Von Lena Greiner
Hamburg - Sie werden mehr, und sie werden jünger. Sogenannte G-8-Abiturienten aus fünf Bundesländern beginnen in diesem Wintersemester ihr Studium. Sie haben das achtjährige Gymnasium hinter sich - und 3000 bis 4000 von ihnen sind noch unter 18 Jahren, schätzt der Sprecher des Deutschen Studentenwerks, Stefan Grob.
Allein in Berlin gibt es fast 300 minderjährige Studienanfänger. Die Stadt fördert ihre jüngsten Studenten sogar mit einer Quote: Wer unter 18 ist und aus Berlin stammt, wird bei der Studienplatzvergabe bevorzugt.
Doch noch können die Campusküken die Freiheiten des Studentenlebens nicht in vollen Zügen genießen. Wer minderjährig ist, braucht bereits für die Immatrikulation die Einwilligung der Eltern. Und so geht es weiter: Theoretisch dürfen 17-Jährige keinen Bibliotheksausweis beantragen, auf Uni-Partys keinen hochprozentigen Alkohol trinken und sich nicht ohne Erlaubnis für den Hochschulsport oder Ausflüge anmelden.
Sogar die Hochschulcomputer müssten eigentlich tabu sein oder für nicht-jugendfreie Inhalte gesperrt werden. Ebenso sollten anstößige Themen, Bilder und Texte aus Vorlesungen und Seminaren verbannt werden, die Minderjährige belegen.
Das sind vergleichsweise neue Probleme für die Hochschulen, die eh gerade genug damit zu tun haben, den Erstsemesteransturm zu bewältigen. An vielen Unis starten in dieser Woche die Vorlesungen und wieder dürfte es eng werden in Hörsälen und Seminarräumen.
HU Berlin behandelt die Küken wie alle anderen auch
Damit die jungen Erstsemester nicht jedes Mal zu Mama und Papa rennen müssen, reicht an vielen Universitäten eine einmalige Generaleinwilligung der Eltern aus, sagt Stefanie Bursch, Referatsleiterin für Hochschulzulassung bei der Hochschulrektorenkonferenz. Eine solche Vollmacht umfasst alle studienrelevanten Aktivitäten.
Doch noch obliegt es den Hochschulen selbst, wie sie das Problem handhaben. Die Berliner Humboldt-Universität (HU) agiert bei dem Thema zum Beispiel gelassen, sie verlangt eine Zustimmung der Eltern nur für die Bewerbung. "Im Falle einer Zulassung werden sie in rechtlicher Hinsicht wie alle anderen Studierenden behandelt", sagt Pressereferent Ibou Diop.
Mittelfristig bedarf es aber einer gesetzlichen Lösung, sagt Busch. "Die Länder werden voraussichtlich in ihre Hochschulgesetze aufnehmen, dass bereits minderjährige Studenten voll handlungsfähig sind." Einen Mietvertrag oder eine Vereinbarung mit einem Stromanbieter dürfen sie dann zwar immer noch nicht abschließen, zumindest müssten sie aber nicht mehr ihre Eltern um Erlaubnis für einen Spanischkurs bitten.
Neben den G-8-Frischlingen aus Berlin, Brandenburg, Bremen, Baden-Württemberg, und Hessen kämpfen auch die anderen Erstsemester in diesen Tagen mit den großen und kleinen Problemen zu Semesterbeginn. Lag die Rekordzahl an Studienanfängern im Jahr 2009 noch bei gut 420.000, begannen im vergangenen Jahr zum ersten Mal mehr als 500.000 junge Menschen mit einem Studium.
Wie viele es dieses Jahr genau werden, wird erst Ende November bekannt sein. Das Doppel-Abi und die Aussetzung der Wehrpflicht sorgen jedoch in jedem Fall für eine anhaltende Studentenflut. "Wir schätzen, dass es in diesem Wintersemester zwischen 450.000 und 500.000 Studienanfänger gibt", sagt Grob. Das bedeutet: volle Hörsäle, Schlangestehen in der Mensa, Warten auf den Bafög-Bescheid. Auf der verzweifelten Suche nach einer Bleibe nehmen einige sogar skurrile Unterkünfte in Kauf.
39.000 Bewerber auf 5800 Plätze
Der Ansturm auf die deutschen Hochschulen wirkt sich nach Ansicht des Bildungsexperten und Präsidenten des Deutschen Studentenwerks, Dieter Timmermann, mittlerweile negativ auf das Studentenleben aus. Diejenigen, die jetzt studierten oder in den kommenden Jahren anfangen würden, hätten "schlechtere Bedingungen als die Generationen vor ihnen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".
Ein Hilferuf kommt zum Beispiel von einer Fachschaftsinitiative der Universität Erlangen. Dort wurde zu diesem Wintersemester der Numerus Clausus für den Bachelorstudiengang Biologie abgeschafft. Die Folge: 43 Prozent mehr Studenten als für den Studiengang vorgesehen sind. Nun fürchten die Anfänger, keinen Laborplatz zu bekommen oder ihr Studium verlängern zu müssen.
Angesichts der vielen verschickten Absagen, nehmen die meisten neuen Studenten solche Zustände jedoch gern in Kauf - Hauptsache, sie haben überhaupt einen Studienplatz bekommen. So erhielt die HU in Berlin 39.000 Bewerbungen für Bachelor- und Masterstudiengänge - bei 5800 zu vergebenen Plätzen in zulassungsbeschränkten Fächern. 4600 Bewerbungen mehr als noch vor einem Jahr zählt die Uni, dabei wurden gerade mal um die 650 zusätzliche Bachelor-Plätze geschaffen. Und an der Technischen Universität (TU) in Berlin bewarben sich auf die 2640 zulassungsbeschränkten Plätze in Bachelorstudiengängen 14.200 Interessierte.
Die immens hohen Zahlen an Bewerbungen liegen offenbar auch an der steigenden Anzahl von Mehrfachbewerbungen, die den Unis zunehmend organisatorische Probleme bereiten. Daran können sich alle Beteiligten jedoch schon mal gewöhnen: Frühestens für das Jahr 2021 rechnen Experten mit einem Absinken der Studienanfängerzahlen unter das Niveau von 2010 mit 442.000 Erstsemestern.
Mit Material von AFP und dapd
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