Anti-Terror-Razzia: Erasmus-Studentin sitzt in türkischem Knast

Aufgewachsen ist sie in Frankreich, sie studierte in Lyon, dann ging Sevil Sevimli, 20, für ein Erasmus-Jahr in die Türkei. Dort sitzt sie jetzt seit zwei Monaten im Gefängnis. Ihr Vergehen: ein Konzert- und ein Demo-Besuch.

Französische Studentin: Erasmus im Knast Fotos
AFP / SEVIMLI FAMILY

Es ist eine ziemlich normale Studentin, die da seit über zwei Monaten in türkischer Untersuchungshaft sitzt, jedenfalls eine ziemlich normale linke Studentin: Sevil Sevimli, 20, studiert eigentlich in Lyon Kommunikationswissenschaft; Karl Marx gibt sie bei Facebook als einen ihrer Lieblingsautoren an, Musik hört sie am liebsten von den Beatles und von Grup Yorum, einer linken türkischen Band.

Im letzten Sommer ging Sevil Sevimli, Tochter kurdischer Einwanderer aus der Türkei, als Erasmus-Studentin in die Heimat ihrer Eltern. Sie entschied sich für die anatolische Provinz Eskisehir, um das Land besser kennenzulernen. Aber natürlich fuhr sie auch nach Istanbul, einer Stadt, die zu einem Magneten für Europas feierfreudige Jugend geworden ist. Sevil Sevimli fuhr hin, um Grup Yorum bei einem Konzert zu hören, zusammen mit Zehntausenden anderen; im Frühling war das. Dieser Konzertbesuch wird ihr mittlerweile zum Vorwurf gemacht, so berichten es übereinstimmend "Le Monde" und einige türkische Zeitungen.

Anfang Mai haben türkische Sicherheitskräfte die junge Frau demnach in Eskisehir festgenommen, gemeinsam mit fünf anderen Studenten, bei einer Anti-Terror-Aktion gegen die DHKP-C, einer linksextremen Untergrundorgansation, die eine Kombination von politischer Arbeit und militanten Aktionen propagiert. Sie ist sowohl in der Türkei als auch in Deutschland verboten. Seitdem sitzt Sevil Sevimli, die in Frankreich aufwuchs, in der Türkei in Untersuchungshaft. Falls es ein Gericht als erwiesen ansehen sollte, dass sie Verbindungen zu der Organisation hatte, drohen ihr den Berichten zufolge bis zu 12 Jahre Haft.

"Ich habe keine Verbindung zu einer Organisation"

Die türkische Zeitung "Millyet" bezieht sich auf Sevimlis Anwalt und berichtet, der Studentin werde neben dem Konzertbesuch noch vorgeworfen, bei einer Demonstration am 1. Mai mitmarschiert zu sein und ein Transparent aufgehängt zu haben, auf dem freie Bildung für alle gefordert wird. Sevimli wird mit den Worten zitiert, die Transparent-Aktion sei nicht illegal gewesen: "Ich bin eine Studentin, ich habe keine Verbindungen zu irgendeiner Organisation."

Der Fall Sevimli zeigt erneut, wie drastisch die Türkei gegen politisch aktive Studenten vorgeht. An den Unis tobt schon seit einiger Zeit ein Kulturkampf, bei dem es vor allem linke und liberale schwer haben. Hunderte Studenten landeten wegen ihrer Aktionen bereits in Gefängniszellen.

Rechtlich ist der Fall besonders brisant, weil Sevil die doppelte Staatsbürgerschaft hat, wie unter anderem "Le Monde" schreibt. Die türkische Justiz sieht sie als Türkin, Frankreich als Französin. Dementsprechend groß ist die Empörung: Familie, Freunde, selbst der Uni-Rektor - sie alle lassen sich interviewen und verlangen, dass die Studentin freikommt. "Le Monde" fragt in einer Schlagzeile den türkischen Regierungschef: "Welches Verbrechen hat Sevil Sevimli begangen, Herr Erdogan?" Wie sie behandelt werde, stehe in keinem Verhältnis zu den Vorwürfen.

Wann und ob sie freikommt, ist völlig unklar. Mehrfach hat ihre Mutter Sevil Sevimli besucht. Tag für Tag demonstriert sie vor dem Gefängnis in Eskisehir. Mittlerweile droht sie, in den Hungerstreik zu treten: Sie werde das Land nicht ohne ihre Tochter verlassen.

otr

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