab, und Henry verfolgt mit verbundenen Augen die Spur des Fisch-Dummies. Wenn er genau dort auftaucht, wo der Fisch hängt, kommt der ersehnte Pfiff - und es gibt ein Fischhäppchen.

Forschen am "Arsch der Welt"

Vielleicht 1000 Mal haben Wieskotten und der Seehund Henry solche Versuche bereits absolviert. Die beiden sind sogar schon zusammen umgezogen, von Köln nach Warnemünde an der Ostsee, zusammen mit acht anderen Seehunden und rund zehn weiteren Wissenschaftlern.

Für Henry war das eine enorme Verbesserung, so Wieskotten. Hier hat er richtiges Meerwasser und mehr Platz zum Schwimmen und Sonnen. Für den Doktoranden war es dagegen ein Umzug "an den Arsch der Welt", sagt er und lacht. Dennoch will er auch nach Abschluss seiner Dissertation hier bleiben und weiter auf dem zur Forschungstation umgebauten ehemaligen Passagierschiff seines Professors arbeiten.

Das Schiff im Yachthafen von Warnemünde dient als Institutsgebäude, Guido Dehnhardt, Leiter und Gründer des Robbenforschungszentrums, wohnt auch dort. Ursprünglich lehrte und forschte er als Privatdozent an der Uni Bochum. Henry und seine Artgenossen hatte er von verschiedenen Zoos gekauft und sie zunächst im Kölner Zoo in einem eigenen Forschungsbecken untergebracht. Eine mit 1,5 Millionen Euro dotierte Stiftungsprofessur ermöglichte Dehnhardt und seinem Team im Mai 2008 den Umzug nach Warnemünde.

"Wir könnten auch mit Hunden oder Affen arbeiten"

Sven Wieskotten hat beim Umbau des alten Schiffes mitgeholfen, hat Wände gestrichen, Rohre geflickt und Netze für das Seehundbecken gespannt. Mit einer Größe von 60 mal 30 Metern und einer Tiefe von sechs Metern sei es das größte seiner Art weltweit, schreiben die Forscher stolz auf ihrer Webseite. Alle zwei Wochen taucht Wieskotten ins Ostseewasser und sucht das Netz nach Löchern und Treibgut ab. Einmal seien zwei Seehunde durch ein Loch entwischt, erzählt Wieskotten. "Aber nach einem Pfiff sind sie sofort wieder zurückgekommen."

In naher Zukunft wollen die Biologen mit den Seehunden sogar im offenen Meer arbeiten. Als Meeresbiologen verstehen sie sich aber nicht: "Wir könnten auch mit Hunden, Katzen oder Affen arbeiten, das ist ganz egal."

Wieskotten hat eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, 20 Stunden oder so, genau weiß er es gar nicht, denn auf dem umgebauten Schiff ist er sowieso jeden Tag, meist von morgens bis abends. Wenn er nicht mit Henry arbeitet oder nach Löchern taucht, drittelt er Fische, wälzt Fachbücher, wertet Henrys Daten aus, bringt die Ergebnisse zu Papier. Oder trainiert mit Finn, einem jungen Seebär, den sein Professor vor kurzem gekauft hat.

Alles für den Fisch

Bevor die Tiere wissenschaftlich arbeiten können, müssen sie erstmal ihren Namen und wichtige Befehle lernen. Für jede Handlung gibt es ein Handzeichen. Die Handinnenfläche im Halbkreis nach oben drehen, das heißt: auf den Rücken rollen. Die Hand heben, heißt Stopp. Und mit beiden Händen an die Beine klopfen, so lautet das Signal zum Flossenklatschen auf den Fußboden. Aber das ist unwissenschaftlich, das befiehlt Wieskotten nur zum Spaß.

Die Erziehung von Finn teilt er sich mit seinen Kollegen. Die Bisse auch. "Es ist nicht so schlimm wie ein Hundebiss, aber die Wunde kann sich böse entzünden", sagt der Doktorand. Auch Henry sei am Anfang "ein richtiger Beißer" gewesen und schnappe selbst heute noch manchmal zu. Von den großen runden Augen und dem scheinbar freundlichen Ausdruck dürfe man sich nicht täuschen lassen.

"Man kann viel in Seehunde hineininterpretieren, aber letztlich geht es ihnen nur um den Fisch", sagt Sven. Robben seien nicht so sozial wie zum Beispiel Hunde oder Seelöwen. "Sie sind keine Rudeltiere, jeder liegt für sich auf der Sandbank herum." Für Henry und seine Artgenossen ist die Sandbank der Bootsteg vor ihrem Becken. Im Sommer könne man sich dort auch zu ihnen legen und sie knuddeln, sagt Sven. "Aber wenn ich ohne Fisch ins Becken gehen, interessiert es die einen Pups."

Beim Seehundschwimmen, das Sven in den Sommermonaten alle zwei Wochen betreut, wollen die Besucher davon aber nichts wissen. Sie brauchten nur ihre Hände auszustrecken, schon stupse Henry seine weiche Schnauze hinein. "Er ist ein abgefuckter Profi", sagt Sven.

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